Bei den Flying Roasters sieht der Kaffeetrinker durch

Von links nach rechts: Olli Klitsch, Georg Ruhm und Nadi­ne Hey­mann. Foto: And­rei Schnell

Der Kaf­fee­rös­ter Fly­ing Roas­ters in der Hoch­stra­ße will, dass sei­ne Kun­den klar sehen und hat des­halb einen Trans­pa­renz­be­richt ver­öf­fent­licht. Der Wed­ding­wei­ser besuch­te aus die­sem Anlass die drei enga­gier­ten Rös­ter, um bei ihnen nach­zu­fra­gen. Nadi­ne Hey­mann, Olli Klitsch und Georg Ruhm sind in einer alten Gara­ge im drit­ten Hin­ter­hof zu tref­fen. Nach­dem Olli vor­ge­führt hat, wie die über 20.000 Euro teu­re Röst­ma­schi­ne funk­tio­niert, sit­zen alle dicht an einem eiser­nen Ofen, der wenigs­tens eine klei­ne Ecke des Rau­mes wärmt. Es wird ein Cap­puc­ci­no ser­viert, der wirk­lich gut ist. Was an dem Cap­puc­ci­no sonst noch gut ist, das erzäh­len die drei im Interview.

Wed­ding­wei­ser: Fly­ing Roas­ters hat einen Trans­pa­renz­be­richt ver­öf­fent­licht. Was ist das überhaupt?

Olli Klitsch. Im Hin­ter­grund zwei Ton­nen Roh­kaf­fee. Foto: And­rei Schnell

Olli Klitsch: Wir möch­ten offen legen, wie wir arbei­ten. Beim The­ma Kaf­fee ist oft ver­schwom­men, was hin­ter den Kulis­sen pas­siert: Was bezah­len die Rös­ter im Ein­kauf für den Kaf­fee? Wo kommt der Kaf­fee her, der ver­ar­bei­tet wird? Wie ist das Unter­neh­men struk­tu­riert? Wir kau­fen unse­ren Kaf­fee nur bei klein­bäu­er­li­chen Koope­ra­ti­ven ein und wir wol­len nicht nur mit den Pro­du­zen­ten des Roh­kaf­fees in enger und offe­ner Kom­mu­ni­ka­ti­on ste­hen. Mit dem jähr­li­chen Trans­pa­renz­be­richt wol­len wie die gesam­te Ket­te von den Pro­du­zen­ten bis in die Tas­sen der Kon­su­men­ten und Kon­su­men­tin­nen nach­voll­zieh­ba­rer machen und in Kom­mu­ni­ka­ti­on über Han­dels­we­ge treten.

Georg Ruhm: Für uns gehört ein Trans­pa­renz­be­richt letzt­lich dazu, wie wir arbei­ten und wirt­schaf­ten wol­len. Alle, die unse­ren Kaf­fee trin­ken sol­len auch wis­sen, was wir war­um und wie machen. Nach­voll­zieh­bar­keit ist uns wichtig.

Wed­ding­wei­ser: Ihr nennt Euch ein Kol­lek­tiv. Was wollt ihr damit ausdrücken?

Olli: Wir haben uns nach innen ein Sta­tut gege­ben. Dar­in steht unter ande­rem, dass wir drei gleich­be­rech­tigt sind. Wir tref­fen uns ein­mal pro Woche zu einer Arbeits­be­spre­chung. Auf die­sem ver­tei­len wir die Ver­ant­wort­lich­kei­ten für alles, was gera­de ansteht, wobei wir alle Ent­schei­dun­gen gemein­sam tref­fen. Im Vor­der­grund steht also die gemein­sa­me Ver­ant­wor­tung und die gemein­sa­men Ent­schei­dun­gen. Auch wenn wir wach­sen, wer­den wir Fly­ing Roas­ters immer mit allen zusam­men wei­ter ent­wi­ckeln. Dar­um geht es uns. Das heißt natür­lich nicht, dass jeder immer alles macht, aber dass alle immer wis­sen, was gera­de ansteht und wie wir wei­ter arbeiten.

Wed­ding­wei­ser: In Eurem Logo ist ein Stern zen­tral. Seht ihr euch als ein lin­kes Projekt?

Ver­kauf direkt von der Maschi­ne ist zu den Öff­nungs­zei­ten mög­lich. Foto: And­rei Schnell

Georg: Wenn man das so sagt, klingt fast ein wenig komisch. Aber es stimmt schon, dass wir ande­re Wege gehen wol­len. Wir wol­len das Koope­ra­ti­ve beto­nen, das Kol­lek­ti­ve, die Offen­heit unse­res Röst­kol­lek­tivs. Uns ist die Aus­sa­ge wich­tig: united we stand – gemein­sam errei­chen wir mehr.

Wed­ding­wei­ser: In Eurem Trans­pa­renz­be­richt steht viel über Geld. Was hat es zum Bei­spiel mit dem Min­dest­preis auf sich?

