Aus Nachtigalplatz und Lüderitzstraße wird …

Schon  fast gestrichen: Lüderitzstraße

Aus einer kolonialen Begeisterung in der Kaiserzeit heraus wurden im Afrikanischen Viertel Straßen nach Protagonisten der deutschen Kolonialgeschichte, Städten, Flüssen oder Ländern Afrikas benannt. Im letzten Jahr sorgten Ideen für den Ersatz umstrittener Straßennamen in ganz Berlin und darüber hinaus für Furore. Nun liegen neue Namensvorschläge für den Nachtigalplatz, die Lüderitzstraße und die Petersallee vor, die am Donnerstag (1.3.) vorgestellt werden. Sie läuten die nächste Runde in der Auseinandersetzung um die Kolonialnamen ein.

Neue Vorschläge für Straßennamen

Nun gibt es Neues zum Thema Straßenumbenennung im Afrikanischen Viertel, allerdings nicht aus dem Wedding. Die ausgewählten Namen werden am Donnerstag (1.3.) der Öffentlichkeit vorgestellt. Doch statt die Präsentation in einem Raum im Afrikanischen Viertel durchzuführen, wie es angesichts der schwierigen Vorgeschichte nahe gelegen hätte, wurde ein Saal in einem ganz anderen Ortsteil ausgewählt, nämlich im Rathaus Tiergarten. Ist das Zufall? Ring frei für die zweite Runde – im Kampf um die Lufthoheit in Sachen Straßenumbenennungen.

Nachtigalplatz, Petersallee und Lüderitzstraße werden vielleicht bald nach einer dieser Personen oder Ereignisse benannt:

Rudolf Manga Bell (1873-1914), König des Duala-Volkes in Kamerun zur deutschen Kolonialzeit. Er war Anführer des Widerstandes gegen die Vertreibung der Duala aus ihren angestammten Wohnplätzen.

Miriam Makeba (1932-2008), eine südafrikanische Sängerin und eine Vertreterin der Weltmusik, kämpfte seit ihrem Exil 1960 gegen die Apartheid-Politik Südafrikas und setzte sich für die Menschenrechte ein.

Anna Mungunda (1932-1959), eine Herero aus Namibia, die 1959 bei Unruhen gegen die Kolonialherrschaft ums Leben kam.

Jakobus Morenga (bzw. Jacob Marengo)(1875 -1907), Anführer im Aufstand der Herero und Nama von 1904 bis 1908

Maji-Maji Der Maji-Maji-Krieg 1905-1906 war der größte Widerstandskrieg gegen die deutsche Kolonialherrschaft.

Cornelius Fredericks (†1907) war einer der Anführer des Widerstandskrieges der Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft im damaligen Deutsch-Südwestafrika

Audre Lorde (1934-1992), eine afroamerikanische Schriftstellerin

Simon „Captain“ Kooper (vor 1860-1913), Anführer der Nama im heutigen Namibia

Die Geschichte eines Streits

Einige Straßennamen im Afrikanischen Viertel werden aus heutiger Perspektive als  fragwürdig angesehen. Aus diesem Grund wurde die Petersallee  bereits 1965 umgewidmet. Sie ehrt heute statt des Kolonialverbrechers Carl Peters einen CDU-Stadtverordneten gleichen Nachnamens. Doch zwei weitere umstrittene Namen sind bislang unangetastet geblieben: der Nachtigalplatz und die Lüderitzstraße. Das Bezirksparlament von Mitte, die Bezirksverordnetenversammlung (BVV), hat die grundsätzliche Vorentscheidung für die Umbenennung aller drei Straßen bereits im März 2016 getroffen. Was die Umbenennung der 1986 bereits umgewidmeten Petersallee angeht, ist allerdings unklar, ob eine Umbenennung überhaupt juristisch machbar ist. Wie auch immer: Die Anwohnerinnen und Anwohner sind im Falle einer Umbenennung besonders gebeutelt. Die Ummeldungen und Aktualisierung von Personaldokumenten muss jeder selbst beim Bürgeramt vornehmen. Um die bürokratischen Komplikationen für die über 1000 betroffenen Anwohner und Gewerbetreibenden möglichst gering zu halten­, wird eine unkompliziertes Durchführung seitens des Bürgeramtes angestrebt.

