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Städtebau im Wedding:
Gebaut, geteilt, saniert: das Brunnenviertel (3)

Sonntagsserie Teil 3: Die Zukunft kommt zurück

Das Brunnenviertel war immer wieder ein Ort, an dem Berlin seine Zukunft ausprobierte. Erst als Arbeiter- und Industriequartier, später als Sanierungsgebiet. Heute steht der Kiez wieder vor einem großen Umbau. Diesmal geht es um Forschung, Labore, Büros, Wohnungen, Hochhäuser und neue Freiräume.

Der Ausgangspunkt liegt am Humboldthain. Dort entstand Ende des 19. Jahrhunderts einer der wichtigsten Industriestandorte Berlins. Die AEG baute an der Brunnenstraße Elektromotoren, Maschinen, Bahntechnik und elektrische Geräte.

Doch dieses Kapitel endete schrittweise. Die AEG geriet in die Krise, 1983 wurde der Standort am Humboldthain geschlossen. Auf einem Teil des Geländes verschwanden die alten Gebäude. Dort entstanden das Berliner Innovations- und Gründerzentrum und der Technologie-Park Humboldthain.

In den 1980er Jahren kam noch einmal ein großes Zukunftsversprechen dazu. Der Computerhersteller Nixdorf ließ an der Gustav-Meyer-Allee ein neues Werk errichten. 1984 wurde der Grundstein gelegt, in der Sprache der Zeit war vom „Silicon Wedding“ die Rede. Das klang nach West-Berliner Aufbruch, nach Computern, Arbeitsplätzen und Hightech direkt an der Mauer. Die Erwartungen waren groß. Doch das Versprechen hielt nicht lange. Nach dem Ende der Nixdorf Computer AG und der Übernahme durch Siemens war die Computerproduktion bald Geschichte. Später zog die Berliner Sparkasse in das Gebäude mit der spiegelnden Glasfassade.

Nun verschwindet auch dieses Kapitel. Das ehemalige Nixdorf-Gebäude wird zurückgebaut. Es soll Platz machen für das neue „Quartier am Humboldthain“. Die Fabrik an der Gustav-Meyer-Allee wird aber nicht einfach abgerissen, sondern Stück für Stück entkernt: Rund 50.000 Tonnen Material sollen geborgen und möglichst wiederverwendet werden, bevor das Gebäude sichtbar verschwindet. Für das geplante Quartier am Humboldthain gilt der Rückbau als Beispiel für „Urban Mining“, bleibt aber umstritten, weil Kritiker fragen, ob der Erhalt des intakten Gebäudes nicht ökologischer und stadtgeschichtlich sinnvoller gewesen wäre. Geplant ist auf rund 6,5 Hektar ein Gewerbequartier, keine Wohnungen.

Auch am Rand des Brunnenviertels, am Bahnhof Gesundbrunnen, kündigt sich Veränderung an. Dort ist mit „The Fountain“ ein weiteres großes Quartier auf Kosten eines gar nicht so alten Gebäudes geplant. Wo erst seit 2008 Kaufland und weitere Geschäfte liegen, soll ein gemischtes Stadtquartier entstehen: mit Büros, Hotel, Einzelhandel, Gastronomie, Kita und vor allem Wohnungen. Der Entwurf sieht auch Hochhäuser und einen sogenannten Brückenpark an der Swinemünder Brücke vor. Bis zu 900 Menschen könnten dort wohnen, etwa 1200 Arbeitsplätze sollen entstehen.

Für das Brunnenviertel bedeutet das: Die Randlage von einst ist endgültig vorbei. Was nach dem Mauerbau abgeschnitten war, liegt heute zwischen Bahnhof Gesundbrunnen, Ringbahn, Humboldthain, Forschungseinrichtungen und Innenstadt. Die große Frage ist nicht mehr, ob hier Zukunft entsteht. Sie entsteht längst. Die Frage ist eher, wie viel normales Kiezleben in dieser Zukunft noch Platz hat.

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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