Als die “Plumpe” noch Nabel der Fußballwelt war

Blau-weiße Wunder von Michael Jahn im Verlag Die Werkstatt.
Blau-wei­ße Wun­der von Micha­el Jahn im Ver­lag Die Werkstatt.

Herz­li­chen Glück­wunsch Her­tha BSC. Heu­te wird der Ver­ein 124 Jah­re alt. Zu Opas Zei­ten, als Her­tha noch Deut­scher Meis­ter wur­de, fan­den vie­le Sai­son-Spie­le in der “Plum­pe” statt –  einem Sta­di­on in der Behm­stra­ße. Micha­el Jahn hat in sei­nem Buch “Blau-wei­ße Wun­der. Die Geschich­te von Her­tha BSC” auch eini­ge Kapi­tel über die Anfän­ge der Her­tha im Gesund­brun­nen geschrie­ben. Ein Blick zurück auf Her­thas Kinderjahre.

Die Gründerjahre

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Hoste­lO und Cam­pus Viva im Auf­bau, Jüli­cher Stra­ße, 2015 [Foto: Sula­mith Sallmann]
Die Grün­der­jah­re heißt im Buch “Blau-wei­ße Wun­der” das ers­te Kapi­tel über 15 Sei­ten zu den Ursprün­gen der Her­tha. Für Loka­pa­trio­ten wäre es zu schön gewe­sen, wenn die Stra­ßen­bank, auf der der Ver­ein BFC Her­tha 92 am 25. Juli 1892 gegrün­det wor­den sein soll, in der Stral­sun­der Stra­ße oder am Vineta­platz gestan­den hät­te. Aber wahr­schein­lich stand sie am Arkona­platz. Vor fast 124 Jah­ren lag der Vineta­platz genau wie der Arkona­platz in der Rosentha­ler Vor­stadt – aus dama­li­ger Sicht also im sel­ben Kiez. Heu­te lie­gen frei­lich Wel­ten zwi­schen die­sen bei­den Plätzen.

Eben­so Wel­ten lie­gen zwi­schen dem Fuß­ball-Leben im Kai­ser­reich und dem heu­ti­gen Pro­fi-Fuß­ball. Die min­der­jäh­ri­gen Grün­der Brü­der Lorenz und Lind­ner (der ers­te Vor­sit­zen­de war Onkel Ernst Wisch – 22 Jah­re jung) benann­ten den Ver­ein ein­fach nach einem Aus­flugs­damp­fer – Her­tha. Die Namens­wahl war bereits damals unge­wöhn­lich, hie­ßen in die­ser Zeit Sport­ver­ei­ne doch Teu­to­nia oder Ger­ma­nia und man jubel­te dem Kai­ser zu.

Das heutige Hostel in der Jülicher Straße war nicht Heim der Hertha. Foto Ralf Schmiedecke Sammlung Berlin.
Das heu­ti­ge Hos­tel in der Jüli­cher Stra­ße war nicht Heim der Her­tha. Foto Ralf Schmie­de­cke Samm­lung Berlin.

Gespielt wur­de zunächst auf dem Exer­zier­platz, dem heu­ti­gen Fried­rich-Lud­wig-Jahn-Sport­platz. Der Platz war groß und bot vie­len Ver­ei­nen Platz – so auch dem jun­gen Ver­ein BFC Her­tha 92. Ab 1904 spiel­te Her­tha dann im Gesund­brun­nen. Gast­wirt Joseph Sche­be­ra hat­te an der Behm­stra­ße Ecke Bel­ler­mann­stra­ße einen Fuß­ball­platz abge­zäunt und ver­mie­te­te ihn. 200 Zuschau­er sol­len zu den Spie­len gekom­men sein. In der Sai­son 1905/06 kam bereits der ers­te gro­ße Sieg – Her­tha wur­de Ber­li­ner Meister.

Weni­ge Jah­re spä­ter, nach dem Ers­ten Welt­krieg, spiel­te Her­tha bereits um den Titel Deut­scher Meis­ter. Der Titel wur­de nach Spie­len im K.-o.-System unter den jeweils bes­ten Mann­schaf­ten der vier (spä­ter dann 7) Regio­nal­li­gen ver­ge­ben. Eine Reichs­li­ga gab es nicht. In den 20er Jah­ren kam Her­tha sechs Mal ins Final­spiel. Deut­scher Meis­ter wur­de der Ver­ein schließ­lich 1930 und 1931.

Einwurf: Die Plumpe – mehr als ein Fußballplatz

Berlin-Gesundbrunnen, wohnen, Wohnhäuser, Plattenbau
Ges(ch)ichtslose Behm­stra­ße 2015 [Foto: Sula­mith Sallmann]
Das Buch unter­bricht sei­nen chro­no­lo­gi­schen Auf­bau gern für wich­ti­ge The­men. So gibt es zum Bei­spiel ein eige­nes Kapi­tel über die Geschich­te des Sta­di­ons. In den 1920er Jah­ren wur­de es gebaut. Berühmt wur­de es unter dem Namen Plum­pe. Es stand aber nicht dort, wo sich heu­te die Fuß­ball­plät­ze hin­ter dem Hos­tel Jüli­cher Stra­ße Ecke Bel­ler­mann­stra­ße befin­den. Der Ver­ein SV Nord Nord­west 1898 war schnel­ler gewe­sen und hat­te dem Gast­wirt Joseph Sche­be­ra die­ses Gelän­de abge­kauft. Die Plum­pe wur­de auf einer vor­ma­li­gen Eis­bahn auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te errich­tet, dort, wo heu­te (auch schon wie­der ehe­ma­li­ge) Sozi­al­woh­nungs­bau­ten ste­hen. Die bei­den Rän­ge wur­den der Zau­ber­berg und der Uhren­berg genannt.

