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Das Viertel am Rande des Stadtteils:
3 gute und 3 schlechte Seiten am Brunnenviertel

Das Brunnenviertel liegt auf beiden Seiten der Brunnenstraße, zwischen Bahnlinien und nördlich der Bernauer Straße – ein Gebiet, das in seiner Geschichte und Struktur so widersprüchlich ist, dass man zwei Mal hingucken muss. Mancher schätzt es schon heute, für viele haben die modernen Mietshäuser keinen richtigen Kiezcharakter.

Hier sind ein paar Seiten, die zwischen Swinemünder und Bernauer Straße besonders ins Auge springen.

Die guten Seiten

Erstens: Zentrale Lage & gute Erreichbarkeit. Das Brunnenviertel liegt sehr nah an Alt-Mitte, an beliebten Orten wie dem Mauerpark und hat auch eine gute Anbindung durch U- und S-Bahn sowie die Oberflächenlinien M10 und 247. Der Wedding rückt hier dem Fernsehturm so nahe wie sonst nirgends. Wer in der Stadt sein will, ohne ganz im touristischen Trubel zu leben, findet hier einen guten Kompromiss.

Zweitens: Geschichtliche Tiefe & Identität. Das Gebiet war früher Teil der Rosenthaler Vorstadt, dann Wohnquartier vieler Industriearbeiter, später ein gigantisches Flächenabrissgebiet („Sanierungsgebiet Wedding Brunnenstraße“). Das historische Erbe zeigt sich heute vor allem in sehr alten Straßennamen (z. B. Ackerstraße, Gartenstraße), in nur wenigen verbliebenen Alt-, dafür sehr vielen Nachkriegsbauten, in gemischter Bebauung sowie in historischen Orten wie der Mauergedenkstätte – man spürt, dass hier vieles passiert ist.

Drittens: Potenzial & schon geleistete Aufwertungen. Es gibt Initiativen, Quartiersmanagement, neue kreative Nutzungen, Projekte zur Umgestaltung öffentlicher Räume, Nachbarschaftsarbeit. Auch wenn viele Ecken noch rau sind, wächst das Bewusstsein, dass hier eine lebendige Nachbarschaft entstanden ist. Viele Bewohner:innen schätzen, dass das Brunnenviertel noch überschaubar und noch nicht überlaufen ist, dass aber zugleich auch viel Raum für Veränderung besteht.

Die problematischen Seiten

Doch so viel Potenzial das Brunnenviertel auch hat – die Schatten sind unübersehbar.

Erstens: Soziale und wirtschaftliche Belastung. Das Brunnenviertel besitzt einen hohen Anteil an einkommensschwächeren Haushalten. Nur an seinen Rändern Richtung Alt-Mitte und Prenzlauer Berg verändert sich die Durchmischung der Bevölkerungsgruppen, wenn auch langsam.

Meyer’s Hof. Foto: Bert Sass

Zweitens: Baulicher Zustand & Verlust der Vielfalt. Die Flächensanierung der Vergangenheit (insbesondere im Sanierungsgebiet Brunnenstraße) hat dazu geführt, dass viele Altbauten verschwanden, die Bevölkerungsdichte sank, und manchmal der Charakter verloren ging. Auch sind historisch bedeutsame Gebäude wie Meyer’s Hof abgerissen worden – heute kann man sich nicht mehr vorstellen, unter welchen unsäglichen Bedingungen die Menschen früher hier gelebt haben.

Foto Ulrich Wicke

Drittens: Nur hier sind die Auswirkungen des Mauerbaus, der das Viertel von drei Seiten eingeschnürt hat, noch bis heute spürbar. Der alte Grenzverlauf ist sowohl baulich als auch in der Sozialstruktur sichtbar. Das Viertel hat mit der Sprengung der Versöhnungskirche 1985 ein wichtiges Gebäude verloren. So sehenswert das erhaltene Mauerstück an der Bernauer Straße für Touristen und Nachgeborene auch ist – für die Bewohner:innen des Brunnenviertels ist die Narbe noch immer zu erkennen.

Fazit

Das Brunnenviertel ist kein „schöner Hingucker“ im Sinne eines durchgestylten Szenekiezes – aber gerade das macht seine Spannung aus. Zentral gelegen, mit viel Geschichte und mit sichtbarem Potenzial für Veränderung – aber ebenso mit Herausforderungen, die nicht wegzudiskutieren sind. Wer diesen Kiez wohnt, steckt in einem Übergang: zwischen Vergangenem und Zukünftigem, zwischen Belastung und Chancen.

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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