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Große und kleine Geschichten:
Kiez-Moment: Frühling im Wedding

30. März 2026

Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding. Heute geht es entlang der Seestraße.

Sonnendurchflutete Kirschblüte in einem Innenhof an der Seestraße – Foto Renate Straetling

Es wird wärmer, und das gewisse Aprilwetter gehört auch schon zum März-Frühjahr, Sturmböen und Regenschauern wie eh und je, und es gibt wieder viel mehr kleine Momente zu erleben, wenn man unterwegs im Kiez ist. Die Bäume grünen, die Sträucher zeigen hier und da gelbe Zweige und ein Flor von hellgelblichem Grün liegt über vielen Hecken. Knospen zeigen sich zwischen dem Blätterwerk.

An der Kasse im Supermarkt gab ich einem Sanitäter den Vortritt, der offenbar für sein ganzes Team Schrippen und Mineralwasser kauft, aber der Kassierer vermasselt es und greift doch auf dem Band zuerst nach meiner Ware und bont diese ein. Ich meinte, er hätte doch erkennen können, dass ich mit dem anderen Wartenden sprach, wie wir freudig Höflichkeitsfloskeln austauschten, denn nicht immer und nicht jeder Kunde erkennt die Not der kurzen Pausen mit Parken im Halteverbot.

An der Seestraße, fast oben an der Müllerstraße, blüht jedes Jahr sehr früh ein Kirschbaum in zarter weißer Pracht, die schwarzen Äste umschmeichelnd. Zwischen den Blüten ein altes Nest.

In der japanischen Kultur ist die Kirschblüte, japanisch Sakura genannt, das Sinnbild für den Frühling schlechthin, zumal auch die bald fallenden Blüten die Vergänglichkeit (mono no aware) symbolisieren; aberhundertausende Haiku, Kurzgedichte in 17 Silben, gibt es zu dieser Blüte und den damit verbundenen Traditionen.

Kirschblüten fallen –
im Wasser der Reissetzlinge
Mond und Sterne

Yosa Buson (1716–1784)

Während man in Japan Hanami, die feierliche Verehrung, zelebriert, wartet man in Europa schnöde auf die reifenden Kirschen und die sommerliche Ernte – und die beschwingenden Sommerfeste.

Im Sommer sitzen unter diesem Baum jeden Abend aberdutzende Gäste bei delikater asiatischer Küche, auf den Gehwegen gibt es Tische und ein wunderbarer Klangteppich mit Plauderton gleitet in der Luft.

Böiger Wind lässt mich fast kaum weiterkommen und ich bin froh, dass ich die kurze Phase Fußgängergrün über die Genter Straße schaffe. An uns Passanten vorbei zieht ein schwarzer Kerl in tiefschwarzer Gothic-Klamotte mit obligatem Hoodie in die Stirn gezogen und mit einem geschulterten lauten Zylinderradio. Er latscht die Seestraße runter, aus dem Lautsprecher kommt irgendwie nur eine Geräuschendlosschleife.

Aber kaum bin ich um die Ecke an der Antwerpener muss ich doch breit schmunzeln: Da hat jemand verstanden und aufgegriffen, was ich im vorherigen Kiezmoment erzählte.

Ha! Ist das zum Quietschen lustig! Neben den frisch geleerten Glascontainern, die zuvor noch überfüllt ihre Scherben auf dem Gehweg vor der Kirchen-Kita wuchern ließen, steht ein geräumiges Regal. Gleich abgeknipst! Voilà.

Hier kann nur gemeint sein, alle mal wieder überfälligen Weißglasabfälle ordentlich in die Fächern zu stapeln. Bingo! (rs)

Renate Straetling

Renate Straetling

Jg 1955, aufgewachsen in Hessen; ab 1973 Studium an der FU Berlin, Sozialforschung, Projekte und Publikationen.
Selfpublisherin seit 2011 bei epubli.com, u.a. Kinder_SciFi
www.renatestraetling.wordpress.com
Im Wedding seit 2007.
Mein Wedding-Motto:
Unser Wedding: ein großes lebendiges Wimmelbild ernsthafter Menschen!

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