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Wahlforschung:
Vom roten und vom schwarzen Wedding

6. März 2023
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Ist er dir auch schon begeg­net? Der Hin­weis auf den alten Wed­din­ger, wie er frü­her zwi­schen Mül­ler- und Bad­stra­ße leb­te. Dein Kopf­ki­no bringt die­sen Men­schen viel­leicht irgend­wie in Ver­bin­dung mit dem alten “roten” Wed­ding, von dem auch immer gere­det wird. Doch Vor­sicht Fal­le! Denn ein Blick zurück auf 30 Jah­re Wahl­er­geb­nis­se zeigt: Der alte Wed­din­ger wähl­te schwarz, stimm­te für die CDU.

CDU holte 40 Prozent und mehr

Für den einen oder ande­ren fühlt es sich wie eine Sen­sa­ti­on an, dass Sven Riss­mann (CDU) bei der Wie­der­ho­lungs­wahl ein Direkt­man­dat gewann. Doch dank des Amtes für Sta­tis­tik Ber­lin-Bran­den­burg kön­nen wir nach­le­sen, dass ein sol­cher Sieg bis zur Jahr­tau­send­wen­de All­tag war. Schau­en wir auf das Dia­gramm mit den Wahl­pro­zen­ten der 1990er Jah­re. Zu sehen ist ein Bild, das für nicht mehr ganz so jun­ge Men­schen ver­traut anmu­tet. Die zwei Gro­ßen, SPD und CDU, rin­gen mit­ein­an­der, mal liegt der eine über 40 Pro­zent, mal der ande­re. Und die klei­ne­ren Par­tei­en wie Grü­ne und PDS träu­men von der Zweistelligkeit.

Fazit: In 1990er Jah­ren war der Wed­ding hin und wie­der schwarz.

Bankenskandal begräbt den alten Weddinger 

Reden wir mal vom Ber­li­ner Ban­ken­skan­dal der Jahr­tau­send­wen­de (und nicht von der Ban­ken­kri­se, aus­ge­löst durch die Gebrü­der Leh­man, oder wie die hie­ßen). Zu ver­mu­ten wäre, dass der Wäh­ler die­sen Skan­dal irgend­wann ein­mal ver­gisst und zur CDU zurück­kehrt. Das ist im Wed­ding nicht gesche­hen. Der alte Wed­din­ger scheint irgend­wann in den Nuller­jah­ren ins Exil gegan­gen zu sein. Ver­mut­lich brach­te das Kom­men und Gehen im Wed­ding und Gesund­brun­nen ver­stärkt neue Leu­te an die Ufer der Pan­ke. Die neu­en Wed­din­ger wähl­ten eher Grü­ne und Lin­ke, denn die­se bei­den Par­tei­en leg­ten ab dem Jahr 2000 lang­sam, aber kon­ti­nu­ier­lich zu.

Fazit: Ab dem neu­en Jahr­tau­send wird der Wed­ding mehrfarbig. 

Neu-Weddinger mit weniger als fünf Jahren Wohnzeit

Du hast das Gefühl, dass alle, die schon gaaaa­anz lan­ge im Wed­ding woh­nen, dies in Wahr­heit erst seit zehn Jah­ren tun? Der alte Wed­din­ger also gar nicht so alt ist? Wäh­rend du als Neu­ling giltst, weil du halt erst seit fünf Jah­ren dabei bist? Nun, die­ses Gefühl kann sich auf Gra­fi­ken stüt­zen. Die Wahl­er­geb­nis­se zei­gen, dass die Grü­nen ab der Euro­pa­wahl 2019 im Wed­ding die ers­te Gei­ge spie­len. Sie über­zeu­gen seit vier Jah­ren regel­mä­ßig jeden vier­ten Wäh­ler von ihren Ideen. Auch das Come­back der CDU bei der Wie­der­ho­lungs­wahl im Febru­ar ändert auf dem Gebiet des alten Bezirks Wed­ding nur wenig an der grü­nen Stärke.

Fazit: Der heu­ti­ge Wed­ding fin­det Grün jetzt nicht unbe­dingt so schlecht vielleicht.

Vor 1990

Quiz­fra­ge: Wann war der Wed­ding denn nun “rot”? Sprich, wann hat der alte Wed­din­ger denn nun SPD gewählt? Kur­ze Pau­se, damit du über­le­gen kannst. Und hier die Ant­wort: In den 1950er und 1960er Jah­ren. Für die Wed­din­ger BVV (Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung) hol­ten die Sozi­al­de­mo­kra­ten in den ers­ten Jahr­zehn­ten der Bun­des­re­pu­blik um die 23 aller Stim­men. 60 Pro­zent und in Rekord­jah­ren noch mehr. Lang ist’s her.

Ab den 1980er Jah­ren beginnt der Wett­streit zwi­schen den bei­den gro­ßen Par­tei­en SPD und CDU, die nun bei­de über 40 Pro­zent kom­men. Im Wed­ding woh­nen und kon­ser­va­tiv sein, das ist kein Wider­spruch mehr. Fazit: In die­ser Zeit hat­te der rote Wed­ding bereits eine star­ke schwar­ze Note. 

Zukunft

Aber reden wir nicht so viel vom alten Wed­din­ger, es gibt ja auch den zukünf­ti­gen Wed­din­ger. Wel­che Spu­ren wird die­ser an Wahl­ur­ne hin­ter­las­sen? Hier mein Vor­schlag zur Inter­pre­ta­ti­on der Linien:

Die CDU hat mit der Wie­der­ho­lungs­wahl ent­we­der eine Trend­wen­de geschafft und knüpft an die guten alten Zei­ten an – oder sie hat im Febru­ar ein Aus­nah­me­er­geb­nis hin­ge­legt. In bei­den Fäl­len haben die Grü­nen ein Poten­ti­al von 30 Pro­zent. Dage­gen wer­den für Lin­ke und SPD die künf­ti­gen Wah­len span­nend wer­den. Fazit: Der künf­ti­ge Wed­din­ger wird eher grün sein, aber ande­re Far­ben ok fin­den. Wel­che Zukunft liest du als sil­ves­ter-erfah­re­ner Blei­gie­ßer in der Gra­fik ab? 

Andrei Schnell

Meine Feinde besitzen ein Stück der Wahrheit, das mir fehlt.

2 Comments

  1. Ich fürch­te, die Begriff­lich­keit “Roter Wed­ding” wird hier im Hin­blick auf die SPD etwas über­stra­pa­ziert, denn wie auch im Wed­ding­wei­ser nach­zu­le­sen ist (https://weddingweiser.de/eine-fuehrung-durch-den-roten-wedding/), bezieht sich die­ser Ter­mi­nus auf den “Blut­mai 1929.
    “Der Wed­ding wur­de zur Hoch­burg der KPD, ihre Par­tei­zei­tung hieß „Der Rote Wed­ding.“ Die Par­tei-Dru­cke­rei lag in der Wie­sen­stra­ße 29.”

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