Die Sonne strahlt. Vögel zwitschern und ich kann trotz aller Tristesse sagen: es wird wieder Frühjahr. Während ich am Morgen die Fenster geputzt und mich darüber gefreut habe, dass über Berlin endlich der Himmel zu sehen ist, bekomme ich am Nachmittag vor meiner Haustür einen Wutkrampf. Aufgerissene Mülltüten, Coffee-To-Go Becher, zerbrochene Flaschen chillen vor meiner Haustür. Das ist nichts Neues. Dennoch ist mein Ärger groß. Obwohl in meinen Nebenkosten die Reinigungsgebühr für das Grundstück vor dem Mietshaus enthalten ist, gammelt neben auf dem Platz, der zum Grundstück gehört, ein stillgelegter Imbisswagen und lädt alle zum unbeobachteten Müllabladen ein. Während ich also mit einer abgebrochenen Harke den Dreck zusammenkehre und in meinen Hausmüll stopfe, schimpfe ich lautstark vor mich.


Nicht selten beginnt das Problem mit dem Müll bereits im eigenen Haus. Da wird falsch getrennt, da stellt der „Gebäudeservice“ die Tonnen Tage vor der Abholung vor die Tür, so dass jeder Passant sein Müll dazugeben kann und die sehr teure Fehl-Befüllung auf die Zahlenden wartet. Da reagiert die Hausverwaltung nicht, wenn die Ratten schon aus dem Papiermüll kriechen und die Nachbarn den Müllsack panisch auf den Boden schmeißen. Miteinander reden, dem Hausmeister Bescheid gegeben und die Mülltonnen regelmäßig auf Rattenbisse kontrollieren, das wäre so leicht, wenn der Vermieter überhaupt erreichbar wäre: zu oft aber funktioniert die Kommunikation zwischen Mieter und Hausverwaltung nicht mehr. Der Müll spiegelt diesen Missstand.


In meiner Nachbarschaft im Soldiner Kiez gibt es Dutzende Häuser, bei denen Müllkäfige offenstehen, Kakerlaken und Ratten rumflitzen, die Entsorgung der illegal abgelegten Müllberge auf die Mieter umgelegt werden, aber auch Wasserschäden nicht behoben werden, Lichtanlagen defekt sind und e-Mails gar nicht erst beantwortet werden. Da ist es ganz gleich, ob es sich um Berliner Aktiengesellschaften oder eine Erbengemeinschaft mit Sitz in Irgendwo handelt.


So oder so, die Nachbarn sollten sich verbünden, eine Chat-Gruppe gründen und als gemeinsame Stimme agieren, ein Papier aufsetzen und mehr Sauberkeit fordern! Ein Bewegungsmelder hilft, Menschen, die ihre Umzüge illegal entsorgen, zu verschrecken. Eine Möglichkeit wäre aber auch, einen Sperrmülltag zu organisieren, das bringt Menschen zusammen und kann auch über die Hausgemeinschaft gemanagt werden: für 50 Euro holt die BSR rund 5 Kubikmeter ausrangiertes Allerlei ab – und zwar aus der Wohnung. So spart man sich das Leihauto und den Wartefrust vor dem BSR-Recyclinghof und kann auch gemeinsam mit dem Eigentümer die Müllleichen aus dem Keller entfernen. Ganz wichtig im Anschluss ist: ein Hoffest feiern!


Konfliktbeladen und raumgreifend ist der Müll nicht nur in den eigenen vier Wänden, wo viel zu wenig Platz für das komplexe Mülltrennungssystem ist. Auch in den Supermärkten und Discountern gibt es viel zu wenig Raum für die Müllentsorgung. Die Behälter mit einer Länge von etwa 1,50 m, in denen Kunden durch die kleinen, viel zu engen Schlitze die Umverpackungen, Folien und Pappe quetschen sollen, rauben einem die Nerven. Trotzdem: soviel Verpackungsmüll wie möglich im Supermarkt lassen! Nur so kann das Problem zurückgegeben werden.


