Nach dem Krieg sollte im Wedding alles heller, luftiger und moderner werden. Doch der Mauerbau machte aus dem Brunnenviertel plötzlich eine Randlage mitten in der Stadt. Teil 1 unserer Serie erzählt, wie Wiederaufbau, Grenzhandel und Mauer das Viertel veränderten.


Wer heute durch das Brunnenviertel läuft, sieht keinen einheitlichen Kiez. Zwischen Bernauer Straße, Vinetaplatz, Swinemünder Brücke, Humboldthain und Ackerstraße liegen unterschiedliche Vorstellungen von Stadt nebeneinander. Manche Blöcke wirken wie große Wohnmaschinen der Nachkriegsmoderne, andere nehmen zumindest die alte Berliner Blockkante auf. Genau darin steckt die zweite Geschichte des Viertels: die Geschichte eines Umdenkens.


In den 1960er Jahren war die Richtung zunächst klar. Die alten Mietshäuser galten als Problem. Sie standen für Enge, schlechte Belichtung, Außentoiletten, feuchte Wohnungen und dunkle Hinterhöfe. Stadtplanung wollte diese Verhältnisse nicht verwalten, sondern abschaffen. Die Kahlschlagsanierung in Deutschlands größtem innerstädtischen Sanierungsgebiet ab 1963 versprach eine neue Ordnung: weniger Bebauung, mehr Grün, getrennte Funktionen. Wohnen hier, Einkaufen an der Brunnenstraße, Industrie nur ganz am Rand. Einst verkehrsreiche Straßen wie die Swinemünder Straße wurden zu Quasi-Fußgängerzonen beruhigt und begrünt, der einst als Schmuckplatz der Kaiserzeit konzipierte Vinetaplatz wurde zur teils begrünten, teils gepflasterten Freifläche zwischen Neubauten. An der einst dicht mit Mietskasernen wie dem berüchtigten Meyer’s Hof bebauten Ackerstraße blieb tatsächlich nur ein einziger Altbau übrig, die Hausnummer 80. 1.760 Läden und Betriebe, die es im Sanierungsgebiet 1961 gab, verschwanden. Statt 40.000 Menschen sollten dort 1980 nur noch 14.000 wohnen. Proteste gab es nur vereinzelt, zum Beispiel beim Abriss der Schrippenkirche an der Ackerstraße.


Für viele Bewohner bedeuteten die locker im Block platzierten Neubauten zunächst mehr Komfort: Warmwasser, Bad, Zentralheizung, größere Fenster und grüne Höfe. Doch der Preis war hoch. Mit den Hinterhöfen verschwanden nicht nur dunkle Wohnungen, sondern auch Werkstätten, kleine Läden, Kneipen, kurze Wege und gewachsene Nachbarschaften. Große Wohnblöcke konnten hygienische Probleme lösen, wirkten aber oft anonym. Die berühmte Berliner Mischung aus Handwerkern mit ihren Werkstätten, Geschäftsleuten mit ihren Läden und Arbeitern und Angestellten war verschwunden – die alten Bewohner oft in Neubausiedlungen am Stadtrand umgezogen. Wo früher Wohnen, Arbeiten und Einkaufen ineinandergriffen, entstanden ruhigere, aber auch weniger lebendige Wohngebiete.


Doch noch während der Sanierungsphase änderte sich die Idee von Stadterneuerung. Nicht alles Alte war plötzlich gut, aber auch nicht mehr alles Alte war automatisch Abrisskandidat. Ein erstes Umdenken zeigte sich an der Gleim- und Graunstraße: Dort blieben Vorderhäuser erhalten, während Seitenflügel und Quergebäude verschwanden. Höfe wurden geöffnet, Wohnungen verbessert, Fassaden neu gefasst. Das war noch keine behutsame Sanierung im späteren Sinn, aber ein Abschied vom reinen Kahlschlag.


Auch rund um den Vinetaplatz lässt sich dieses Umdenken ablesen. Spätere Wohnblöcke orientierten sich wieder stärker an der Berliner Blockrandbebauung. Statt frei verstreuter Solitäre entstanden geschlossene Kanten, Höfe und klarere Straßenräume. Backstein, niedrigere Höhen und Bezug auf den Platz sollten an vertraute Stadtbilder anknüpfen, ohne die alten Wohnverhältnisse zurückzuholen. Ein gutes Beispiel ist der Block 270 zwischen Vinetaplatz und Bernauer Straße, der nach Plänen von Josef Paul Kleihues als konsequente Blockrandbebauung ausgeführt wurde.


Zum Leitbild wurde diese Haltung Anfang der 1980er Jahre. Unter dem Schlagwort „behutsame Stadterneuerung“ setzte West-Berlin stärker auf Erhalt, Instandsetzung und Modernisierung statt Abriss und Neubau. In Wedding und Gesundbrunnen betraf das vor allem kleinteilige Sanierungsgebiete nördlich des Brunnenviertels: um Exerzierstraße, Koloniestraße, Biesentaler Straße, Stettiner Straße, Schulstraße, Neue Hochstraße und Sparrplatz herum. Dort sollten Bewohner während der Sanierung möglichst im Kiez bleiben, Altbauten repariert, Hinterhäuser entkernt, Baulücken geschlossen und die Mischung von Wohnen und Gewerbe bewahrt werden.


Die Exerzierstraße ist behutsamer saniert worden als das Brunnenviertel
Für das Brunnenviertel war es da schon zu spät. Darum sehen viele Straßen außerhalb des Brunnenviertels heute anders aus: geschlossener, kleinteiliger, näher an der alten Berliner Stadt. Im Brunnenviertel blieb der große Schnitt der Flächensanierung dagegen prägend. Gerade deshalb ist der Kiez bis heute ein Lehrstück: Jede Zeit hat ihre eigene Vorstellung von „besserem Wohnen“. Und Stadtplanung wirkt lange nach, wenn die Bauzäune verschwunden sind.
In Teil 3 schauen wir uns an, wie die nächste Abriss- und Neubauwelle das Brunnenviertel in Zukunft verändern wird.


ich bin in der Graunstraße 36 aufgewachsen. Das war Heimat,als wir zwangsläufig dort weg mußten,war es eine Katastrophe.
Was ich als Frevel bis heute empfinde,das man das Schulhaus abgerissen hat,was von der ehemaligen Volksschule übrig war, meiner Meinung nach hätte es unter Denkmalschutz stehen müssen,Hauptsache weg damit das galt damals.
Wo wurde Ihnen dann eine Ersatzwohnung angeboten?