Der Prinz vom Leo: Der Coffee Man und seine Pappenheimers

Foto: S. Wischmann

Es ist 7 Uhr morgens an einem Markttag. Viele Berliner liegen noch in ihren Federn, doch der blaue Himmel verheißt einen heißen Sommertag. Auf der Müllerstraße sind nur wenige Busse und Autos unterwegs, ansonsten flattern Taubenschwärme über dem Leopoldplatz und man sieht den ein oder anderen Obdachlosen, wie er sein Nachtquartier abbaut. Ein durchgängiges sonores Geräusch durchbricht die morgendliche Stille, wenig später sieht man ein knallrotes Dreirad auf den Platz fahren. Es ist Harun Dilek alias The Coffee Man, der hier nicht mehr wegzudenken ist. Seit März 2016 ist Harun mit seiner roten Biene eine feste Institution auf dem Leo und pflegt nicht nur seine Kaffeespezialitäten, sondern auch den Austausch mit der Nachbarschaft, Stammkunden und Reisenden.

Für alle ein offenes Ohr

Foto: S. Wischmann

„Ab 8 Uhr versuch ick imma für alle da zu sein“, sagt The Coffee Man. Erstmal wird der Flitzer an den Strom angeschlossen, alles rangeholt und aufgebaut. Dazwischen wird mit der Marktleiterin und den Händlern kurz geschnattert und sich wieder dem Aufbau gewidmet. Es dauert eine Weile, bis alles gefegt, aufgeklappt, angeschraubt und aufgestellt ist. Sauberkeit und Ordnung sind ihm wichtig und so hat alles auch seinen Platz.

Kurz vor 8 Uhr dampft und zischt auch schon pünktlich seine große Espressomaschine auf seinem umgebauten italienischen Arbeitstier und die ersten beiden Espressi rinnen in die Becher oder Kännchen.„Ist der Gerät wieder heile?“ flachst ein junger Mann kurze Zeit später und erkundigt sich nach dem Zustand der großen Maschine, die Tage zuvor ein kleines Problem mit dem Ventil hatte und Harun Nerven gekostet hat. Inzwischen pumpt die U-Bahn im 5 Minuten-Takt Menschenmassen auf den Leopoldplatz. Viele hasten zu ihren Bussen, aber mancher geht zielstrebig, oft mit ReCup-Becher und Thermokannen, zum roten Kaffee-Stand.„Ick kenn meine Pappenheimers und weeß bei vielen, wat se wollen oder auch nich“, berlinert Harun, greift zielsicher zu seinen Siebträgern und drückt blind die Tasten auf „der Gerät“.

Foto: S. Wischmann

Von bis zu 150 Stammkunden kennt er die Wünsche und kann deswegen schon im voraus einige Heißgetränke anschieben.  Harun weiß um die Lebensgeschichten seiner Stammkunden, von Umständen im Beruf und Privatleben, aber auch von Geburten und den Verlust von Angehörigen. Egal ob Obdachloser, Freak, Arbeiter, Rentner, Student, Mutter und Vater mit Kind, Blogger, Influencer, Bauleiter oder Jurist: für alle hat er ein offenes Ohr.

Fast im Sekundentakt wird sich begrüßt, untereinander ausgetauscht, leckere Kaffeespezialitäten genossen und wieder verabschiedet. Man sitzt, steht oder hastet doch  weiter, weil der Bus  um die Ecke biegt. Der Lärm der Straße nimmt zu, ab und an bildet sich eine Menschentraube vor dem Stand. Hier tobt das wahre Leben, „dit is der Wedding“, ein buntes Kuddelmuddel .„Was schmeckt besser? Soja oder Hafer?“ fragt eine junge Dame, während zeitgleich vier andere Bestellungen abgearbeitet und zwei Stammkunden bespaßt werden. Glücklich beraten und mit einem Becher in der Hand geht die Dame kurz danach ihrer Wege. Hier zwei Chai-Latte, da ein Americano mit Hafermilch oder Flat White und zwischendurch ein Bio-Kakao to Go. Bis zu 21 verschiedene Kreationen werden angeboten und da heißt es „Strecke machen“ .

