Warum die Müllerstraße eine Radspur bekommt

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Ganz ohne Radinfrastruktur…

Eine beson­ders wert­vol­le Res­sour­ce in der Stadt ist Platz. Jeder, der sich im Auto, auf dem Fahr­rad oder als Fuß­gän­ger auf den Stra­ßen und Geh­we­gen bewegt, weiß, dass dar­um immer wie­der gekämpft wird. In der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts wur­de dem platz­rau­bends­ten Ver­kehrs­mit­tel die höchs­te Prio­ri­tät ein­ge­räumt, näm­lich dem moto­ri­sier­ten Indi­vi­du­al­ver­kehr. An der Mül­ler­stra­ße wird sich das ändern: Eine tem­po­rä­re Rad­spur kommt.

Der Stellenwert des Autos nimmt ab

Radfahren auf der Badstraße dicht an der zweiten Reihe. Foto Andrei Schnell.
Foto And­rei Schnell.

Beim Rad- und Fuß­gän­ger­ver­kehr soll den Rea­li­tä­ten bes­ser Rech­nung getra­gen wer­den. Die Stu­die der TU Dres­den zu „Mobi­li­tät in den Städ­ten 2019“ zeigt: Noch immer wer­den die meis­ten Wege in Ber­lin zu Fuß zurück­ge­legt (über 30 Pro­zent). Auch der öffent­li­che Nah­ver­kehr hat sei­nen Anteil leicht auf 26,9 Pro­zent erhö­hen kön­nen. Der Auto­ver­kehr ist um 4 Pro­zent auf 24,3 Pro­zent zurück­ge­gan­gen. Der Rad­ver­kehr hat sei­nen Anteil am Ver­kehrs­auf­kom­men in fünf Jah­ren von 13 auf 18,4 Pro­zent gestei­gert. Es hat sich also eini­ges ver­scho­ben, dem­entspre­chend eng ist es auf den weni­gen Rad­we­gen, Schutz­strei­fen oder den Stra­ßen ohne Rad­in­fra­struk­tur. Dazu kom­men auf Bus­spu­ren, Geh- und Rad­we­gen gepark­te Autos sowie Lieferfahrzeuge.

Die Coro­na-Kri­se zeigt inzwi­schen auf, dass aus­rei­chend Abstand und Über­hol­mög­lich­kei­ten für Rad­fah­ren­de bei den heu­ti­gen Ver­hält­nis­sen auf den meis­ten Haupt­ver­kehrs­stra­ßen nicht mög­lich ist. Abstand ist in die­ser Pha­se der Pan­de­mie, in der der Ver­kehr wie­der zunimmt, uner­läss­lich. Gleich­zei­tig ist damit zu rech­nen, dass noch mehr Men­schen als bereits jetzt schon aufs Rad umstei­gen, weil sie die Nut­zung des Nah­ver­kehrs ver­mei­den möch­ten und kein eige­nes Auto besit­zen. Zum Glück hat die Ver­kehrs­po­li­tik die­ser Stadt die Wei­chen schon vor der Coro­na-Kri­se gestellt: Denn mit dem Mobi­li­täts­ge­setz des rot-rot-grü­nen Senats wur­de 2018 eine Ver­kehrs­wen­de ange­kün­digt. Zumin­dest für alle Haupt­ver­kehrs­stra­ßen wur­de eine Rad­in­fra­struk­tur fest­ge­schrie­ben, die einen guten Belag haben und aus­rei­chend Platz zum Über­ho­len bie­ten soll. Selbst wenn es alter­na­ti­ve Stre­cken auf ruhi­gen Neben­stra­ßen oder in Grün­an­la­gen gibt, muss sich auch an den Haupt­ach­sen des Ver­kehrs nun etwas ver­än­dern, wenn dem Gesetz Rech­nung getra­gen wer­den soll.

Konkrete Situation an der Müllerstraße

Hier würde Platz für eine temporäre Radspur seinIm Moment ver­fügt die Mül­ler­stra­ße zwi­schen der See­stra­ße und der Ring­bahn­brü­cke am Bahn­hof Wed­ding über drei Spu­ren für Autos, von denen die rech­te nur für Park­plät­ze und Lie­fer­ver­kehr genutzt wird. Rad­we­ge, Schutz­strei­fen oder Bus­spu­ren gibt es kei­ne. Schon lan­ge wur­de eine Umge­stal­tung geplant. Das Bezirks­amt Mit­te hat ange­kün­digt, die jet­zi­ge Pan­de­mie-Situa­ti­on zu nut­zen, um lan­ge geplan­te Rad­spu­ren zu beschleu­ni­gen. Mit den „Regel­plä­nen zur tem­po­rä­ren Ein­rich­tung und Erwei­te­rung von Rad­ver­kehrs­an­la­gen“, die die Senats­ver­wal­tung am 2. April her­aus­ge­ge­ben hat, kommt nun auch an der Mül­ler­stra­ße eini­ges in Bewe­gung: Die jet­zi­ge Park­spur könn­te ohne gro­ßen Auf­wand nach links ver­scho­ben wer­den. Damit blie­be dem Auto­ver­kehr der rest­li­che lin­ke Fahr­bahn­be­reich, dem Rad­ver­kehr die jet­zi­ge Park­spur, und die Fuß­gän­ger könn­ten wei­ter­hin die gan­ze Brei­te des Geh­wegs nutzen.

Natür­lich gibt es eini­ge pro­ble­ma­ti­sche Stel­len für die tem­po­rä­re Rad­spur, vor allem die drei Aus­gän­ge des Bahn­hofs See­stra­ße ragen in die Fahr­spu­ren hin­ein. Auch an den Bus­hal­te­stel­len (eine beson­ders stark fre­quen­tier­te befin­det sich am Leo­pold­platz) wer­den sich Rad­fah­ren­de und ande­re Ver­kehrs­teil­neh­mer ins Gehe­ge kom­men. Hier wird es auf gegen­sei­ti­ge Rück­sicht­nah­me und eine intel­li­gen­te Mar­kie­rung ankommen.

Kommentar

Temporäre Radspur am Halleschen Ufer
Am Hal­le­schen Ufer: eine Pop Up Bikelane

Es ist auf jeden Fall zu begrü­ßen, dass der Bezirk Mit­te und auf Haupt­stra­ßen auch die Senats­ver­kehrs­ver­wal­tung – trotz sicher­lich schwie­ri­ger Arbeits­be­din­gun­gen für die Mit­ar­bei­ten­den – ihre Ver­ant­wor­tung wahr­neh­men und zügig für Ver­bes­se­run­gen sor­gen. Damit wird das hoch­ge­lob­te Mobi­li­täts­ge­setz end­lich mit Leben erfüllt und der Rea­li­tät der Ver­kehrs­ver­hält­nis­se im Wed­ding Rech­nung getra­gen. Und wenn man schon ein­mal dabei ist: Auch auf ande­ren groß­zü­gig dimen­sio­nier­ten Stra­ßen wie Bad­stra­ße, Luxem­bur­ger Stra­ße (mit kata­stro­phal schlech­tem Rad­weg) und Amru­mer Stra­ße muss schleu­nigst etwas für den Rad­ver­kehr passieren.

Was sich in den Bezug auf den Rad­ver­kehr ab 28. April in der StVO geän­dert hat, fin­det ihr hier.

Tem­po­rä­re Rad­spur: Über­sicht für Berlin

weddingweiserredaktion

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3 Comments

  1. Aktu­ell sind Höhe Cit­ti­point Hal­te­ver­bots­schil­der auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te auf­ge­stellt die ab dem 12.05. 7 Uhr gelten.

  2. Zur tem­po­rä­ren Rad­spur auf der Mül­ler­stra­ße: Es ist drin­gend not­wen­dig, das sofort zu beginnen,
    weil es alter­na­ti­ve Stre­cken auf den ruhigen
    Neben­stra­ßen zur Zeit nicht gibt. Die Fahrt vom Afri­ka­ni­schen Vier­tel Rich­tung „alte Mit­te“ ist auf­grund der vie­len Bau­stel­len und Sper­run­gen ein
    ein­zi­ges Hin­der­nis­ren­nen, wenn man nicht doch die gefähr­li­che Mül­ler­stra­ße benutzt.

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