Ein flie­gen­der Vogel ist Erken­nungs­zei­chen auf der Ver­pa­ckung. Foto: And­rei Schnell

Olli: Wir sind Teil des Netz­werks Roas­ters United. Das Netz­werk hat sich auf einen Min­dest­preis geei­nigt, den wir den Koope­ra­ti­ven auf jeden Fall zah­len. Die­ser liegt bei 6,06 Dol­lar pro Kilo Kaf­fee. Im ver­gan­ge­nen Jahr haben wir jedoch immer deut­lich mehr gezahlt: Unser durch­schnitt­li­cher Ein­kaufs­preis an die Koope­ra­ti­ven lag bei 6,83 Euro. Da der Kaf­fee­preis auf dem Welt­markt erheb­li­chen Schwan­kun­gen unter­liegt, ist ein Min­dest­preis wich­tig für die Pro­du­zen­ten. Nur so kön­nen sie sicher und lang­fris­tig pla­nen und uns wei­ter­hin groß­ar­ti­ge Qua­li­tä­ten lie­fern, für die wir auch ger­ne mehr zahlen.

Georg: Zudem kommt es den Koope­ra­ti­ven und damit auch den Anbau­ern zu gute, dass wir den Kaf­fee direkt ein­kau­fen. Durch direk­ten Han­del kommt das Geld auch bei den Koope­ra­ti­ven an, ohne dass die vie­len Zwi­schen­han­dels­sta­tio­nen davon einen gro­ßen Teil bekom­men. Wir zah­len die­sen Preis eben nicht an Zwi­schen­händ­ler, son­dern direkt an die Koope­ra­ti­ven in den Anbauländern.

Wed­ding­wei­ser: Ihr arbei­tet also in einer Import-Gemein­schaft, die Roas­ters United, mit. Wer ist das?

Olli: Das sind im Moment elf klei­ne­re Rös­te­rei­en in Euro­pa. Roas­ters United hat sich vor drei Jah­ren gegrün­det. Zunächst war es nur ein loser Import­ver­bund. Allen ange­schlos­se­nen Rös­te­rei­en ist gemein­sam, dass sie Wert auf bio­lo­gi­schen Anbau, hohe Qua­li­tät und einen fai­ren Han­del legen Wir bezie­hen aus­schließ­lich Roh­kaf­fee, der nach der Bewer­tung nach der Spe­cial­ty Cof­fee Asso­cia­ti­on of Ame­ri­ca min­des­tens 83 Punk­te erreicht hat – also ein Spe­zia­li­tä­ten-Kaf­fee ist. Als Mit­glied bei Roas­ters United bezie­hen wir den Roh­kaf­fee direkt von klei­nen demo­kra­tisch orga­ni­sier­ten Kooperativen.

Wed­ding­wei­ser: Wer sind Eure Pro­du­zen­ten? Ihr sprecht von Kooperativen.

Olli: Alle Koope­ra­ti­ven schau­en wir uns selbst an. Aktu­ell zum Bei­spiel fliegt einer von uns nach Hon­du­ras, um dort eine neue Koope­ra­ti­ve vor Ort ken­nen zu ler­nen. Die Koope­ra­ti­ven sind Zusam­men­schlüs­se von Far­mern aus der Regi­on, ähn­lich wie die deut­schen Winzergenossenschaften.

Georg: Wir schau­en genau, dass es kei­ne Kaf­fee­plan­ta­ge ist, die einer ein­zel­nen Per­son oder einer ein­zel­nen Fami­lie gehört. Die Koope­ra­ti­ve muss ein ech­ter Ver­bund sein. Vor allem müs­sen demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren dahin­ter stehen.

Olli: Das schau­en wir uns sehr genau an. Ist es nicht auf ein­mal doch immer die sel­be Per­son, die Prä­si­dent der Koope­ra­ti­ve ist? Wir wol­len sehen, dass Geld an alle Mit­glie­der der Koope­ra­ti­ve fließt. Wir ach­ten auch dar­auf, wie das Geld, das die Koope­ra­ti­ve bekommt, sonst noch ver­wen­det wird. Gibt es zum Bei­spiel Bil­dungs­pro­jek­te oder ande­re für alle wich­ti­ge Auf­ga­ben, die die Koope­ra­ti­ve übernimmt.

Georg: Natür­lich befin­den wir uns dabei am Anfang. Wir wer­den mit Fly­ing Roas­ters nicht die Welt ret­ten. Aber wir wol­len mit dem, was wir machen, etwas Gutes tun und die Kom­mu­ni­ka­ti­on über Han­dels­we­ge und Ver­ar­bei­tung im Kaf­fee­be­reich anre­gen. Und der Trans­pa­renz­be­richt ermög­licht unse­ren Kun­den und Kun­din­nen sich über die Wege ihres Kaf­fees zu informieren.

ÖFFNUNGSZEITEN in der Hoch­stra­ße 43 (Stand Janu­ar 2016):
Mon­tag von 12 bis 17 Uhr
Mitt­woch von 8.30 bis 13 Uhr
Frei­tag von 12 bis 15 Uhr

LINKS

Unser Bei­trag über die Fly­ing Roas­ters
Web­sei­te mit Online-Shop der Fly­ing Roas­ters und dort der Trans­pa­renz­be­richt 2017

Inter­view und Fotos: And­rei Schnell

Andrei Schnell

Mit ostdeutschem Hintergrund bin ich im Weddingspektrum einer von vielen anderen Sonderlingen. Ich vergleiche Politik gern mit Sport, dann ist sie spannend und nicht bierernst. Wenn ich ein Buch lese, frage ich mich immer, wo ich es besprechen kann. Ich reporte ja für Weddingweiser, Weddinger Allgemeine Zeitung und Kiezmagazine. Ich mag Geschichten und Geschichte.

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