Kiez rund um den Leo und Osramkiez: Städtische Qualität

Neue und alte Nazarethkirche direkt hintereinander

 

Neue Nazarethkirche
Neue Nazarethkirche

Das namenlose Viertel zwischen dem Leopoldplatz, der Müllerstraße, der Seestraße und der Reinickendorfer Straße besitzt von allen Weddinger Kiezen mit die geschlossenste Bebauung aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Die in ein Gewerbe- und Bürozentrum umfunktionierten Osram-Höfe, einst Europas größte Glühlampenfabrik (erbaut 1904-1910), schließen das Viertel nach Norden hin ab.

Die Mischung macht’s zwischen Leo und Seestraße

In den ruhigeren Seitenstraßen ebbt der Verkehrslärm langsam ab. Originell ist die Malplaquetstraße, an der die unterschiedlich ausgerichteten Querstraßen in einem anderen Winkel abknicken und dreieckige Plätze ausbilden. Interessant ist auch die Liebenwalder Straße mit dem ältesten Haus im Kiez aus dem Jahr 1875 (Hausnummer 2-3), das auch über Wirtschaftsgebäude verfügt.

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Das Karl-Schrader-Haus an der Ecke Malplaquet-/Liebenwalder Straße
Das Karl-Schrader-Haus an der Ecke Malplaquet-/Liebenwalder Straße

Das Viertel im Schatten des fast 80 Meter hohen Turms der Neuen Nazarethkirche (1891-93 von Max Spitta errichtet) entwickelt sich langsam zu einem dynamischen Kiez mit Cafés, Restaurants und Geschäften für den nicht alltäglichen Bedarf. Gleichwohl gibt es immer noch viele türkische Kulturvereine und ganz normale Geschäfte. An einem verkehrsberuhigten dreieckigen Platz mit einer historischen Wasserpumpe, im Eckhaus der genossenschaftlichen Wohnanlage „Karl-Schrader-Haus“ (1904-06), befindet sich mit dem Schrader’s ein gastronomischer Pionier im Wedding: ein ambitioniertes Café-Restaurant, das auch viele Stammgäste aus anderen Stadtteilen anzieht. Aber auch im weiteren Verlauf der Malplaquetstraße oder der Nazarethkirchstraße am Leopoldplatz ballen sich neuerdings Tagescafés, Restaurants und originelle Läden.

Liebenwalder StrTypisch für das dicht besiedelte Viertel ist die funktionierende Mischung – großstädtisch, (noch) nicht überdreht, multikulti und trotzdem an manchen Stellen so entspannt wie ein kleines Dorf. Vielen Kiezen in Berlin ist diese wilde Mischung, wenn sie sie denn je hatten, irgendwann in den letzten Jahren verlorengegangen. Nicht so in den Straßenzügen zwischen den atmosphärischen Osram-Höfen und dem grünen Leopoldplatz, wo es jede Menge Altbauwohnungen gibt, von denen die meisten noch einigermaßen bezahlbar sind.

Kein Mangel an Kultur, nur an Grün

Vor der Erika-Mann-Schule
Vor der Erika-Mann-Schule

Kulturell ist der Kiez ebenfalls im Aufwind. Die Lesebühne Brauseboys im schönen Saal des La Luz und der Kulturverein Mastul e.V. müssen in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Sogar die Grundschule im Kiez, die Erika-Mann-Schule, geht ihre Lage mitten im sozial schwierigen Umfeld mit einem innovativen Schulkonzept und einer von Designern gestalteten Inneneinrichtung offensiv an. Zahlreiche kleine Galerien kommen und gehen in den vielen Ladengeschäften, die ein solches Altbauviertel nun mal zuhauf besitzt.

Liebenwalder Hochstädter StrNur an Grün mangelt es dem sehr großstädtischen Gebiet. Der nahe gelegene Schillerpark bietet sich an, aber dafür muss die verkehrsreiche breite Seestraße überwunden werden. Im Süden bietet der langgestreckte Leopoldplatz eine Alternative, doch durch die vielfältigen Nutzungen der Freifläche bleibt dort wenig Raum für Grünes. Dafür gibt es neue Spielplätze, Promenaden und die zwei Nazarethkirchen, von denen die neuere Kirche mit ihrem hohen Turm den Platz beherrscht. In den letzten Jahren ist dieser Stadtraum durch eine Ballung von gesellschaftlichen Randgruppen in Verruf geraten, doch ein Umbau der Gesamtanlage hat zu ersten Verbesserungen geführt. Wenn man sich gern auf dem wichtigsten Platz des Wedding aufhalten mag, werden hoffentlich auch die angrenzenden Quartiere profitieren.

In der Liebenwalder Straß
In der Liebenwalder Straße

Und wen es woanders hinzieht – keine andere Stelle im Ortsteil Wedding bietet so gute Verkehrsanbindungen mit der BVG. Die Kreuzung zweier U-Bahn-Linien am Leopoldplatz, die Straßenbahn Richtung Prenzlauer Berg und viele Buslinien machen’s möglich. Aber eigentlich gibt es in diesem Viertel fast alles, was zum Leben in der Großstadt gehört.

Die Amsterdamer Straße
Die Amsterdamer Straße

21 comments

  1. antihetze

    Schön an diesem Artikel finde ich die geschichtlichen Daten, dass bietet einen kleinen Einblick in das Leben früherer Zeiten. Sehr schön zu lesen.

    Doch ein paar Aussagen stören mich. Nur festzustellen, dass es ein „sozial schwieriges Umfeld“ ist, befördert Vorurteile. Viele Leser werden an Menschen mit Migrationshintergrund denken und an Situationen aus der BILD-Zeitung. Doch warum ist im Wedding ein sozial schwieriges Umfeld? Was hat das mit Gastarbeitern, verwehrter Integration und 30 Jahren Parallelgesellschaft zu tun? Warum hat die Bundesregierung in den 60ern und 70ern den Zuzug von Migranten nur in einigen Quartieren zugelassen?
    Alles Dinge, die zu dem führten was heute ist, wofür nur niemand kann, der*die gerade hier lebt, sondern vor allem die fehlerhafte Politik.

    Das hier
    „Zahlreiche kleine Galerien kommen und gehen in den vielen Ladengeschäften, die ein solches Altbauviertel nun mal zuhauf besitzt.“
    liest sich als wenn es naturgegeben ist, dass in Altbauvierteln viele Galerien und kleinere Läden sind. Wahr ist doch aber, dass die vor 10-30 Jahren noch nicht da waren, sondern erst mit dem Zuzug von lauter Studenten und anderen entstanden.
    Ich würde lieber weiter für 300€ in meiner Wohnung wohnen statt lauter Galerien im Haus zu haben, die ich eh nicht nutze doch der Vermieter dadurch denkt, dass er die Miete um 100% erhöhen kann…

    Doch die Sätze sind echt die Höhe:
    „In den letzten Jahren ist dieser Stadtraum durch eine Ballung von gesellschaftlichen Randgruppen in Verruf geraten, doch ein Umbau der Gesamtanlage hat zu ersten Verbesserungen geführt. Wenn man sich wieder gerne auf dem wichtigsten Platz des Wedding aufhalten mag, werden hoffentlich auch die angrenzenden Quartiere profitieren.“
    –> Nett geschrieben doch im Kern steht dort: Die Vertreibung von Obdachlosen ist gut, da davon die angrenzenden Quartiere profitieren. Ist das ihr Ernst? Hat man den Obdachlosen geholfen oder wollte man sie „nur“ aus den Innenstadtbereichen isolieren?
    Frei nach dem Motto: Wem ich nicht helfen kann den schicke ich einfach weg.

