Kommentar: Alle Dämme gebrochen am Plötzensee

Wildes am Plötzensee - Foto: Andrei Schnell
Wildes Baden am Plötzensee – Foto: Andrei Schnell

Es geht um die Menschen, die den Plötzensee nutzen – falsch nutzen. Es geht darum, dass am Plötzensee alle Dämme der Zurückhaltung gebrochen sind. So darf es nicht weitergehen. Möglich, dass einige Leser des Weddingweisers jetzt die Stirn runzeln und fragen: Wo bitte, ist überhaupt das Problem? Ihnen sei gesagt: Ja, es besteht eins. Das übermäßige Wildbaden.

Ist das cool?
Wer kurz innehält und mal einfach schaut, was er am Plötzensee sieht, der erblickt folgendes: Als ob es sich um den Mauerpark handeln würde, springt man über den Zaun, der den See vom Weg trennt. Obwohl Baden ausdrücklich nur im Freibad erlaubt ist. Niemanden schert es mehr. Schlüpften vor wenigen Jahren ausschließlich die Nacktbader am Nordufer durch eine Zaunlücke, so wird nun bei 30 Grad das komplette Ufer als Einstieg benutzt. Geht es so weiter, dient bald der Steg der Bootsausleihe als Sprungturm. Müll bleibt liegen. Wer glaubt, gut erzogen zu sein, hängt den Müll in Tüten an den Zaun und vergisst sich zu fragen, wer ihn dort abholen soll. Sogar Fahrräder werden über den Zaun gehoben. Uferschutz? Diebe gelten wohl als gefährlicher! Ein Schild weist einen Kinderspielplatz aus. Käme jedoch eines vorbei, wäre kein Platz, weil alles mit Handtuchparzellen besetzt ist. Trotz Waldbrandwarnstufe wird lustig ein offenes Feuer angezündet.

Räder in der Uferböschung, Zaun ist kein Hindernis - Foto: Andrei Schnell
Wo Uferböschung sein sollte, parken Räder – Foto: Andrei Schnell

Niemand der sich fragt: Ist das noch cool? Oder einfach nur jugendlich?

Das Problem bei all dem? Es sind einfach zu viele Leute, die sich über alle Regeln hinwegsetzen. Zu viele, die das Landschaftsschutzgebiet Plötzensee mit der Brache Mauerpark verwechseln, der allgemein für exterritoriales Gelände gehalten wird.

Nein, das ist nicht cool!
Menschen sind keine Computer, die ausschließlich richtig und falsch kennen. Und so kann auch niemand etwas dagegen haben, wenn mal einer schnell in den See springt. Allerdings ist es eindeutig falsch, wenn täglich hunderte den Zaun ignorieren und durch Ein- und Ausstieg aus dem Wasser das Ufer abtragen. Ehemalige Uferbuhnen befinden sich bereits ein bis zwei Meter im See. Natürlich wachsen auch keine Uferpflanzen mehr – die wären ja auch eklig an den Beinen.

Wer räumt den Müll der Bader weg? - Foto: Andrei Schnell
Wer räumt den Müll der Bader weg? Nicht alle tragen den Müll immerhin bis hier her – Foto: Andrei Schnell

Viele Berliner sind immer auf der Suche nach Orten, die angesagt sind. Der Plötzensee ist offenbar angesagt, mittlerweile verweisen auch Reiseführer als Geheimtipp auf ihn. Das Lebensgefühl, in Berlin dürfe man einfach über einen Zaun springen, wenn einem danach ist, sei das Besondere an Berlin. Glauben viele. Aber das Besondere an Berlin sind nicht die Nihilisten, sondern dass es in dieser Stadt unerhört viele Leute gibt, die auch ohne Kontrollen im Limit bleiben.

Oft zu hören ist auch das Argument: Ja, wenn die Bäderbetriebe nicht 5,50 Euro pro Tag abkassieren würden, müsste man auch nicht wild baden und dabei das Ufer beschädigen. Dabei ist offensichtlich, dass dieses Argument so haltlos ist, wie die Annahme, wegen der gestiegenen Taxipreise dürfe man des Nachbars Fahrrad gegen den Baum fahren.

Andere sagen, es gibt eben zu wenig Badestellen in Berlin. Da müssten die mal Spree und Co sauber machen. Im Moment gibts ja nur den Plötzensee. Das stimmt. Wünschenswert wären mehr Strände in der Wasserstadt Berlin. Aber es stimmt auch: Die UNO garantiert in ihrem weitgefassten Menschenrechtskatalog das Recht auf Trinkwasser, nicht aber das Recht auf Badewasser.