Wann genau die Müll-Flut über Berlin hereinbrach, lässt sich schwer sagen. Der Müll-Historiker Roman Köster schreibt, dass wir mit dem Aufkommen der Konservendosen in das Zeitalter des Überkonsums eingetreten sind. Während in der DDR beim Einkauf in der Markthalle die Netzbeutel zum Einpacken verlangt wurden, gab es in Westdeutschland bereits kleine weiße Kunststoffbeutel, Zellophanpapier und große Styroporverpackungen. Heute ist die Retro-Idee, einen Beutel mit zum Bäcker zu nehmen, noch immer nicht zu allen durchgedrungen. Für Baklava und Co. können auch andere Brotdosen mitgenommen werden. So viel Pure-Style werden die Berliner schon vertragen. Immerhin ist Streetfood die sich stetig weiterentwickelnde Sub-Kultur einer Großstadt: auf der Straße sitzen, das Zusammensein genießen. Die Basis der Berliner Soulküche ist die Gast- und Vertragsarbeiterkultur: verpackungsarm wurde die Pizza einst auf einem kleinem Stückchen Pappkarton serviert. Vietnamesische Sommerrollen wurden mit Pappkarton eingetunkt. Ohne Verpackung und Plastiktüte. Und der Döner? Ehre den Döner: iss ihn sofort!


Gäbe es mehr öffentliche Trinkbrunnen, so wie etwa in Rom, könnten mehr Menschen auch ihre Flaschen mit Leitungswasser auffüllen – und die heißen Tage wären gerettet. So fliegt dann auch nicht der ganze To-Go-Müll auf der Straße herum. Zwar hat die BSR den Auftrag, die Gehwege sauber zu halten. Über 27 000 Mülleimer hängen in Berlin. Matratzen, Autoreifen und zerfledderte Pappkartons passen da aber erstens nicht rein und werden zweitens auch nicht von den Gehweg-Reinigungskräften entfernt, sondern von einem Spezialkommando, das kommt, wenn Bürger eine Meldung über die Ordnungsamts-App macht. Nicht selten dauert es einige Wochen, bis dann wirklich etwas passiert. Gibt man jedoch Sparte „Sondermüll“ muss die Räumung asap geschehen. Ein brillanter Tipp, den mir ein Gast des ersten Müll-Gipfels 2024 in Berlin-Mitte gegeben hat: en Müll, der neben dem BSR-Eimer auf dem Gehweg chillt, einfach unter den orangenen Mülleimer stellen. Meine Erfahrung gibt ihm recht. So nimmt die Mülleimer-Entleerungskommando der BSR den Müll mit.
Bei Glascontainern ist das schon wieder eine ganz andere Sache. Wenn die Iglus überfüllt sind, werden Flaschen meist auf oder neben den Container auf den Boden gestellt. Das ist illegal, führt aber in Berlin zu einem anderen Problem: Weil der Greifer den Container so nicht entleeren kann, muss vorher ein Räumkommando kommen und den Weg frei schaufeln. Es gilt: Geduld behalten! Bis das Altglas weg ist, können Wochen vergehen. Also, bevor der Müllberg wächst und zum Gefahrenort für Kinder, Seh- und Gehbehinderte wird: weiter zum nächsten Iglu. Beschwerdemails an den Bezirk zu schreiben ist sinnlos: Glasmüll-Container sind Sache des Berliner Senats.


Der muss sehr dringend sein Müll-Konzept überarbeiten: denn so landen die Glasflaschen wieder im Hausmüll. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn dort warten dann wieder die Konflikte mit den Nachbarn, sofern ich überhaupt noch welche habe. Auffällig ist nämlich: dort, wo Leerstand ist, tummeln sich Müllberge, vergammeln Fassaden und bilden die Grundlage für die Broken-Window-Theorie.