Im Späti fürs Leben gelernt

Foto: S. Wischmann

Auf Zack zu sein ist wichtig, da kommt dem Coffee Man sein früherer Job in einem Spätkauf zu Gute. „Da musste Kaffee können und schnell sein, wa. Allet andere kommt dann von alleene“, erzählt Harun. Es ist mal Zeit für ein Pläuschen und um klar Schiff zumachen, Sachen aufzufüllen und aus seinem Leben zu erzählen. Davon, dass er ein Tempelhofer Jung, aber in Neukölln und Kreuzberg aufgewachsen ist.

Seine Großmutter kam Anfang der 60er-Jahre als Gastarbeiterin in den Wedding und lebte mit seiner Mutter auf der Ecke. Nach verschiedenen Jobs, unter anderem auch später im Späti, kam eines Tages der Entschluss, sich mit Kaffee irgendwie selbstständig zu machen. Das Getränk spielte bei ihm vorher kaum eine Rolle. Aber nach und nach vertiefte sich Harun in die Materie, probierte vieles aus und bezeichnet sich heute selbst als Kaffee-Junkie. Hinsichtlich des Arbeitsgefährtes entschied er sich für einen italienischen Klassiker… eine APE 50/Europe. Die Suche nach der geeigneten Kaffeerösterei fiel da schon wesentlich leichter und so bezieht Harun seinen Espresso Forte, 70 Prozent Arabica und 30 Prozent Robusta, von keinem Geringeren als Jochen Hinze vom JoCafe. Dort werden die Kaffeebohnen schonend mit Trommelröstung veredelt, was man auch wirklich schmeckt.

Der Prinz vom Leo

Foto: S. Wischmann

Ein Rollkoffer rattert über die kleinen Pflastersteine, eine Frau bestellt schnell was zum Mitnehmen. Während die Maschine schon läuft, stellt sie fest, dass sie ihr Portmonee zu Hause vergessen hat. Leider muss sie dringend zum Flughafen, alle Papiere sind in der Geldbörse, um dann nach Dänemark zu reisen. Routiniert beruhigt Harun die Frau, bietet an, den Koffer und die Taschen bei sich zu bunkern, damit sie schnell ihre Sachen holen kann. Sowas kommt täglich mehrmals vor und dann wird es echt eng . Aber weg kommt bei ihm nichts und es wird früher oder später immer abgeholt. Kurz darauf ist die Frau wieder da, erleichtert.

„Der Prinz vom Leo“ ertönt es und Humphrey, gebürtiger Kameruner, nähert sich. Seine Frau Mimi hat auf dem Wochenmarkt einen Essensstand mit afrikanischer Küche und man kennt sich seit langer Zeit. „Harun ist was Besonderes hier und für mich eine kleine Berühmtheit“ sagt der herzliche Geologe weiter. Nach einem kurzen Plausch wünscht man sich einen schönen Tag. Ein junges Paar mit Kind begrüßt den Coffee Man, der die Arbeit unterbricht. Denn gerade dem Nachwuchs schenkt er viel Aufmerksamkeit. Man spürt immer wieder, wie sehr dieser Tempelhofer Jung den Menschen ans Herz gewachsen ist und das gibt er auch gerne zurück.

Es gab aber auch einen Moment, in dem nicht alles knorke war und so endete eine hochgeschaukelte Situation mit einem Krankenhausaufenthalt, nachdem ihn eine Rotweinflasche küsste und ihm das Nasenbein gebrochen hat. „So is dit. Kann jut loofen oder auch nich. Man weeß nie, wie der Tach würd“ , sagt er, begrüßt die nächsten Kunden mit einem frechen Spruch und nimmt wie immer die Bestellungen auf. The Coffee Man ist mehr als nur einer der Kaffeeverkäufer auf dem Leopoldplatz, er ist der Junge von nebenan und für viele mittlerweile ein guter Freund… ein echt dufter Typ.

The Coffee Man, Montag/Dienstag und Donnerstag/Freitag von 7.30 Uhr bis 18 Uhr auf dem vorderen Leopoldplatz, The Coffee Man Facebook-Seite


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