Freie Schulen auch für Wedding-Kids?

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Wie Maja Lasic Deutsche wurde. Foto Andrei Schnell
Maja Lasić (SPD), 2016 im Brun­nen­vier­tel direkt gewählt, will die Schul­land­schaft neu ord­nen. Foto And­rei Schnell

Die Ber­li­ner SPD will in der Bil­dungs­po­li­tik eine Wen­de ein­lei­ten. „Alle Schu­len für alle Kin­der“ for­dert ein Antrag der SPD-Frak­ti­on im Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­haus. Das heißt, pri­va­te und freie Schu­len sol­len jeder­mann zugäng­lich sein. Maß­geb­lich ver­fasst hat den Antrag Maja Lasić (SPD), die 2016 im „tie­fen Wed­ding“ (seit 18 Jah­ren als Brun­nen­vier­tel bekannt) direkt gewählt wurde.

Maja Lasić ist in der Ber­li­ner SPD die Frak­ti­ons­spre­che­rin für Bil­dung. Der Antrag, der noch nicht ver­öf­fent­licht ist aber dem Wed­ding­wei­ser vor­liegt, for­dert vom Senat „die Zusam­men­ar­beit mit Schu­len in frei­er Trä­ger­schaft neu zu ord­nen“. Für die vier pri­va­ten und frei­en Schu­len im Wed­ding wür­de sich eini­ges erheb­lich ändern. Und Wed­din­ger Fami­li­en mit wenig Geld hät­ten eine grö­ße­re Schul­aus­wahl. Maja Lasić erklärt im Inter­view, was die SPD vorhat.

Der Antrag, ver­fasst von Maja Lasić, Josch­ka Lan­gen­brinck und Ina Maria Czy­bor­ra, for­dert einen Bruch des bis­he­ri­gen gewohn­ten Schul­we­sens. Bis­lang besteht eine erheb­li­che Tren­nung zwi­schen den kos­ten­lo­sen staat­li­chen und den nicht-staat­li­chen Schu­len, die Schul­geld erhe­ben müs­sen. Die SPD-Frak­ti­on ver­langt nun eine „Gebüh­ren­frei­heit in den unte­ren Ein­kom­mens­grup­pen“ für alle Schu­len sowie eine ein­fa­che und kla­re Offen­le­gung der Schul­gel­der und eine Prü­fung der „tat­säch­li­chen sozi­al­ne Zusam­men­set­zung der Schülerschaft“.

Eben­falls grund­sätz­lich neu wäre die Finan­zie­rung: „ Pri­vat­schu­len, die ver­stärkt inklu­siv arbei­ten und Schü­ler aus sozi­al benach­tei­lig­ten Fami­li­en auf­neh­men, wer­den eine höhe­re Zuwei­sung bekom­men“. Über­ra­schend auch, dass in dem Papier von „Voll­kos­ten­ba­sis“ gespro­chen wird. Bis­lang bedeu­tet die Tren­nung zwi­schen den bei­den For­men der Schul­or­ga­ni­sa­ti­on, dass nicht-staat­li­chen Schu­len ledig­lich Per­so­nal­kos­ten und die­se auch nur teil­wei­se vom Land Ber­lin erstat­tet bekommen.

Interview mit Maja Lasić über “Alle Schulen für alle Kinder”

Maja Lasic
Maja Lasić, die Spre­che­rin für Bil­dung der SPD-Frak­ti­on im Abge­ord­ne­ten­haus. Foto: Maja Lasic.

Wed­ding­wei­ser: Frau Maja Lasić, was plant die Ber­li­ner die SPD und was soll mit dem Antrag “Alle Schu­len für alle Kin­der” erreicht werden?

Maja Lasić: Unser Antrag ver­folgt zwei Zie­le: Ers­tens stärkt das Grund­ge­setz freie Schu­len unter der Vor­aus­set­zung, dass sie nicht gegen das soge­nann­te Son­de­rungs­ver­bot ver­sto­ßen. Mit ande­ren Wor­ten: Freie Schu­len sind ver­pflich­tet, unab­hän­gig vom Ein­kom­men der Fami­lie für alle Kin­der zugäng­lich zu sein. In der bis­he­ri­gen Pra­xis sind jedoch die Model­le der Zuzah­lun­gen in vie­len Fäl­len nicht trans­pa­rent dar­ge­legt und auch von der Ber­li­ner Ver­wal­tung nicht aus­rei­chend geprüft. Der Wil­le der SPD-Frak­ti­on ist, dass sich dies ändert.