Landschaftsschutzgebiet braucht echte Berliner. - Foto: Andrei Schnell
Landschaftsschutzgebiet braucht echte Berliner – Foto: Andrei Schnell

So geht es nicht weiter
Es führt kein Weg daran vorbei. Der Plötzensee liegt in einem Landschaftsschutzgebiet. Ja, Landschaftsschutzgebiete sind nach §26 des Bundesnaturschutzgesetzes auch und unter anderem Gebiete, die einfach nur eine „besondere Bedeutung für die Erholung“ haben. Damit der Plötzensee diese Aufgabe in Zukunft weiter erfüllen kann,  darf es so nicht weitergehen.

Text und Fotos: Andrei Schnell

19 comments

  1. Steppe

    An alle, die denken dass es nur um den Müll geht, es geht darum ein Stück Natur mit ihren Lebewesen zu erhalten. Ab Mitte Juni ist der See doch klinisch tot und die wenigen Tiere sind null bis gar nicht geschützt. Mal abgesehen von der Vegetation um den See. Deshalb gibt es eigentlich auch den Zaun. Aber Hauptsache ich bin cool und gehöre zur Szene und danach aber ab in den biotempel und Veggieburger essen. Doppelmoral wo es nur geht. Vielen Dank auch.

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  3. Dirke

    Dieser Artikel ist ja mal sowas von schlecht! Natürlich ist der Eintritt von 3,5€ für nach der Arbeit mal kurz Abkühlen ein Argument und auch, dass viele erst 19 Uhr ankommen, wenn das Freibad schon schließt. Wenn alle ihren Müll mitnehmen, wäre das natürlich viel schöner, aber was nützt ein Schutzgebiet, wenn man es nicht nutzen kann. Sehr schlecht argumentierter Artikel!

    • Sebastian

      Ein Schutzgebiet ist dazu da, die vorhandene Natur zu schützen, nicht dazu, dass Menschenmassen dort machen können, was sie wollen. Es heißt schließlich Schutzgebiet und nicht Nutzgebiet.

      Ein Schutzgebiet darf zwar zur Erholung genutzt werden; das schließt aber nur Spazierengehen, Joggen, evtl. Picknicken ein, nicht aber Wildbaden, Zertrampeln der Vegetation und Uferböschungen, Wegwerfen von Müll und (wenn auch ungewolltes und meist unbemerktes) Verjagen der dort lebenden Tiere.

      Der Mensch lebt nicht allein auf diesem Planeten. Auch nicht in der Stadt.

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  5. Iome

    Ich vermisse dich alter Wedding.
    Damals als du noch dreckig und ohne Studenten ausgekommen bist.
    Damals als es an der Plötze noch keinen Zaun gab.
    Damals als meine Freund noch zu mir sagten „iiiiiiii du wohnst im Wedding“

    Ich vermisse dich mein alter Wedding. R.I.P.

  6. Andreas

    Gerade Berlin hat so viele Badestellen wie keine andere deutsche Stadt…. Tegeler See, Wannsee, Müggelsee, das ganze Umland. Aber das ist halt den meisten zu weit weg.
    Ich glaube nicht, dass der Plötzensee noch zu retten ist, mit den neuen Clubs in der Nachbarschaft wird ihn die Stampede dahinraffen.

  7. meee

    Müll ist sicherlich unschön – wie auf allen Grünflächen Berlins. Aber andersherum gibt es ja auch kaum Angebote an die Besucher, etwa größere Müllsammelstellen an den Parkausgängen wie anderswo.

    Aber WIldbaden?
    Wurde doch hier auch schon ganz anders bewertet!
    https://weddingweiser.de/2015/06/04/lesermeinung-eine-begebenheit-am-plotzensee/
    Ist das Ufer wirklich so schützenswert, oder geht es vielmehr darum, die Pfründe des privat betriebenen Freibads zu schützen

    Warum soll man den See, der zur Stadt gehört wie jeder andere öffentliche Grund einem privaten Investor überlassen?
    Zumal die Beschäftigung eines zweifelhaften Nazi?-Bademeisters noch ein weiteres unschönes Geschmäckle hat und man vielleicht alleine deshalb sein Geld nicht dorthin tragen möchte.
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/badeunfall-in-berlin-wedding-35-jaehriger-mit-2-7-promille-ertrunken-bademeister-schuldlos/10284130.html

