Spannender Stadtteil:
Ähnlich und doch ganz anders: Gesundbrunnen

Der etwas schwierige Halbbruder des Wedding ist der Ortsteil Gesundbrunnen. 80 Jahre lang gehörten beide Gebiete zusammen.

5
Das Luisenhaus erinnert an das Heilbad
Das Lui­sen­haus erin­nert an das Heilbad

Gefühlt noch zum Wed­ding gehö­rig – was ja his­to­risch nicht ver­kehrt ist, denn der Orts­teil war ja von 1920 – 2001 Teil des Bezirks Wed­ding – ist der Orts­teil Gesund­brun­nen. Im Span­nungs­feld zwi­schen Pan­kow, Prenz­lau­er Berg und Alt-Mit­te liegt die­ses bis vor kur­zem noch mit­lei­dig belä­chel­te Vier­tel. Hier zeigt sich das gan­ze Auf und Ab eines Arbei­ter­vier­tels in viel­leicht noch dras­ti­sche­rer Form als im heu­ti­gen Orts­teil Wed­ding, also das Gebiet west­lich der Rei­ni­cken­dor­fer Stra­ße. Schaut man auf die Geschich­te und den Orts­na­men Gesund­brun­nen, kommt man um die Pan­ke, ihre Müh­le und das ehe­ma­li­ge Heil­bad am Lui­sen­bad nicht her­um. Die Bad­stra­ße und die Brun­nen­stra­ße, die gan­ze Kieze prä­gen, ver­dan­ken die­ser Mine­ral­quel­le ihren Namen. Lei­der ist der Born um 1890 her­um end­gül­tig ver­siegt und über­baut wor­den, so dass es heu­te wie ein Trep­pen­witz der Geschich­te erscheint, dass sich rei­che Ade­li­ge im 18. Jahr­hun­dert zur Erho­lung in die­ses Gebiet ver­irrt haben.

Die Bibliothek am Luisenbad in der Travemünder Straße. Foto: Andrei Schnell
Die Biblio­thek am Lui­sen­bad in der Tra­ve­mün­der Stra­ße. Foto: And­rei Schnell

Anders als im Orts­teil Wed­ding hat sich nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung viel im Gesund­brun­nen getan, der auf drei Sei­ten von der Mau­er umge­ben war und 30 Jah­re lang ein Schat­ten­da­sein führ­te. Zunächst mit der Eröff­nung des Gesund­brun­nen-Ein­kaufs­cen­ters, ab 2006 dann mit der Eröff­nung des Fern- und Regio­nal­bahn­hofs Gesund­brun­nen ist die­ses Vier­tel plötz­lich wie­der ins Bewusst­sein der Ber­li­ner gerückt. Doch die beson­ders Muti­gen unter den Bewoh­nern des Prenz­lau­er Bergs, sozi­al und ästhe­tisch eine ande­re Welt, wagen sich (frei­wil­lig oder unfrei­wil­lig) immer öfter zum Ein­kau­fen, zum Bahn­fah­ren oder ein­fach aus Neu­gier in die Kieze am Gesundbrunnen.

Schließ­lich sind die Mie­ten hier immer noch nied­ri­ger als im Hoch­preis­vier­tel Prenz­lau­er Berg. Auch fin­det man im öst­li­chen Wed­ding die auf­re­gen­de­re Mischung, oft Men­schen aus aller Her­ren Län­der – für immer mehr Ber­li­ner ist das eine ech­te Alter­na­ti­ve. Auf dem Stand­ort des Druck­of­fset­ma­schi­nen­her­stel­lers Rota­print sie­deln sich ver­mehrt Künst­ler an, und auf dem Gelän­de eines Bus­be­triebs­hofs ist mit den Ufer­hal­len und den Ufer­stu­di­os Ähn­li­ches zu beobachten.

Prinzenallee Gotenburger
Im Sol­di­ner Kiez

Der Sol­di­ner Kiez  war um 2000 her­um auf dem abso­lu­ten Tief­punkt in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung – das hat sich geän­dert, seit viel öffent­li­ches Geld in Image‑, Gewer­be- und Kunst­för­de­rung gesteckt wur­de. Heu­te wis­sen nicht nur die Kiez­be­woh­ner zu schät­zen, dass die his­to­ri­sche Bau­sub­stanz und der hohe Grün­an­teil rund um die Pan­ke eine beson­ders hohe Wohn­qua­li­tät bieten.

Ganz anders der Süden des Orts­teils. Rund um die Brun­nen­stra­ße im süd­li­chen Teil, his­to­risch Teil der Rosentha­ler Vor­stadt, liegt das Brun­nen­vier­tel. Die­ser Name wur­de vom domi­nie­ren­den Woh­nungs­bau­un­ter­neh­men dege­wo, dem hier die meis­ten Häu­ser gehö­ren, geprägt, um für eine Auf­wer­tungs­kam­pa­gne des Gebie­tes mit schlech­tem Ruf und wenig attrak­ti­ven Wohn­be­din­gun­gen eine ein­gän­gi­ge Bezeich­nung zu fin­den. Gera­de im Ver­gleich zu sei­nen öst­li­chen und süd­li­chen Nach­bar­kiezen fällt auf, dass hier fast alle Alt­bau­ten abge­ris­sen wur­den und der sozia­le Woh­nungs­bau der 70er und 80er Jah­re vor­herrscht – mit allen ästethi­schen Vor- und Nach­tei­len von Neubauten.

Bf Gesundbrunnen Dame

Gesund­brun­nen ist der etwas schwie­ri­ge Halb­bru­der des Wed­ding, oft mit den glei­chen Pro­ble­men, hin­ge­gen mit dem ungleich höhe­ren Poten­zi­al, in den Sog sei­ner öst­li­chen Nach­bar­be­zir­ke zu gera­ten. Wer aber glaubt, Gesund­brun­nen sei heu­te nicht mehr Wed­ding, wohnt ent­we­der auf einem ande­ren Pla­ne­ten oder läuft blind durch den Stadt­teil. Eine 2001 will­kür­lich fest­ge­leg­te Ver­wal­tungs­gren­ze ändert nichts dar­an: Gesund­brun­nen wird immer Wed­ding bleiben.

Amtsgericht Wedding und Pankegrünzug

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

5 Comments

Schreibe einen Kommentar zu Im Wedding prallen Welten aufeinander | Weddingweiser Antworten abbrechen

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.