Wiesenburger müssen Gelände verlassen

Foto: Die Wiesenburg
Das Wohnhaus gehört zur Wiesenburg. Es muss aber nicht gerämt werden. Foto: Die Wiesenburg

Das landeseigene Wohnungsunternehmen degewo hat in der Wiesenburg in der Wiesenstraße Ateliers sperren lassen. Der Grund dafür ist eine befürchtete Einsturzgefahr. Der Verein Wiesenburg e.V. glaubt nicht an eine akute Gefahr, da die degewo im Herbst die betreffenden Keller mit Stützen hat sichern lassen. Der Verein befürchtet, dass die degewo den Abriss plant.

Die Wiesenburger sagen, dass sich „ein verwilderter ungenutzter Ort leichter abreißen lässt.“ Sie glauben, dass Ziel der degewo sei es, die Künstler (die zum großen Teil Mitglied im Verein Wiesenburg e.V. sind) loszuwerden. Wenn die Künstler ihre Arbeitsräume und das Gelände erst einmal verlassen haben, sei für den Eigentümer degewo vieles leichter. Und: „Es gibt genügend Möglichkeiten den Denkmalschutz zu umgehen und somit einen bedeutenden Teil Berliner Geschichte für immer zu zerstören.“

Kein Abriss der Wiesenburg

Die degewo hält dagegen. Die aktuelle Pressemitteilung der degewo spricht von „bis dato unbekannte Kellerbereiche“, die „akut einsturzgefährdet“ seien. Und: In ihrem Mietermagazin stadtleben ließ sie bereits im August 2015 Günter Reimann zu Wort kommen: „Nun ist das Haus in guten Händen.“ Günter Reimann ist Mitarbeiter im Fachbereich Denkmalschutz im Bezirksamt. Die degewo lässt zwar den Denkmalschützer sprechen, aber das Argument liegt auf ihrer Seite, wenn Günter Reimann auf den Verfall hinweist. Die Wiesenburg ist trotz der Unterstützung durch das Quartiersmanagement Pankstraße mit zuletzt 150.000 Euro im Wortsinne ruiniert. „Die Häuser sollen genutzt werden – sonst verkommen sie.“ Das heißt, auch Denkmalschützer wollen Investitionen – die am ehesten die degewo stemmen kann.

David gegen Goliath

Auf den ersten Blick wirkt alles wie ein Kampf zwischen David und Goliath, wobei die Sympathien der Zuschauer beim scheinbar kleinen Wiesenburg e.V. liegen. Misst man die mediale Resonanz, dann scheint eher die degewo der Zwerg zu sein. Im Spiegel gab es bislang noch keinen Artikel über eine Wohnungsbaugesellschaft, der aus politischen Gründen eine teure Immobilie übergeholfen wurde. Hingegen gab es in Deutschlands führenden Nachrichtenmagazin bereits den Bericht über die drohende Verdrängung der Wiesenburger. Dieser Artikel hatte zu Erfolgen für den Verein Wiesenburg e.V. geführt. Das vor Jahrzehnten als Obdachenlosenheim genutzte Gelände landete nicht bei der BIM (ehemals Liegenschaftsfond), wo es meistbietend an Investoren verkauft geworden wäre, sondern kam zur landeseigenen degewo, die immerhin ein soziokulturelles Zentrum verspricht. Außerdem wird der Verein unterstützt vom Quartiersmanagement Pankstraße, von der Sozialraumorientierten Planungskoordination und nicht zuletzt von der BVV (das Bezirksparlament), die am 15. Oktober beschlossen hat, dass die Wiesenburger in die Planungen zur Neuordnung des Geländes einzubeziehen sind (Drucksache 2264/IV)

Zukunft der Wiesenburg

Die Wiesenburg ist verfallen. Große Investitionen sind nötig. So gesehen ist es vielleicht nicht ganz so dramatisch wie es auf den ersten Blick aussieht, wenn nach jahrzehntelangem Rechtsstreit um die Frage, wer eigentlich Eigentümer des Geländes ist, zugunsten des Landes Berlin entschieden wurde. Nach Übertragung des Grundstücks vom Land an die degewo ist der nächste Schritt ein so genanntes Werkstattverfahren. Hier wird der Verein Wiesenburg e.V. beteiligt. Das Ergebnis ist noch offen. Anzunehmen ist aber, dass die Kämpfe dieser Werkstatt weiterhin öffentlich ausgetragen werden. Und es ist abzusehen, dass die Zeit der anarchischen Strukturen der Wiesenburg vorbei sind. Lag die Wiesenburg bislang gefühlt am Stadtrand, so rückt sie wie der Wedding insgesamt immer weiter in die Mitte Berlins und muss sich damit professionalisieren.

Mehr zur Wiesenburg auf dem Weddingweiser:
Wiesenburg: Die Verdrängung aus dem Paradies
Die eigentümliche Rettung der Wiesenburg
Pressemitteilung der degewo (am 4.12. um 16.30 Uhr noch nicht veröffentlicht)

Text: Andrei Schnell

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