Auf Berlins Straßen lauern nur Irre und der Tod

Fahrradspur, Gartenstraße
Fahrradspur auf der Gartenstraße. Foto: Andrei Schnell

Radfahren ist ja so gesund, zumindest wenn man es außerhalb Berlins macht. Denn in der Hauptstadt herrscht Krieg auf den Straßen. Es wird gepöbelt, geprügelt und überrollt. Ist das noch normal? Nun sagt ein Richter: Nein!  Wenn ich alle Beschimpfungen hier auflisten würde, die uns Fahrradfahrern täglich an den Kopf geworfen werden, käme der Text wegen jugendgefährdenden Inhalts auf den Index. Es ist kein Spaß, sich zwischen Reisebussen, eiligen Lieferwagen, orientierungslosen E-Rollern und aggressiven Autofahrern durch den Berliner Verkehr zu schlängeln. Vor allem, wenn alle denken: Rücksicht hält einfach zu lange auf. Und so sind wir Radler an allem schuld, sogar wenn wir uns an die Regeln halten, Licht einschalten und bei Grün über die Ampel fahren.

Karower Urteil

Fahrrad, Antwerpener Straße, kurios
Antwerpener Straße

Zu unserer Ehrenrettung sprach ein Richter nun eine Berliner Autofahrerin wegen Nötigung und gefährlicher Körperverletzung schuldig, weil sie eine Radfahrerin in Karow angebrüllt und geschnitten hatte. Ihr Pech: Das radelnde Opfer war Polizeikommissarin. Natürlich wäre ihr rabiates Verhalten auch gegenüber einer Zivilistin strafbar gewesen, aber die ordnungshütende Fahrradfahrerin wusste, was zu tun ist. Sie sicherte sich Zeugen und brachte den Vorfall ordnungsgemäß zur Anzeige. Und als das Verfahren wegen Belanglosigkeit eingestellt wurde, informierte sie mit Hilfe der Presse die Öffentlichkeit. Als Teil dieser Öffentlichkeit fragen wir uns: Wie kann es belanglos sein, dass eine Autofahrerin ausfallend und sogar handgreiflich wird, einen Menschen mit der Stoßstange wegschiebt, ein Fahrrad an den Straßenrand wirft und schließlich mit aufheulendem Motor davongejagt? (Oder das hier?, Anm. d. Red.)

Waffenschein statt Führerschein

Der Fall wurde wieder aufgerollt, mit Urteil abgeschlossen und die Autofahrerin bleibt trotz Schuldspruch uneinsichtig. Ehrlich gesagt: Uns wundert das nicht. Es scheint tatsächlich den meisten nicht klar zu sein, dass die unkontrollierte Wut eines Autofahrers einem Radfahrer das Leben kosten kann. Die Autos werden als Waffen eingesetzt, einen extra Schein braucht man dafür nicht. Ein Schlenker nach rechts, eine schnell geöffnete Autotür, ein sichtnehmender Falschparker und schon liegen wir samt Zweirad am Boden. Blöd nur, wenn wir nicht mehr aufstehen – wenn aus einem spontanem Belehrungsversuch ein Tötungsdelikt wird.

Radler sind auch nicht besser

Ja, und natürlich stimmt der Vorwurf, dass auch nicht alle Fahrradfahrer Engel sind. Es gibt solche, die nachts ohne Licht nicht nur ihr eigenes Leben riskieren und sich trotzdem verhalten, als gehören die Straßen ihnen allein. Es gibt auch solche, die auf Bürgersteigen Passanten anrempeln und Kinder in Grund und Boden fahren. Es gibt diejenigen, die meinen, Verkehrsregeln gelten nur für alle anderen oder glauben, dass sie auf ihr Recht sogar im toten Winkel eines LKWs beharren können. Zu dumm, dass sie viele Fehler nicht mehr einsehen können. Immerhin steht auf ihren Grabsteinen: „Ich hatte Vorfahrt.“

Straßenkampf 2.0

Es gab schon unzählige Demos und Sternfahrten, Fahrradfahrer zeigten sich nackt, um auf ihre Verletzlichkeit aufmerksam zu machen, Kinder schockierten mit nachgestellten Unfällen, friedliche Luftballonaktionen brachten so wenig wie provokative Critical-Mass-Veranstaltungen, bei denen die Straßen für Autofahrer blockiert wurden. Der Streit findet nicht nur im Nahkampf auf der offenen Straße statt, sondern auch längst in den (un)sozialen Medien. Autofahrer machen sich bei Twitter Luft, Radfahrer pöbeln über Falschparker auf Facebook und dazwischen gibt es krasse Street-Fotos von beiden auf Instagram.

Was aber bei all dem Wahnsinn wirklich verrückt ist: Nicht einmal die Fahrradfahrer untereinander halten zusammen. Fährt man nicht schnell genug, wird man angefeindet (ist ja wirklich unverschämt), muss man anhalten (warum denn auch?), wird man über den Haufen gerollt, will man abbiegen (ey, Alter!), kann man nicht sicher sein, dass das jemanden interessiert. Einigen wir uns darauf, dass auf allen Seiten Irre sind. Ok, also wem bringt der selbstgerechte Straßenkampf eigentlich etwas? Es ist eigentlich Platz genug für jeden Verkehrsteilnehmer – sogar für Lastenräder, Touristen auf Leihrädern, verträumte Jungmütter in SUVs, Rentner in Kleinwägen, Machos in Sportwägen, semi-professionelle Radsportler… statt uns über alles aufzuregen, könnten wir es zur Abwechslung mit Berliner Humor versuchen: „Das Ärgerliche am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nützen“, meinte nämlich schon der radelnde Moabiter Kurt Tucholsky.

Autor: Mareile Morawietz, QIEZ.de

Dieser Beitrag erschien zuerst bei unserem Kooperationspartner QIEZ.de

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4 Kommentare
  1. Tatsache ist, dass es vor allem einen Verlierer gibt: den Fußgänger. Dass sich Autofahrer oft asozial verhalten: geschenkt, aber die Arroganz und Gewaltätigkeit seitens Fahrradfahrern ist neu. Und vor allem: niemand tut was dagegen. Weder Polizei, noch Politik, es scheint als hätten die Freibriefe für alles, weil sie sich immer in der Opferrolle sehen.
    Übrigens gefährdet der Radfahrer natürlich sich selbst, wenn er nachts bei rot und ohne Licht über die Ampel fährt. Nur was ist mit denen die diesen dann umfahren? Schock und Depressionen sind da an der Tagesordnung. Interessiert halt nur keinen.

  2. Als Fußgängerin leide ich vor allem unter Radfahrern, die glauben, die Bürgersteige seien für sie gemacht – für sie alleine. Einzelheiten hierzu kennt ja jeder. Es sind vor allem jüngere Männer und Frauen, die sich hier Frech- und Freiheiten rausnehmen, die sie an den AutofahrerInnen wiederum kritisieren. Nämlich, dass man sie bedrängt, nicht beachtet, gefährdet. Ich glaube, dass die Liberalität Berlins ausgenutzt wird: von egoistischen Leuten, denen es um schnellste und maximalste Bedürfnisbefriedigung geht. Schade für Berlin, hoffentlich werden wir nicht vollends vom Turbokapitalismus und seinen Anbetern überrollt.

  3. Ich frage einen Radfahrer der, trotz vorhandenem Fahrradweg, die Strasse befährt!

    Die Antwort: Weil ich das nicht muss (den Radweg benutzen) und ausserdem geht dich das nichts an, du Arschloch!

    Finde den Fehler!
    Noch Fragen??

    Ich plädiere für die Wiedereinführung der uneingeschränkten Radwegebenutzungspflicht!
    Bitte, … gerne

    1. Hallo Herr Divert,

      für viele Radwege gab es in Berlin ja mal eine Nutzungspflicht, leider wurden die Wege nicht gepflegt und der Zustand ist heute so schlecht, dass die Nutzungspflicht der Radwege aufgehoben oder die Radwege gänzlich gesperrt wurden (siehe Nordufer). Wird die bauliche Qualität der Radwege verbessert und neue räumlich getrennte Fahrradwege angelegt, wird sich das Problem weitgehend von alleine lösen, da die wenigsten Radfahrer freiwillig auf der Straße fahren.

      Abgesehen davon hatte der Radfahrer natürlich recht, wenn er sich im Ton auch vergriffen haben mag. Warum erkundigen Sie sich, wieso er auf der Straße fährt? Die Antwort lautet: Weil er sich damit völlig korrekt verhält und weil er es darf. Das wäre etwa so, als würde man Sie anhalten und fragen, warum Sie mit dem Auto und nicht mit dem Rad unterwegs sind. Weil Sie es auch dürfen. Mehr Miteinander und gegenseitige Rücksichtnahme statt Besitzstands- und Wir-Gegen-Die-Denken sind im Straßenverkehr gefragt.

      Allzeit sichere Fahrt!

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