Die erste Runde ging gründlich schief

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Eine Infostele erklärt mit zwei Texten, was es mit den Namen auf sich hat.

Alles fing ganz harmlos an. Die Bürger und postkoloniale Aktivisten konnten bis Februar 2017 Namensvorschläge vorlegen, über die eine Jury beraten sollte. Das Problem dabei: Die Zusammensetzung der Jury war geheim, und wie sich später herausstellen sollte, saß kein einziger Bewohner der betroffenen Straßen in der Jury. Die angefragte Anwohnerinitiative „Pro Afrikanisches Viertel“ hingegen schlug die Einladung aus, da sie die Umbenennung grundsätzlich ablehnt.

Nach acht vertraulichen Sitzungen wurden Ende Mai 2017 sechs Namensvorschläge ermittelt, mit denen die geheime Jury und die Bezirksstadträtin Sabine Weißler erstmals an die Öffentlichkeit traten. Die Empörung war groß, und zwar zu Recht: Die Geheimhaltung der Jurybesetzung, eine sehr fragwürdige Auswahl (unter den Top 6 war sogar eine Sklavenhändlerin) und die fehlende Beteiligung von Anwohnern machten die ohnehin schon streitbehaftete Umbenennung zu einem handfesten Skandal. Die eigentliche Absicht, historisch umstrittene Persönlichkeiten nicht mehr mit einem Straßennamen zu ehren, dafür jedoch afrikanische Freiheitskämpfer oder Personen der Kolonialgeschichte, geriet völlig in den Hintergrund.

Doch statt das vermurkste Prozedere noch einmal neu zu starten und diesmal eine angemessene Beteiligung von Betroffenen zu gewährleisten, sollte eine wissenschaftliche Komponente das begonnene Verfahren aufwerten. Im Juni 2017 wurde nach heftiger Kritik beschlossen, dass die im Bezirksparlament vertretenen Parteien zusätzliche Gutachten einholen können. Davon haben alle bis auf die CDU Gebrauch gemacht. Die AfD begründet in ihrem Gutachten ausführlich, weshalb aus ihrer Sicht auf eine Umbenennung ganz verzichtet werden kann.

Nun werden die neuen Namensvorschläge präsentiert. Auf ihrer Sitzung im März oder April könnten den Bezirksverordneten dann eine Entscheidung zur Umbenennung der Straße im Afrikanischen Viertel fällen.

Infoveranstaltung

  1. März, 19.00 Uhr, BVV-Saal im Rathaus Tiergarten, Mathilde-Jacob-Platz 1

 

NACHTRAG 12. APRIL 2018: Inzwischen hat sich der Kulturausschuss der BVV auf vier Namen geeinigt, die für den West-Abschnitt und den Ost-Abschnitt der Petersallee, den Nachtigalplatz und die Lüderitzstraße festgelegt wurden. Es handelt sich um Maji-Maji-Allee, Anna-Mungunda-Allee, Bell-Platz und Cornelius-Frederiks-Straße.


2 Kommentare
  1. Die Strassenumwidmung der Petersallee ( Carl Peters) wurde von den Anwohnern selbst gewünscht – und wurde 1986 ( nicht 1965 ) nach Hans Peters vollzogen.

  2. Aus dem Tagesspiegel: „Für die Sozialdemokraten schlug Afrikaexperte Andreas Eckert von der Humboldt-Universität Rudolf Manga Bell vor, der sich in Kamerun gegen die deutsche Kolonialherrschaft einsetzte. Eckert merkte jedoch an, dass die Familie Bell auch Sklaven besaß. “

    Letzteres wird leider im obigen Artikel NICHT erwähnt..

    Ansonsten fürchte ich, ist es – mangels anderweitiger, wichtigerer Aufgaben (z. B. genderneutrale WCs 🙂 ) – die krampfhafte Suche der Abgeordneten/der grünen Kulturtante nach einem ordentlichen Betätigungsfeld.

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