    Und selbst wenn man damit kein Problem hat, ist es vielleicht einfach die besch…eidene Preisgestaltung. Die meisten Leute können erst abends nach der Arbeit und wollen sich nur mal kurz erfrischen.
    Ein Freibad, das nur bis 19 Uhr offen hat – und selbst um 18:30 noch 3€ für ein mal kurz Eintauchen nimmt, passt da einfach nicht. Für die Meisten ist unter der Woche 18:30 schon illusorisch.
    (ja, bei ‚gutem Wetter‘ auch länger, aber wer schon mal bei augenscheinlich gutem Wetter vor verschlossenen Türen stand – denn ans Telefon geht keiner, der überlegt es sich beim nächsten Mal)

    Was macht man da? Den Sommer über auf wochentags kurz erfrischen verzichten? Ich meine nicht…

    Es sind nicht immer die bösen Jugendlichen – es sind auch ganz gerne mal die bescheidenen äußeren Gegebenheiten, die zu solchen Ergebnissen führen…

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  9. Klara Bell

    Es gab auch Zeiten, in denen der Plötzensee nicht eingezäunt war und einige Leute immer wild gebadet haben. Seit ca. 5 bis 8 Jahren hat sich die Besuchsklientel des Plötzensees und der Rehberge komplett geändert. Der See ist von einem Weddinger See – plus ein paar Besuchern von außerhalb – zu einem innerstädtisch liegenden See geworden. Ebenso die Rehberge – als Park. Das ist ja zunächst nichts Schlimmes. Allerdings ist es nun mit der Beschaulichkeit vorbei. Eine neue Jugend erobert die Fläche. Das finde ich auch manchmal schade, manchmal gefällt mir aber auch das neue Publikum im Wedding. Ich wünsche mir allerdings auch, dass alle Besucher ihren Müll wieder mitnehmen, nichts kaputtmachen – und erkennen, dass der See plus Park nicht einer Gruppe allein gehört.

  10. Schwrzr (@XYOU)

    Der Müll ist mir auch schon mehrfach negativ aufgefallen, aber das Baden? Ist Wildbaden verboten? Mir wäre nicht bekannt, dass dort Schilder auf ein Verbot hinweisen würden. Falls ja, sollte man vielleicht entsprechende Verbotsschilder aufstellen.

    • Helmut

      Oh ja – die gesamte Uferregion des Sees ist eine besonders schützenswerte Zone –> deshalb auch der aufwendige Zaun, der aber anscheinend nur eine Herausforderung darstellt.

      I.Ü. stehen entsprechende Hinweisschilder – auch was das Grillen angeht!

      INTERESSIERT NUR KEINEN.

  11. Helmut

    Nein, dass ist NICHT das Problem: „Es sind einfach zu viele Leute, die sich über alle Regeln hinwegsetzen.“

    Das Problem sind die Berliner Behörden, die – mittlerweile unterbesetzt/kaputtgespart – einfach wegsehen.
    Keiner wenigen der Ordnungsamtsmitarbeiter will sich dem Mob entgegenstellen. Der Trupp grillender und/oder badender Jugendlicher würde unter Androhung von körperlicher Gewalt die Ordnungshüter in die Flucht schlagen und der Polizei ist eh alles lästig.
    I.ü. könnten dort auch, ala Gesundbrunnen, ganz viele freilaufende Hunde abgeknallt,werden. Gelegenheit dazu gäbe es zuhauf…

    • sinovelo

      darf ich das erweitern? Täglich sieht man, wie das Ordnungsamt „bequeme“ Maßnahmen ergreift, also z.B. Strafzettel verteilt an Autos, die falsch rumstehen und wo der Täter weit und breit nicht zu sehen ist. Wenn’s mal unbequem werden könnte, dann sieht man die Damen und Herren in Blau-Weiß nie.

  12. Knut Pankrath

    So richtig ich den Appell finde, dass Menschen auch mit diesem Stück Berlin sorgsam umgehen mögen, fällt mir dazu doch auch gleich die Unfähigkeit des Landes Berlin ein, via Berliner Bäderbetriebe z.B. das Außenbecken am Poststadion neu zu bauen und damit der steigenden Nachfrage nach Wassernutzung (Mitte wächst) ein vernünftiges Angebot entgegenzustellen.

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: