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Lesung und Buchvorstellung:
Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose und die Wiesenburg

Anlässlich des Erscheinens des Buches "Der Berliner Asyl‑Verein für Obdachlose – Die Auseinandersetzung um die Obdachlosigkeit im Kaiserreich" stellt der Autor Winfried Ripp seine Arbeit erstmals öffentlich vor.

Eine Buchpräsentation am Original-Schauplatz verbindet eine Lesung mit Einblicken in die wechselvolle Geschichte des Vereinsarchivs. Dabei erfahren Interessierte vieles über den Berliner Asyl-Verein für Obdachlose, den es noch bis 1976 gab.

Der Verein verstand sich um 1900 als humanitäre Initiative mit starkem bürgerschaftlichem Engagement und zählte zeitweise rund 4.000 Mitglieder. Übernachtende im „Wiesenburg“ genannten Obdachlosenasyl in der Wiesenstraße konnten anonym bleiben, wurden als hilfsbedürftige Menschen aufgenommen, hatten Zugang zu Wasch- und Bademöglichkeiten und erhielten Verpflegung. Die „Wiesenburg“ galt damals als eines der modernsten Obdachlosenasyle weltweit und zeichnete sich durch hohe hygienische Standards aus. Über Jahrzehnte hinweg sah sich der Verein Angriffen aus christlich-konservativen Kreisen, von Hauseigentümern sowie wiederholten Zugangsversuchen der Polizei ausgesetzt.

Über das Buch

Schon Mitte des 19. Jahrhundert waren Obdachlose und bettelnde Menschen in der Stadt unübersehbar. Um 1880 kamen jährlich ca. eine Million Menschen arbeitssuchend neu nach Berlin, von denen 800.000 die Stadt im selben Jahr wieder verließen, da sie trotz enormer Bautätigkeit nach wochen- oder monatelanger Suche keine Bleibe fanden. Obdachlosigkeit und Vagabondage galten als zentrales soziales Problem im Kaiserreich.
1869 gründeten liberale Bürger, die sich den Idealen der 1848er Revolution verpflichtet fühlten und zu denen später auch eine Reihe führender Sozialdemokraten stießen, den Berliner Asyl-Verein für Obdachlose. Der Verein hatte um 1900 4.000 Mitglieder. In den Gremien waren Persönlichkeiten wie Rudolf Virchow, August Borsig, Carl Bolle, Ludwig Loewe, Heinrich Kochhann, Hermann Grimm, Georg v. Bunsen, Paul Singer, Hugo Heimann, Albert Südekum und viele Bankiers und Kaufleute vertreten. Oft hatten sie einen jüdischen Hintergrund. Zu den Mitgliedern gehörten aber auch Facharbeiter der AEG.
Das Gesicht des Vereins war der sozialdemokratische Politiker und Textilfabrikant Paul Singer, der alle politischen und publizistischen Kanäle nutzte, um den Asyl-Verein bekannt zu machen und beim Einwerben von Spenden sehr erfolgreich war. Es gelang ihm, den Verein ständig im Bewusstsein der Berliner Bevölkerung zu halten. Der Verein betrieb von 1869 bis 1931 Obdachlosenasyle für Männer und Frauen. Die Asyle zeichneten sich durch einen hohen hygienischen Standard und eine moderne Einrichtung aus. Ein großer Teil des ab 1896 errichteten Asyls „Wiesenburg“ im Wedding – seinerzeit die weltweit modernste Anlage ihrer Art – hat die Zerstörungen des 2. Weltkriegs überstanden.

Im Kaiserreich, in dem Obdachlose systematisch strafrechtlich verfolgt wurden, war der Grundsatz der Anonymität geradezu subversiv. Jeder konnte ohne Ansehen der Person übernachten, wenn er in Not war und ohne dass er der Polizei gemeldet wurde. Im städtischen Asyl hingegen konnte die Polizei Besucher:innen wegen nichtiger Anlässe verhaften, z.B. wenn sie mehr als dreimal dort übernachtet hatten. Die Polizeibehörde und konservative Bürgervereine versuchten immer wieder, den Asyl-Verein zur Aufgabe der Anonymität oder gar der Schließung der Asyle zu zwingen. Besonders bekämpft wurde das Konzept der Anonymität und der Übernachtung ohne Arbeitsleistung von dem Betheler Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh. Er dominierte die öffentliche Debatte über den Umgang mit Wohnungslosen und Wanderarmen im Kaiserreich. Sein Konzept beinhaltete, dass Unterkunft und Verpflegung nur dann gewährt werden sollten, wenn unbezahlte Zwangsarbeit (insbesondere Steine klopfen und Holz hacken) in einer geschlossenen Anstalt, genannt Arbeiterkolonie, geleistet wurde. Missionierung und Unterwerfung prägten das Leben in den Bodelschwinghschen Einrichtungen. In einer großangelegten Kampagne prangerte Bodelschwingh die liberalen Grundsätze des Asyl-Vereins als Erziehung zum Nichtstun und die Asyle als Ausbildungsstätten für Verbrecher an. Er versuchte, sein System in ganz Preußen gesetzlich durchzusetzen. Dabei schreckte er vor Verleumdungen des Asylvereins und besonders von Paul Singer nicht zurück, immer wieder mit einem antisemitischen Unterton.

Der Asyl-Verein ist ein herausragendes Beispiel des bürgerschaftlichen Engagements des Berliner linksliberalen Bürgertums im letzten Drittel des 19. Jahrhundert und wurde auch zum Maßstab für die sozialdemokratische Obdachlosenpolitik. Seine Asyle gehören zu den wenigen sozialen Einrichtungen des Kaiserreichs, die nicht auf „Besserung“, Zwangsarbeit oder Missionierung der Menschen in Not setzten. Die Asyle waren ein Stück gelebte Humanität.
Finanzielle Einbußen ab 1912 setzten der Arbeit des spendenfinanzierten Asyl-Vereins ein Ende. Die Bodelschwinghschen Maximen hingegen beherrschten die Arbeit mit wohnungslosen Menschen in Deutschland noch bis Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Die Publikation erscheint am 13. Februar im Metropol-Verlag.

ISBN 978-3-86331-844-4
424 Seiten; 35 Abbildungen
Print: 26,– Euro
E-Book-PDF: 21,– Euro

Termin der Lesung

Termin: 19. Februar, 19 Uhr
Ort: Tanzhalle der Wiesenburg, Wiesenstraße 55

weddingweiserredaktion

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