GESCHLOSSEN: “Arirang”: Kulinarischer Kopfsprung nach Nordkorea

12

Arirang_koreanisch2

Im Wedding gibt es mehrere koreanische Restaurants. Das “Arirang” ist von allen das unauffälligste. Ein Hinweis darauf, dass das, was hinter abgeklebten Scheiben zubereitet wird, besonders nah an koreanischen Ernährungsgewohnheiten ist? Unser Autor wagt den Versuch…

Frei­tag nacht, 23.30 Uhr. Ich schlen­de­re die See­stra­ße ent­lang, auf dem Rück­weg von einem Freund. Hier, zwi­schen Alham­bra-Kino und Auto­bahn, ist es ruhig um die­se Zeit. Aus einem Laden kommt ein Mann mit einem Put­zei­mer in der Hand und einer Kip­pe im Mund. Clo­sing Time. „Asia­tisch“, den­ke ich, als ich im Schum­mer­licht der Stra­ßen­lam­pe sein Gesicht sehe. Mein Blick geht nach oben, zum Schild über dem Geschäft mit den abge­kleb­ten Schei­ben. Unver­ständ­li­che Schrift­zei­chen, dane­ben steht Ari­rang. „Chi­ne­sisch ist es nicht, japa­nisch, glau­be ich auch nicht“, mut­ma­ße ich. Jetzt ent­de­cke ich die Kindl-Lam­pen, die Spei­se­kar­te neben der Tür. Bestimmt ein Lie­fer­ser­vice. Auf dem Bür­ger­steig ste­hen ein paar Plas­tik­stüh­le an wack­li­gen Tischen mit grell-bun­ten Wachs­tisch­de­cke und den Aschen­be­chern sehen sie aus, als sei­en sie der Auf­ent­halts­be­reich für die Fah­rer.  In Wirk­lich­keit sind sie die Außen­be­stuh­lung eines nord­ko­rea­ni­schen Restau­rants. Der leicht bizar­re, unge­schön­te Auf­tritt setzt sich auf dem Menü fort. Frit­tier­tes Hüh­ner­fleisch mit Ketch­up, Schwei­ne­bauch, mari­nier­ter Tin­ten­fisch, Strand­schne­cke mit Rin­der­ma­gen. Kei­ne leich­te Kost für mit­tel­eu­ro­päi­sche Gau­men. Echt. Echt!

Das sind “nur” die Vorspeisen…

Arirang-Koreanisch-1Am Sams­tag bin ich zur Mit­tags­zeit wie­der da. Zwei Män­ner sit­zen rau­chend an den Wackel­ti­schen wie neu­tra­le Beob­ach­ter einer Welt, mit der sie nur wenig zu tun haben. Mei­ne Hand-zum-Mund-Ges­te, gepaart mit dem fra­gen­den Blick, bewirkt ein sich ver­stär­ken­des Nicken. Denn geht einer der bei­den nach drin­nen und erscheint mit einer gel­ben Spei­se­kar­te wie­der. Dass die Gerich­te in drei Spra­chen – korea­nisch inklu­si­ve Ver­to­nung im latei­ni­schen Alpha­bet, chi­ne­sisch und deutsch – benannt und leid­lich erklärt sind, öff­net die Tür zu die­ser unbe­kann­ten kuli­na­ri­schen Welt höchs­tens einen Spalt breit. Auch die paar Fotos auf der Rück­sei­te sind kei­ne gro­ße Hil­fe. Ent­lang der Preis­ska­la, die bei den Menüs schnell die 20-Euro-Mar­ke reißt, han­ge­le ich mich ent­lang wenig ris­kan­ter Kom­bi­na­tio­nen: Nudeln, Sup­pe, wenig scharf… Ich pen­de­le mich ein bei Teig­ta­schen gefüllt, das Dut­zend für 6 Euro, und Nudel­ein­topf. Dazu ein Wei­zen­tee als dezent muti­ger Geträn­ke­aus­flug auf kuli­na­ri­sches Neu­land. Drauf­zeig-Bestel­lung. Eigent­lich zwei Vorspeisen.

Die Bandbreite neuer Geschmackserlebnisse

Zehn Minu­ten spä­ter kommt in schnel­ler Fol­ge ein Tel­ler mit korea­ni­schen Ravio­li – im Kreis grup­piert um ein Schäl­chen Soja­so­ße, eine Scha­le Reis, ein mäch­ti­ger Sup­pen­pott voll mit Ein­la­ge und dazu ein gro­ßer Salat­tel­ler mit Gur­ken, Soja­spros­sen, frit­tier­ten Kar­tof­feln und Kohl. „Aber den Salat und den Reis habe ich doch gar nicht bestellt!“, bedeu­te ich dem Kell­ner. Er lächelt schief und sagt knapp: „Dazu!“ Ich sit­ze vor einem Berg vol­ler Essen. Ein Schluck Tee, dann Kopf­sprung in neue Geschmacks­wel­ten. Mei­ne Frei­schwim­mer­leh­ren: Gur­ke schmeckt mit Chi­li nicht mehr nach Nix und mil­dert gleich­zei­tig Schär­fe. Soja­spros­sen roh muss man nicht mögen und sau­er ein­ge­leg­ten Weiß­kohl nicht zum All­tags­s­nack erwäh­len. Genau dafür bie­ten sich aber die Teig­ta­schen an – ob mit oder ohne Soja­so­ße. Der prall gefüll­te Sup­pen­topf mit fase­ri­gem Rind­fleisch und Glas­nu­deln passt zum Win­ter wie Woll­so­cken und Kamin­feu­er. Die idea­le Anti-Win­ter­de­pres­si­ons-Ernäh­rung. Bleibt aus­zu­pro­bie­ren, wie die Welt korea­ni­scher Haus­manns­kost hin­ter der undurch­sich­ti­gen Schau­fens­ter­schei­be schmeckt.

Autor: Mar­cus Bauer

See­str. 106 (nahe Togostr.), 

Tel. 45021248, täg­lich 12 – 23 Uhr

12 Comments

  1. […] im Wed­ding nach leer­ste­hen­den Laden­ge­schäf­ten zu schau­en, hat­ten sie natür­lich auch schon vom Ari­rang und des­sen Schließung […]

  2. Oh nein kei­ne Geheim­tipps verraten…
    Das ist ein korea­ni­sches bbq Restau­rant, des­we­gen unbe­dingt die gro­ßen Grill­plat­ten für über 20 mit freun­den bestel­len. Auch geil und eher leicht ist das korea­ni­sche Bis­tro im Spren­gel­kiez. Kim­chi essen 🙂

      • Ja, die Mas­sen­fest­spie­le hei­ßen auch Ari­rang, genau wie DAS korea­ni­sche Volks­lied und vie­les ande­re (in ganz Korea) auch. Die Argu­men­ta­ti­on erscheint mir etwas dünn. ““Ari­rang” (Kore­an: “아리랑”) is a Kore­an folk song, often con­si­de­red the unof­fi­cial natio­nal anthem of Korea.” (http://en.wikipedia.org/wiki/Arirang)

Schreibe einen Kommentar zu weddingweiser - JF Antworten abbrechen

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.