Einwurf: Hanne Sobek – Der erste Hertha-Star

Eingang Hertha Sportplatz um 1955. Foto Ralf Schmiedecke Sammlung Berlin
Ein­gang Her­tha Sport­platz um 1955. Foto Ralf Schmie­de­cke Samm­lung Berlin

Ein ande­res Son­der­ka­pi­tel bekommt Han­ne Sobek. Der Mann, nach dem der Vor­platz am Bahn­hof Gesund­brun­nen und eine Sport­an­la­ge in der Oslo­er Stra­ße nahe dem Loui­se-Schrö­der-Platz benannt ist. An die­sem Namen kommt ein Her­tha-Fan in der Tat nicht vor­bei. Die Ber­li­ner lieb­ten ihn damals. Nicht weni­ger wich­tig ist aller­dings der Name Wil­helm Wer­ni­cke. Von 1908 bis 1933 war er offi­zi­ell Ver­eins­vor­sit­zen­der und wäh­rend der NS-Zeit lei­te­te er als Netz­wer­ker im Hin­ter­grund den Ver­ein über­aus erfolg­reich. Nach Ende des Zwei­ten Welt­kriegs ist das Wie­der­auf­le­ben der ver­bo­te­nen Her­tha sehr wahr­schein­lich eben­falls sei­nem Ein­satz zu verdanken.

Die meis­ten Zuschau­er waren aller­dings nicht in die Plum­pe gekom­men, um ein Spiel der Her­tha zu sehen. 1948 hör­ten sie die berühm­ten Wor­ten zur Ber­lin-Blo­cka­de “Ihr Völ­ker der Welt – schaut auf die­se Stadt” vom dama­li­gen Bür­ger­meis­ter Ernst Reu­ter. 80.000 sol­len es gewe­sen sein.

Das Ende kam für die Plum­pe 1963. Es genüg­te nicht den Anfor­de­run­gen der in die­sem Jahr gegrün­de­ten Bun­des­li­ga. Her­tha spiel­te ab der Sai­son 1963/64 im Olym­pia­sta­di­on. Bit­ter: Das letz­te Spiel in der Plum­pe, am 22. Okto­ber 1974 ange­setzt, fand nicht mehr statt. Der Geg­ner des Freund­schafts­spiels, der 1. FC Nürn­berg, reis­te wegen Regen nicht an. Danach folg­te der Abriss.

Zauberberg und Uhrenberg gut zu erkennen bei diesem Spiel Hertha gegen Wacker. Foto Ralf Schmiedecke Sammlung Berlin.
Zau­ber­berg und Uhren­berg gut zu erken­nen bei die­sem Spiel Her­tha gegen Wacker. Foto Ralf Schmie­de­cke Samm­lung Berlin.

Infos zu Autor und Buch

Der Autor Micha­el Jahn, hat als Sport­re­por­ter 20 Jah­re für die Ber­li­ner Zei­tung über die Her­tha berich­tet. Im Mai 2014 ging Jahn in den Ruhestand.

2011 erschien sein Buch “Blau-wei­ße Wun­der” mit 496 Sei­ten im Ver­lag Die Werstatt als Hard­co­ver. Das Buch kos­tet 28 Euro. Es ent­hält Fotos. ISBN: 978–3‑89533–825‑0.

LINKS

Berlin-Gesundbrunnen, Behmstraße, Bellermannstraße, Wohnhaus, Plattenbau
Behmstraße/Ecke Bel­ler­mann­stra­ße, 2015 [Foto: Sula­mith Sallmann]
Über das Buch Blau-wei­ße Wun­der im Ver­lag Die Werk­statt.

Einen Über­blick über die Ver­eins­ge­schich­te bie­tet die offi­zi­el­le Web­sei­te www.herthabsc.de und eine kur­so­ri­sche Geschich­te bie­tet die vom Fuß­ball­klub betrie­be­ne Web­sei­te www.herthamuseum.de.

Einen gut geschrie­be­nen Arti­kel über die Her­tha im Wed­ding ver­öf­fent­licht Ger­hild Kom­man­der.

Der Wed­ding­wei­ser schrieb am 25. Janu­ar 2015 “Plum­pe – Hos­tel statt Ver­eins­heim”.

Autor: And­rei Schnell; Cover: Ver­lag die Werk­statt; His­to­ri­sche Fotos: Ralf Schmie­de­cke, Samm­lung Berlin

Andrei Schnell

Ich bin ein alter, weißer Mann. Auf WhatsApp schreibe ich vollständige Sätze mit Punkt am Ende. Ich gendere nicht, weil es ja dafür kein Gesetz gibt und es auch keinen moralischen Druck gibt, es zu tun, nicht wahr? Mister Gum genießt meine Bewunderung. Mein Hintergrund ist ostdeutsch (für den, den das interessiert). Politik nehme ich sportlich. Wenn ich ein Buch lese, möchte ich es gleich besprechen. Ich mag Geschichten und Geschichte.

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