Unser zwei­tes Ziel befasst sich mit dem Finan­zie­rungs­mo­dell für freie Schu­len. Jedes zehn­te Ber­li­ner Kind besucht eine freie Schu­le. Der Anteil der sozi­al benach­tei­lig­ten Kin­der ist dabei jedoch an vie­len frei­en Schu­len in einem nied­ri­gen ein­stel­li­gen Bereich. Wir wol­len mit dem neu­en Finan­zie­rungs­mo­dell die­je­ni­gen unter den frei­en Schu­len stär­ken, die sich jetzt schon ver­stärkt der sozia­len Durch­mi­schung wid­men und den ande­ren frei­en Schu­len einen Anreiz bie­ten, sich ver­stärkt um Schü­ler aus sozi­al Benach­tei­lig­ten Fami­li­en zu bemühen.

Wer­den in dem Antrag pri­va­te und freie Schu­len, die sich in ihren Ziel­rich­tun­gen unter­schei­den, glei­cher­ma­ßen als “Pri­vat­schu­le” angesehen?

Maja Lasić: Unser Antrag zielt dar­auf ab, freie Schu­len unter­schied­lich zu behan­deln. Es gibt sehr vie­le reform­päd­ago­gi­sche Schu­len, die inno­va­ti­ve päd­ago­gi­sche Ansät­ze haben und dabei jetzt schon eine ange­mes­se­ne Durch­mi­schung der Schü­ler­schaft auf­wei­sen. Die­se Schu­len wol­len wir aus­drück­lich stär­ken. Vie­le wer­den von dem geplan­ten Finan­zie­rungs­mo­dell pro­fi­tie­ren. Ich wer­de kei­ne ein­zi­ge freie Schu­le ver­hin­dern wol­len, sehe mich aber nicht in der Pflicht, Schu­len zu stär­ken, die schon von ihrem Ansatz her auf Aus­gren­zung setzen.

Was wür­de sich für die vier Wed­din­ger nicht-staat­li­chen Schu­len ändern?

Freie Schule Quinoa-Schule
Die Qui­noa Schu­le für benach­tei­lig­te Jugend­li­che soll­te vom SPD-Vor­stoß pro­fi­tie­ren. Foto: And­rei Schnell

Maja Lasić: Im Klei­nen wird sich ändern, dass sie ihr Modell der Bei­trä­ge trans­pa­rent offen legen müs­sen. Damit ist für alle Fami­li­en schon vor dem Erst­kon­takt ersicht­lich, wel­che Kos­ten auf sie zukämen.

Was die Finan­zie­rung durch das Land anbe­trifft, so wird das Ergeb­nis für die betrof­fe­nen vier Wed­din­ger all­ge­mein­bil­den­den Schu­len ganz unter­schied­lich aus­fal­len. Denn sie gehen mit der sozia­len Bar­rie­re­frei­heit unter­schied­lich um. Die Schu­len, die bereits vie­le Kin­der aus ärme­ren Fami­li­en auf­neh­men, wer­den stark pro­fi­tie­ren, wenn sich unse­re Plä­ne durch­set­zen. Die ande­ren Schu­len wer­den sich hof­fent­lich ver­stärkt Gedan­ken machen, wie sie mehr Wed­din­ger Kin­der aus sozi­al schwa­chen Fami­li­en bei sich auf­neh­men. So oder so: Wed­din­ger Kin­der wer­den von dem neu­en Modell pro­fi­tie­ren und bis­lang ver­schlos­se­ne Wege wer­den sich für sie öffnen.

Info: Vier freie und private Schulen im Wedding

Kristall-Grundschule. Foto: Dominique Hensel
Die Kris­tall-Grund­schu­le infor­miert auf ihrer Web­sei­te wahr­schein­lich noch nicht “trans­pa­rent” genug. Foto: Domi­ni­que Hensel.

Eine nicht-staat­li­che Schu­le ist nicht unbe­dingt  eine “Pri­vat­schu­le”. Im Wed­ding gibt es neben zahl­rei­chen nicht-staatt­li­chen Berufs- und Fach­schu­len vier all­ge­mein­bil­den­de Schu­len in nicht-öffent­li­cher Hand. Die­se sind:

1. Nicht als Pri­vat­schu­le sieht sich die Qui­noa Schu­le in der Küh­ne­mann­stra­ße am nörd­li­chen Rand des Sol­di­ner Kiezes. Auf ihrer Web­sei­te heißt es: “Wir haben eine Schu­le gegrün­det, um sozi­al benach­tei­lig­ten Jugend­li­chen mehr Chan­cen­ge­rech­tig­keit durch eine Aus­sicht auf Aus­bil­dung und Bil­dungs­auf­stieg zu bie­ten.” Das Schul­geld ori­en­tiert sich an den Kita­ge­büh­ren. Eine Schul­geld­ta­bel­le schlüs­s­tel genau auf, wie hoch die Bei­trä­ge sind. Und es gibt den deut­li­chen Hin­weis, dass Fami­li­en, die staat­li­cher Unter­stüt­zung bezie­hen, ledig­lich 30 Euro Essens­geld zah­len müssen.

2. Eben­falls nicht als Pri­vat­schu­le anzu­se­hen ist die Kris­tall-Grund­schu­le in der Tege­ler Stra­ße im Spren­gel­kiez. Auf der Web­sei­te des Trä­gers Tech­ni­sche Jugend­frei­zeit- und Bil­dungs­ge­sell­schaft gGmbH ist zu lesen: “Inklu­si­on ist für uns will­kom­me­ne Viel­falt und die Chan­ce”. Ein­zel­hei­ten über die recht neue Schu­le feh­len aller­dings noch.

3. Als Alter­na­tiv­schu­le, weil alter­na­tiv zu gewohn­ten Schul­kon­zep­ten, sieht sich die Freie Schu­le am Mau­er­park im Brun­nen­vier­tel. Auch sie hat eine Schul­geld­ta­bel­le ver­öf­fent­licht. Zu zah­len sind hier je nach Ein­kom­men 90 bis fast 300 Euro pro Monat.

Freie Schule am Mauerpark. Foto: Dominique Hensel
Die Freie Schu­le am Mau­er­park ist eine Alter­na­tiv­schu­le mit einem alter­na­ti­ven päd­ago­gi­schem Kon­zept. Foto: Domi­ni­que Hensel.

4. Die Grund­schu­le und das Gym­na­si­um in der Acker­stra­ße im Brun­nen­vier­tel gehö­ren zum Phorms Kon­zern, der als Akti­en­ge­sell­schaft ein­ge­tra­gen ist. Hier gibt es erheb­li­che Schul­gel­der ab 489 Euro plus Ver­pfle­gungs­kos­ten plus Ver­wal­tungs­ge­büh­ren und plus Lehr­mit­tel­kos­ten. Fami­li­en mit weni­ger als 50.000 Euro Ein­kom­men sol­len gerin­ge­re Bei­trä­ge zah­len. Dies wird jedoch nicht eigens augeschlüsselt.

5. Nicht im Wed­ding zu fin­den ist eine Montesso­ri­schu­le oder eine kirch­li­che Schule.

Die Fra­gen stell­te: And­rei Schnell, Fotos: Maja Lasić und And­rei Schnell

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Andrei Schnell

Mit ostdeutschem Hintergrund bin ich im Weddingspektrum einer von vielen anderen Sonderlingen. Ich vergleiche Politik gern mit Sport, dann ist sie spannend und nicht bierernst. Wenn ich ein Buch lese, frage ich mich immer, wo ich es besprechen kann. Ich reporte ja für Weddingweiser, Weddinger Allgemeine Zeitung und Kiezmagazine. Ich mag Geschichten und Geschichte.

2 Comments

  1. Der Vor­schlag ist nach­voll­zieh­bar, aber eher Sym­bol­po­li­tik. Hilf­rei­cher wäre eine Ver­bes­se­rung der öffent­li­chen Schu­len. Unter dem Mot­to “Alle Schu­len für alle Kin­der” wür­de es schon deut­lich mehr hel­fen, wenn den Eltern mehr Frei­heit bei der Wahl der (öffent­li­chen) Grund­schu­le gelas­sen und das jet­zi­ge Spren­gel­prin­zip auf­ge­ge­ben wür­de. Damit wür­de die Druck zur Flucht in die Pri­vat­schu­len (wie auch zur fal­schen Wohn­sitz­mel­dung und ande­ren Ver­mei­dungs­stra­te­gien) sicher geringer.

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