Während ich also weiter den Müll zusammenkehre, starre ich allein in Fußweite auf vier Gewerbe, die seit fünf bis fünfzehn Jahren leer stehen und um die sich seither keiner mehr kümmert. Ideen und Nachfragen an die Eigentümer bleiben unbeantwortet. In die Glasscheibe einer ehemaligen Apotheke wurde Heiligabend ein Poller gerammt. Hinter einem dicken Loch klebt ein Pappkarton. Scheint sich jemand doch noch für sein Eigentum zu interessieren. Als die Kneipe daneben noch Heimstätte polnischer Handwerker war, die sich nach Feierabend richtig ein über die Mütze gezogen haben, wurden die müden Männer für allen Müll verantwortlich. Später dann, als eine rumänische Roma-Familie den sehr großen Platz vor meiner Haustür als Aufenthaltsort auserkor, war der Nachbarschaft klar, dass die Menschen, die teilweise in den Autos schliefen, nicht nur für den abgeladenen Müll an den Glascontainer verantwortlich waren, sondern auch für den Dreck rund um die Bänke. Ein Bürgerbegehren ließ die Glascontainer verschwinden. Auch zwei Sitzbänke, die angenehm in der Abendsonne standen, wurden demontiert. Die Menschen, die den Abbau entschieden, mochten nicht, dass auch Roma auf den Bänken saßen. Mittlerweile sind die vermeintlichen Verursacher verschwunden. Der Dreck allerdings ist geblieben.


Wieder blicke ich auf die gammelnden Gewerberäume im Erdgeschoss und habe eine brillante Idee, um den Teufelskreis aus Müll und Dumpfheit zu brechen: In jedes Gebäude, das länger als ein Jahr leer steht, muss der Senat ein Bildungsangebot setzen.
Das gut funktionierende Bildungsangebot Müll Museum Soldiner Kiez ist seit Januar ohne Bleibe. Zwar gibt es genügend Leerstand, der allerdings teuer oder eben gar nicht verfügbar ist. Wir sind aber nicht ganz weg – ab Mai gehen wir mit unserem Projekt Straßentheater Lauter Müll wieder auf die Grüntaler Straße und sorgen mit gemeinsamen Spielen und Upcycling dafür, dass der Müll uns nicht trennt!
Text: Lena Reich
Fotos: Lena Reich, Samuel Orsenne, Weddingweiser Archiv
Lena Reich ist Initiatorin des Müll Museums, das sich mit Sperrmülltagen, Nachbarschafts-Aktionen und dem QM-geförderten Projekt Straßentheater Lauter Müll für eine solidarische Nachbarschaft einsetzt.



Morjen
selbst im Radio auf FluxFm läuft das Thema Müll… https://wir-berlin.org/muell-knigge/
netten Mittwoch
Leider sind es die lieben Anwohner (nicht gegendert, weil überwiegend männlich) selbst, die ihren Kiez vermüllen: Sylvesterraketenmüll wird in Wedding traditionell nach dem Abschuss liegen gelassen. Inzwischen verschmilzen die Resten der Rakenabschußrampen und die Verpackungsfolie mit dem übrigen Dreck aus Herbstlaub, Zigarettenstummeln, Coffee-to-go Bechern usw.
Jeman hat mal gefargt: Frage nicht, was der Staat für Dich tun kann – frage Dich, was Du für den Staat tun kannst. Statt nach der BSR oder dem Hausmeister zu jammern, einfach mal selbst was tun, mindestens aber DEN EIGENEN MÜLL SELBST WEGRÄUMEN!!!
Die netten Menschen unter uns können sich auch einem Kiez – Clean-up anschließen. Tolle Idee!
Hallo Gerlind Schneider
das war John F Kennedy…. ansonsten pflichte ich dir bei
Gruß
Wie bekommen wir das wieder hin, dass jeder seinen Müll selber wegräumt? Mein Mantra: Erziehung, Bildung, Vorleben, gutes Beispiel geben. Klappt das heute nicht mehr?