    • Joachim Faust

      Wo steht etwas von Vertreibung? Man hat die Probleme erkannt und baulich und mit der Hilfe von Streetworkern etwas unternommen. Da wird etwas zu viel in einen Text hineininterpretiert…

  2. schirm, Charme und melone

    Ware worte, allerdings können die kinder nichts dafür, es sind ihre eltern die es ihren Kindern nicht anders vorleben! 1 Mio. Gründe warum wieso ihr leben so ist, und warum sie nichts ändern!! aber mein kind geht auch nicht ohne Grund auf eine Privatschule!! 😉

  3. Peter.

    Wieso reagiert die Redaktion des Weddingweisers auch nach einem Jahr auf derartige Kommentare von „ariane“ nicht? Ich lebe in diesem Kiez und meine Tochter geht auf die Erika-Mann-Grundschule – ich fühle mich hier wohl. Trotzdem weiß ich um die Probleme. Die Mitschüler_innen meiner Tochter allerdings als „Abschaum“ zu bezeichnen und das dann auch noch rechtfertigend mit „Das ist im Gegensatz zu anderen Aussagen noch gemäßigt ausgedrückt“ zu verteidigen – das passt definitiv nicht auf diese Plattform!

      • Peter.

        Schon klar. Ich hab auch nicht davon gesprochen, dass jemand in die Diskussion einsteigt. Ich will wissen, warum der Weddingweiser „ariane“ die Plattform bietet anstatt den Kommentar zu löschen?

        • Joachim Faust

          Ich habe den Kommentar im Übrigen auch ganz anders verstanden, vor allem wenn man die verquere Logik der Kommentatorin kennt. Er sollte mit seinen drastischen Worten extra „abschreckend“ wirken, damit der Kiez möglichst so bleibt wie er ist.

    • Maria

      Ich pflichte Peter bei. Wir leben sehr gut in diesem Teil des Weddings. Obwohl ich mir wünschen würde, die Menschen würden ihren Müll nicht auf die Straße werfen.

    • ariane

      ja, du hast meinen beitrag voll erfasst!
      der wedding is voller nazis!! vorsicht!
      „rassenunruhen“ on a daily base! (die “ gibs nur wg pc und so)
      dangerdanger

      • ariane

        jupp. das haste erfasst.
        aber halt nich den perspektivwechsel des ursprungskommentars,
        der natürlich sein überzeichnetes pendent der realität in ein un-
        gutes licht rücken sollte – und unter dem og bürgertypus auch eher
        zu den gemäßigten aussagen über sozial schwächere menschen
        gehört.
        ironie und wald vor bäumen und so.

  4. ariane

    und was will der text jetzt bezwecken?

    das potentielle mieter nicht von der hohen kriminalitätsrate des viertels abgeschreckt werden?
    das sie über die unsägliche lärmbelästigung der gegend hinwegsehen?
    oder die ganzen obdachlosen?
    und was ist mit den ganzen betrunkenen, die die straßen zu einem unsicheren pflaster werden lassen?
    und denkt denn auch wer an die kinder?
    dass man hier keine kinder auf die schulen schicken kann, weil die mit soviel abschaum in der klasse nicht ihre volle leistungsfähigkeit erreichen?
    und die ganzen diebstähle aus den kellern?
    die ständigen einbrüche?
    die brennenden autos?
    und der dreck auf den straßen, in den treppenhäusern und die graffittis?

    nein, selbst wenn ihr im prenzlauerberg nichts findet – nördlich des leopoldplatzes herschen zustände, die keinem menschen über hartz4-niveau zumutbar sind. glaubt mir. bitte!

    • Claudia T.

      Ich muss Ariane zustimmen! Erst gestern musste ich mit ansehen, wie drei Leichen aus der Kneipe „Biertempel bei Mario“ getragen wurden, während gegenüber ein paar Drogendealer hochgenommen wurden. Unzumutbar!!

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