Zu Besuch in der fremden Mitte von Berlin

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In der Friedrichstraße. Foto: Hensel
Run­de Ecken. Foto: Hensel

Kolum­ne Neu­lich war ich mal wie­der in Mit­te zu Gast. Das klingt viel­leicht merk­wür­dig, denn ich woh­ne ja offi­zi­ell in Mit­te. Genau­er gesagt woh­ne ich, weil es ein Mensch hin­ter einem Schreib­tisch vor fast 20 Jah­ren so woll­te, im Orts­teil Gesund­brun­nen. Doch Gesund­brun­nen ist nicht mei­ne Hei­mat, genau­so wenig wie Mit­te. Ich bin Wed­din­ge­rin. War­um ich nie­mals sage, dass ich in Mit­te woh­ne, fiel mir neu­lich bei mei­nem Besuch “in der Stadt” wie­der ein.

Fährt man von dort, wo vor der Bezirks­re­form der Wed­ding begann, mit dem Rad in Rich­tung Stadt­zen­trum, ist man schnell in einer ande­ren Welt. Die Mau­er steht nicht mehr, doch die Ber­nau­er Stra­ße mar­kiert noch heu­te eine Gren­ze. Hat man sie über­quert, betritt man eine ande­re Welt. Sie ver­än­dert sich immer mehr, je mehr Land man hin­ter sich bringt. Am stärks­ten ist der Kon­trast, wenn man in der Fried­rich­stra­ße, mei­nem Ziel der Rei­se, ange­kom­men ist.

Von mei­nem Fens­ter aus ist Mit­te sehr, sehr weit weg. Foto: Hensel

Die Fas­sa­den ver­än­dern sich auf mei­nem Weg. Vie­les ist neu, groß und etwas ein­schüch­ternd, aus Glas oder irgend­wie schi­ckem Beton. Auch die Geschäf­te sind anders. Es gibt hüb­sche Cafés und teu­re Beklei­dungs­ge­schäf­te, Tou­ris­ten­be­darf und gro­ße nam­haf­te Hotels. Die Men­schen fah­ren auf Leih­rä­dern umher, die im Wed­ding nur acht­los am Stra­ßen­rand lie­gen. Tou­ris­ten aus der Nähe von Aachen oder aus einer Klein­stadt in Ita­li­en foto­gra­fie­ren die Gegend ab oder neh­men an einer Füh­rung teil. Über­haupt sehen vie­le Men­schen anders aus, wie aus einem Busi­ness­mo­de-Kata­log – oder bil­de ich mir das nur ein?

Gebäu­de in der Fried­rich­stra­ße – modern und groß. Foto: Hensel

Es ist nur ein flüch­ti­ger Streif­zug, aber ich füh­le mich auf mei­nem Weg durch Mit­te wie auf einem ande­ren Pla­ne­ten. Am Ende lan­de ich in einer Art Sci­ence-Fic­tion-Sze­ne­rie mit selbst­be­wuss­ten Bau­wer­ken, die in ihren Spie­gel­fas­sa­den einen Stadt­teil reflek­tie­ren, der nicht mei­ner ist. Ich füh­le mich fremd.

Ich den­ke an Kar­stadt am Leo­pold­platz, ans Cent­re Fran­cais in der Mül­ler­stra­ße, unse­re Han­dy­la­den-Spä­tis und an die eher prak­ti­schen und uneit­len Wohn­bau­ten in mei­nem Kiez. Und ich den­ke ans Quar­tiers­ma­nage­ment. In der Kro­nen­stra­ße, unweit der Fried­rich­stra­ße, wer­den die För­der­an­trä­ge für Pro­jek­te in den Wed­din­ger Kiezen bear­bei­tet, die vom Quar­tiers­ma­nage­ment geför­dert wer­den. Pro­jek­te, die schwie­ri­ge Kieze unter­stüt­zen sollen.

Das Quar­tier 205 ist nobel. In mei­nem Mit­te ist mehr so Quar­tiers­ma­nage­ment … Foto: Hensel

Ich fra­ge mich, was die Bear­bei­te­rin­nen der Anträ­ge über den Wed­ding den­ken wür­den, wenn sie den Weg, den ich gefah­ren bin, in umge­kehr­ter Rich­tung gin­gen. Und: War­um sit­zen sie eigent­lich in die­sem Teil der Stadt, in dem die Welt eine so hüb­sche Ober­flä­che hat? War­um sit­zen sie nicht zum Bei­spiel am Leo­pold­platz oder am Naue­ner Platz? Aus ihrer Per­spek­ti­ve, den­ke ich mir, kann das Ziel der Arbeit für den Wed­ding ja nur Auf­wer­tung sein. Auf­wer­tung, die vie­le im Wed­ding gar nicht wollen.

Mit­te ist eine ganz ande­re Welt. Es heißt, der Wed­ding kam einst nur wegen eines stör­ri­schen Bezirks­bür­ger­meis­ters zum Bezirk Mit­te, der die kom­plet­te Bezirks­re­form sonst ver­hin­dert hät­te. Eigen­ar­tig, dass er dar­auf bestan­den hat, den­ke ich. Mit­te ist bis heu­te eine kom­plett ande­re Welt. Hier bin ich nicht zu Hau­se. Hier stau­ne ich und bin nur zu Besuch. Ich bin Weddingerin.

Bilder aus der fremden Mitte

Text und Fotos: Domi­ni­que Hensel

Dominique Hensel lebt und schreibt im Wedding. Sonntags gibt sie hier den Newsüberblick für den Stadtteil, fotografiert dort für unseren Instagram-Kanal (Freitag) und hat hier und da einen aktuellen Text für uns - gern zum Thema Stadtgärten, Kultur, Nachbarschaft und Soziales. Hyperlokal hat sie es auf jeden Fall am liebsten und beim Weddingweiser ist sie fast schon immer.

8 Comments

  1. Ich habe immer den Ein­druck, dass Wed­ding und Tier­gar­ten völ­lig in Mit­te ein­ver­leibt wur­den. Bei der Woh­nungs­su­che gibt es die bei­den Bezir­ke nicht mehr, wäh­rend Tem­pel­hof und Schö­ne­berg zum Bei­spiel noch mit bei­den Namen beti­telt werden.

    • Ich den­ke immer, dass das ein fie­ser Trick der Immo­bi­li­en­bran­che ist, zu schrei­ben: Attrak­ti­ve Woh­nung in Mit­te zu ver­mie­ten. Dabei ist die Sol­di­ner Stra­ße gemeint. (Sor­ry Sol­di­ner Kiez!).

  2. Einen Orts­teil, der zum größ­ten Teil außer­halb des S‑Bahn-Rings liegt, zur “Mit­te” zu erklä­ren, schafft auch nur Ber­lin. Wobei Mit­te natür­lich genau­so­we­nig uni­form ist wie Wed­ding und Gesund­brun­nen. Die dunk­len Hin­ter­ecken des Alex’ gehö­ren da ja genau­so zu wie die Wohn­hoch­häu­ser auf der Fischerinsel.

  3. Wie in fast jeder Hauptstadt…
    Ste­ri­li­tät innen, außen Ghet­to. Ein Haupt­pro­blem im schö­nen Wed­ding ist der Müll auf der Stra­ße. Gibt es eine Initia­ti­ve, die sich dem annimmt? Wür­de ger­ne mitmachen…

  4. Oooch – bei mir ist es genau anders her­um! Ich woh­ne in Mit­te und arbei­te in Mit­te! Und das bereits seit fast 20 Jahren!

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