Morjen
hier ein Gedanke zur Vermüllung in der Berliner Zeitung…. schnell lesen bevor er hinter der Bazahlschranke verschwindet
Wo viele denselben öffentlichen Raum nutzen, bleibt zwangsläufig auch mehr zurück. In der Anonymität der Großstadt fühlt sich dabei oft niemand verantwortlich – und die Versuchung wächst, Dinge einfach liegen zu lassen. Vielleicht liegt genau darin ein Teil des Problems: Das Gemeinschaftsgefühl schwindet. Der Raum vor der Haustür wird genutzt, aber kaum noch gepflegt.
https://www.berliner-zeitung.de/panorama/muellproblem-am-moritzplatz-li.10024435
frühlingshafte Woche noch
Lieber Matthias, so viel Text und null Inhalt vor allem keine Lösungsansätze, es liegt deiner Auffassung nach an den Menschen, nicht an der Stadt Berlin und Ausländer ja das willst Du so nicht sagen, Du sagst halt „ungelenkte Migration, illegaler Aufenthalt und Heimatlosigkeit“ alles ist Dufte nur die Menschen sind falsch. Mit der Einstellung kann man auch direkt aus dem Fenster springen.
Hallo an Alle, auch an die, die nicht gegrüßt werden wollen!
Auch auf die Gefahr hin, als anachronistisch zu gelten, erlaube ich mir auf den Fotografen Michael Schmidt zu verweisen.
Insbesondere den formidablen Bildband “Wedding 1978”.
Ein Jahrzehnt, daß ich als Zeitzeuge und als Kind in meinem geliebten Wedding erlebte und verleben durfte.
Auch damals gab es Migranten (damals “Gastarbeiter” genannt).
Auch damals gab es prekär Beschäftigte (damals “Tagelöhner” genannt).
Auch damals gab es sozial Benachteiligte (damals “Arme” genannt).
Vor allem gab es damals sehr große Sanierungsgebiete, Osramkiez, Brunnenkiez etc.pp.
Aber das aktuelle Stadtbild in meinem geliebten Wedding entspricht eher dem Stadtbild, daß auch auf dem Balkan nicht geduldet wird. Und ich kenne den Balkan extrem gut (für potentielle Nachfolge Kommentatore:Innen mit pawlowschen Reflex Syndrom).
Kannste Googeln!
In einfacher Sprache: Wir im Wedding waren früher gewiss ärmer, vermutlich auch weniger formell gebildet.
Wir wussten aber definitiv: Der Mensch versaut sich nicht die eigene Umgebung!
Das war und ist eher dem Mittel Europäer unüblich, eigentlich gesunder Menschenverstand.
Und ja, auch ich habe “Migrationshintergrund”, wie viele Weddinger:Innen.
Und gerade deswegen: Zero Tolerance Gegen Ferkel, die unseren Wedding versauen!
Egal wo die herkommen.
Sehr gut beschrieben und formuliert.
Liebe Grüße auch aus’m Wedding 👋🏻
Danke schön für das Kompliment!
Herzliche Grüße.
Wenn ich mal naiv ins Blaue mitdenke, denn auch mir ist die erst seit etwa 4 Jahren so stark verschlimmerte Verschmutzung im Brüsseler Kiez aufgefallen, dann fällt mir ein, dass die Unmengen Dreck, Sperrmüll und Scherben vermutlich nicht und nirgends aus der direkten Nachbarschaft stammen und vor allem nachts angesammelt werden.
Ist das nicht schon ein Stück der (Er-)Klärung der Ursachen?
Wie kann man – falls das so sein sollte – diese Unsitten (vllt Abwürfe aus schnell geöffneten und ruckzuck wieder verschlossenen Autos heraus) kontrollieren, wenn man keine Kiezläufer gefährdend des Nachts einsetzen möchte und nächtliche Kameraüberwachungen (wer sollte das aufbauen und warten?) nicht das Optimum sind?
Am sinnvollsten wäre es, wenn Hauseigentümer – ähnlich wie beim Winterdienst – für den Bereich vor ihrem Wohnhaus verantwortlich gemacht würden. Wer diesen Bereich nicht sauber hält, sollte entsprechend gerügt werden. Es wäre ein Leichtes, einen Hausmeister damit zu beauftragen, dort einmal täglich zu kehren.
Nicholas,
du weißt, dass eine Hauswärter:in-Stunde etwa 75 Euro kostet? Da wären wir bei 1h pro Tag bei 27.375 Euro, die auf die Mietenden umgelegt wird – macht für ein Haus mit 16 Wohnungen 142,59 Euro zusätzliche Nebenkosten pro Monat für jede/n.
Und dass Hausmeister:innen binnen einer Stunde auf der Straße abstellte Matratzen, Sofalandschaften und Kühlschränke zur BSR bringen können, glauben wir sicher beide nicht.
Also: Für mich keine Lösung.
Ich schließe mich der Haltung von Matthias Binner (siehe unter „Antwort“) an, denn wie der Winterdienst auch im Winter 2025/2026 zeigte, entstünden bei solchen privatisierten Verantwortlichkeiten unüberwindbare Müll-Alpen vor den Häusern. Hahaha….
Meine Rechnung wäre 35 € pro halbe Arbeitsstunde machen 30 Euro pro Monat für je eine von 25 MIetparteien, wenn an allen Werktagen geräumt wird. Das ist zu teuer.
Oder man führt eine EhrenamtsCard ein für alle diejenigen, die für kleines Geld solche Aufgaben gern als Zuverdienst ausführen möchten !!! Das könnte funktionieren.
Aber der Ansatz ist nicht ganz falsch: man könnte einen allgemeinen öffentlichen Service einrichten, der im Winter Winterdienst macht und in den anderen Jahreszeiten Ordnung schafft. Flankiert von Apps und Hotlines.
Liebe Leute, nutzt die Trash-cam App oder die Ordnungsamt App massenweise. Wenn das viele tun, könnte es ja doch Hoffnung geben, dass es zum Politikum wird.
Ja, darüber haben wir ja auch bereits berichtet: https://weddingweiser.de/foto-klick-fertig-mit-trash-cam-com-den-muell-sichtbar-machen/
Ja, vielen Dank für den Bericht und an den Entwickler. Ich nutze sie fleissig (siehe Karte, Nordbahnkiez).
Ich auch! Und es bringt zumindest das schöne Gefühl, ein Minimum zur Problemlösung beigetragen zu haben.
Danke für die Tipps!
Ich denke dazu: Erst wenn es uns richtig an den Geldbeutel geht, und das auch durchgesetzt wird, tut sich etwas. Leider.
Siehe Gurtpflicht in PKWs.
Ich würde gerne ohne Obrigkeitskontrolle auskommen.
Es hilft aber nichts, wenn die Umweltverwaltung zum Beispiel die Strafgebühr für Zigarettenkippen auf den Boden werfen, auf 250 Euro statt bisher 55 Euro erhöht, und keiner schert sich sich drum.
Da macht sich die Berliner Verwaltung noch mehr zur Lachnummer, als sie schon ist. Wenn es nicht so traurig wäre.
Ich finde den Text problematisch, weil er an mehreren Stellen mit pauschalen Verdächtigungen arbeitet, insbesondere wenn es um Ausländer oder Roma Familien geht. Dass solche Zuschreibungen überhaupt in einem Artikel erscheinen, halte ich für sehr fragwürdig. Müllprobleme in einer Großstadt auf bestimmte Gruppen zu projizieren, reproduziert lediglich alte Stereotype, ohne zur Lösung beizutragen.
Dabei wird ein zentraler Punkt völlig ausgeblendet: Viele Probleme entstehen auch durch ein immer komplizierteres Entsorgungssystem der Stadt. Früher gab es regelmäßigen Sperrmüll, bei dem man große Gegenstände unkompliziert loswerden konnte. Heute muss man die Entsorgung von Elektroschrott, Sperrmüll oder bestimmte Materialien im Voraus planen, Termine organisieren oder zu weit entfernten Recyclinghöfen bringen. Für viele Menschen besonders ohne Auto oder mit wenig Zeit ist das schlicht unpraktisch. Dass Müll dann manchmal heimlich nachts auf der Straße landet, ist keine gute Lösung, aber es ist eine Folge dieser Realität.
Statt moralischer Appelle über „mehr Sauberkeit“ wäre es sinnvoller, strukturelle Lösungen zu diskutieren: etwa mehr niedrigschwellige Entsorgungsmöglichkeiten oder klare Verantwortlichkeiten. Ein möglicher Ansatz wäre auch, Hauseigentümer stärker in die Pflicht zu nehmen, für den Bereich vor ihren Gebäuden Verantwortung zu tragen und auch die Mieter selbst könnten dies umsetzen ohne gleich zum Platzwart zu mutieren.
