Eigentlich könnte die Ecke eine der heißesten des Wedding sein. Direkt an der Kreuzung der U6 mit dem S-Bahn-Ring gelegen, haben sich vergleichbare Lagen in der Berliner Innenstadt längst zu pulsierenden Zentren entwickelt. Der Bereich südlich des S-Bahnhofs Wedding dagegen liegt immer noch fest im Dornröschenschlaf.

Gleich am Eingang zum S-Bahnhof präsentiert sich ein geradezu musealer Discounter aus den 1970er Jahren. Mit Parkplatz und Tiefgarage, wie es sich gehört, wobei die Tiefgarage seit Ewigkeiten gesperrt ist – angeblich ist dort die Deckenhöhe zu niedrig für zeitgenössische Automobile. Das ist aber auch völlig egal, denn auf dem Parkplatz vor dem schwarzen Netto ist immer Platz. Im Laden herrscht kaum Betrieb, ganz im Gegensatz zum neuen „Edeka Fromm“ etwa 150 Meter weiter die Müllerstraße hinauf, auf der anderen Seite des S-Bahnhofs. Dort ist von morgens bis abends an den Kassen Betrieb, weil hier viele Umsteiger vorbeikommen, die mal schnell ein paar Sachen einkaufen.

In den schwarzen Netto dagegen trauen sich nur die ganz Hartgesottenen. So abgeranzt präsentiert sich der Wedding nämlich nur noch an wenigen Flecken. Dieser hier hat den Entwicklungsschub der 1990er Jahre völlig verschlafen: Als der S-Bahnhof im Jahr 2002 nach 22 Jahren wieder in Betrieb genommen wurde, war der Kuchen nämlich schon aufgeteilt und die meisten Einkaufscenter gebaut. Zu Mauerzeiten war das Zentrum des Wedding zudem gezielt an den Leopoldplatz verlegt worden, wo seit 1961 die neue U9 verkehrte und im Jahr 1978 das große Warenhaus seine Pforten öffnete. Der Bereich südlich des S-Bahnhofs gilt seither planungsrechtlich als eine Art Erweiterungsfläche für die Schering AG auf der anderen Seite der Müllerstraße, die inzwischen unter dem Namen „Bayer Healthcare“ bekannt ist. Auch diese Festlegung blockiert bis heute die städtebauliche Entwicklung.

Das soll sich jetzt ändern. Das Bezirksamt beschloss am 2. September die Konkretisierung der Sanierungsziele des Gebiets Müllerstraße durch das Blockkonzept „Block 205 und Block 212“ (siehe auch unseren Bericht). Block 205 bezeichnet dabei den dreieckigen Bereich zwischen S-Bahn-Trasse und Lindower Straße südlich des Martha-Ndumbe-Platzes (ehem. Nettelbeckplatz), Block 212 den wesentlich größeren, durch die Reinickendorfer, die Fenn- und die Müllerstraße begrenzten Bereich südöstlich des S-Bahnhofs Wedding. Damit wird in der Endphase des Sanierungsgebiets Müllerstraße noch ein wichtiges Projekt zur Neuordnung des Stadtraums auf den Weg gebracht.
Hauptziel ist dabei, zusammen mit den beiden großen Grundstückseigentümern im Block 212 einen Bebauungsplan auszuarbeiten, der neues Baurecht für einen Großteil der Fläche schaffen soll. Ausgeklammert sind die bestehenden Wohnhäuser entlang der Reinickendorfer und des Ausläufers der Fennstraße am Weddingplatz. Dort ist die Aufstellung eines Bebauungsplans schon beschlossen, der die bestehende Wohnnutzung absichert.

Im Grundsatz sind sich die beiden großen Eigentümer, die Handelskette Netto des dänischen Handelskonzerns „Salling Group“ und Bayer Healthcare, mit dem Bezirk auch schon einig. Netto gehört der besagte Discounter samt Tiefgarage und Parkplatz, Bayer das Grundstück dahinter, das bis zur Reinickendorfer Straße 113 reicht und über eine Einfahrt unter dem Wohnhaus erschlossen ist. Auf dem hinteren Teil stehen zwei dreistöckige Gewerbebauten mit Büros. Zu Bayer gehört weiterhin das Parkhaus an der Müllerstraße, das Mitte der 2010er Jahre saniert wurde und auf dessen Dach die Betriebskita untergebracht ist. Dieses Parkhaus mit Kita soll erhalten bleiben. Der offene Parkplatz direkt daneben sowie ein weiteres niedriges Bürogebäude auf dem hinteren Grundstücksteil können nach dem Willen von Bayer jedoch neu bebaut werden. Sinnvoll wäre es, alle drei Grundstücke gemeinsam zu entwickeln.
Da liegt der Teufel aber bekanntlich im Detail. Zudem stehen derzeit in Berlin die Projektentwickler auch nicht gerade Schlange: Der Berliner Büroflächenmarkt ist zusammengebrochen und es erscheint fraglich, ob er sich in absehbarer Zeit noch einmal erholen wird. Denn der zunehmende Einsatz von KI rationalisiert ja vor allem die Arbeit am Rechner und spart somit Bürofläche. Wohnungsbau dagegen wäre direkt am S-Bahnhof wegen Lärmschutz nicht durchgehend möglich.

Die Laufzeit des Sanierungsgebietes Müllerstraße endet im Jahr 2028. Wenn bis dahin ein neuer Bebauungsplan nicht grundsätzlich ausgearbeitet ist, könnte es lange dauern, bis wieder jemand einen neuen Anlauf versucht.
Autor: Christof Schaffelder
Dieser Artikel wurde zuerst in der Zeitschrift Ecke Müllerstraße veröffentlicht.


Ich mag den netto aus den 70ern gerne und genieße, dass es dort ruhig ist. Muss doch nicht alles aussehen wie friedrichstraße. Und preiswert ist es so auch.
Gibt es dort nicht etliche S-Bahnbögen, die wie auch in anderen Bezirken mit Läden gefüllt werden können und die gute Laune machen und Leute anziehen? Anstatt dieser schäbigen großen Flächen voller Schranken, Dreck und abweisender Atmo.
In der Tat ein sehr interessantes und wichtiges Entwicklungsgebiet.
Besonders sie Situation am netto ist einfach nur zum Davonlaufen! Wirklich schäbig. Wenn, dann habe ich mich nur selten zu den freundlichen Mitarbeitenden im guten Tierbedarfsladen begeben.
Hinsichtlich der Einschränkung des Wohnungsbaus dort. Ich verstehe nach wie vor nicht warum in der Lynarstraße im dortigen Holzhaus (direkt an der Ringbahn), übrigens mit Balkonen und Wohnungen weit über die Schallschutzmauer der Bahntrasse hinausragend, gewohnt werden darf aber nicht/ fast nicht wo der netto ist.
Das obere Foto gefällt mir gut: Der Wedding auf den Punkt gebracht: Bunt und manchmal grell und gleich daneben runtergekommen und verranzt. Wer hat dieses Symbolbild aufgenommen?