Was hingegen wenig hilft, ist die Inszenierung eines Gegensatzes zwischen „ordentlichen“ Bürgern und angeblich verantwortungslosen anderen. Gerade in einer vielfältigen Stadt wie Berlin führt diese Denkweise eher zu Spaltung als zu Lösungen. Wenn wir wirklich weniger Müll auf den Straßen wollen, müssen wir über Infrastruktur, Zugänglichkeit und gemeinsame Verantwortung sprechen nicht über Schuldzuweisungen an bestimmte Gruppen.
Solche Artikel waren hier in letzter Zeit schon öfter auffällig.
Danke für diese durchdachten Worte.
Erst recht die Probleme mit einer Roma Familie in Verbindung zu bringen, um dann zu sagen, dass nach „Abzug“ der Roma die Probleme exakt gleich geblieben sind. Also stehen die Probleme wohl in keinem Zusammenhang. Warum muss das dann erwähnt werden?
Die Probleme sind aber schon sozio-ökonomischer Natur. Aber eben nicht sozio-kulturell.
Ich verstehe die Passage so, dass die Autorin eben nicht glaubt, dass das Problem mit dem Zuzug oder Wegzug bestimmter Volksgruppen zu tun hat, sondern sie eine falsche Annahme wiedergibt, um sie zu widerlegen. Das hätte sich sicher noch eindeutiger formulieren lassen.
Lieber Nicholas,
Elektroschrott lässt sich problemlos und umsonst in Supermärkten abgeben. Und, ja: Wer Möbel oder ganze Wohnungseinrichtungen austauschen möchte, muss das im Voraus planen und organisieren – und das ist zumutbar. „Unpraktisch“ und „wenig Zeit“ entschuldigt da nichts.
Der Artikel weist darauf hin, dass die BSR für 50 Euro Sperrmüll abholen kommt; ein Lasten-Taxi zum Recyclinghof kostet etwa die Hälfte – und womöglich haben Menschen ohne Autos Bekannte mit Autos, die sich für ein Dankeschön einspannen lassen. Sperrmülltage der BSR mit kostenloser Abholung im Kiez gibt es obendrein (vielleicht zu selten).
Die „Verantwortlichkeiten“ sind klar und geklärt: Wer Müll produziert, ist verantwortlich für dessen Entsorgung. Vermietende organisieren, dass alba und BSR ausreichend Tonnen dazu bereitstellen und legen die Kosten dafür auf die Mietenden um. Den Müll muss dann schon jede/ selbst in die Tonne tun.
Ich vermute, dass die großen Müllberge in meinem Kiez (Afrikanisches Viertel) vor allem entstehen, wenn halblegale oder illegale Mietverhältnisse enden und das gesamte Habe der Ausziehenden auf die Straße gekübelt wird – von ihnen selbst, den nächsten Zwischenmietenden oder auch den Vermietenden.
Das immer noch vor sich hingammelnde Haus Kameruner Straße 22 (Ecke Cornelius Frederick Straße) machte ja Schlagzeilen, als es wegen nicht mehr zu lösender hygienischer Probleme von der Wasserzufuhr abgeklemmt und geräumt werden musste. Modell dort: „Miete“ ohne Vertrag, ohne polizeiliche Meldung, ohne Kontrolle und Dokumentation von Personalien, ohne Einhalten irgendwelcher Standards, dafür für alle, die wöchentlich erhebliche Summen Bargeld auf den Vermieter-Tisch legen konnten.
Ich fürchte, derlei ist im Kiez noch immer verbreitet. Mit „Ausländern“ (eh schwieriges Wort) hat das nichts zu tun – mit ungelenkter Migration, illegalem Aufenthalt, sozialer Desintegration, wirtschaftlicher Not, Wohnungsmangel und Heimatlosigkeit natürlich durchaus. Wer das zum eigenen finanziellen Vorteil ausnutzt oder gar befördert, der handelt in der Tat verantwortungslos. Und Ämter und Behörden, die das ahnden, eindämmen und verhindern könnten, auch.
Vielen Dank für die vielen guten Erklärungen und Vorschläge – das hilft!