Morbider Charme: Videokunst im Krematorium Wedding

Galerie Ebensperger, Eingang Platanenstrasse 30, Foto von S. Haun
Gale­rie Eben­sper­ger, Ein­gang Pla­ta­nen­stra­ße 30, Foto: S. Haun

Video­kunst ist der­zeit in der Gale­rie im Kre­ma­to­ri­um Wed­ding zu sehen. Bis zum 30. Juni kön­nen in der Gale­rie Eben­sper­ger im Kre­ma­to­ri­um Wed­ding Arbei­ten vom Ber­li­ner Fil­me­ma­cher Romu­ald Kar­ma­kar gese­hen wer­den. Ein Blick in die Aus­stel­lung.Cho­rä­le in der Aussegnungshalle

Das Werk „Byzan­ti­on“ von 2017, ein 14-minü­ti­ges Digi­tal­vi­deo, das Kar­ma­kar schon in Kas­sel auf der docu­men­ta 14 zeig­te, füllt mit sei­nen Gesän­gen den gesam­ten obe­ren Aus­stel­lungs­be­reich. Muss­ten Besu­che­rin­nen und Besu­cher in Kas­sel im West­pa­vil­li­on der Oran­ge­rie teil­wei­se lan­ge War­te­zei­ten in Kauf neh­men, um in den Genuss des Fil­mes zu kom­men, kann man nun in Ruhe in der ehe­ma­li­gen Aus­seg­nungs­hal­le im Wed­ding die dar­ge­bo­te­nen Cho­rä­le genießen.

Byzantion 2017, 14’ World premiere: documenta 14, Kassel, 2017 Filmstill © Pantera Film
Eine Sze­ne aus dem Video “Byzan­ti­on”. Es hat­te bei der Doku­men­ta in der Kas­sel 2017 Pre­mie­re. © Pan­te­ra Film

Ins­ge­samt umfasst die Gale­rie im Kre­ma­to­ri­um eine Flä­che von 1000 Qua­drat­me­ter. Die­se beson­de­re Aus­stel­lungs­flä­che steht unter Denk­mal­schutz und passt her­vor­ra­gend zu den cho­ra­len Gesän­gen des Films. Die Dreh­or­te wer­den im Film gezeigt, es han­delt sich um die Kir­chen “Ieros Naos Ana­lip­se­os tou Kyriou” in Athen, Grie­chen­land und die Kir­che “St. Vla­di­mir” in Island.

In den Kel­ler­räu­men sind wei­te­re Wer­ke zu sehen. Sechs Fern­be­die­nun­gen braucht es, um alle Vide­os in Gang zu set­zen und eine hal­be Stun­de vor Öff­nung der Aus­stel­lun­gen müs­sen alle Gerä­te ein­ge­schal­tet wer­den, um den Besu­che­rin­nen und Besu­chern die Vide­os zu präsentieren.

 

Installation-Karmakar-2018.04-Byzantion-Luxoom-Lab-02-©Ludger-Paffrath-Web
Installation-Karmakar-2018.04-Byzantion-Luxoom-Lab-02-©Ludger-Paffrath-Web

 

Kunst in der Herrentoilette
Installation in der Herrentoilette. © Ludger Paffrath, Courtesy Ebensperger Berlin/Salzburg
Instal­la­ti­on in der Her­ren­toi­let­te. © Lud­ger Paf­f­rath, Cour­te­sy Eben­sper­ger Berlin/Salzburg

Selbst die Her­ren­toi­let­te wird als Aus­stel­lungs­flä­che genutzt. Über dem Wasch­be­cken, wo eigent­lich der Spie­gel erwar­tet wird, zeigt ein Flach­bild­schirm „Das Himm­ler-Pro­jekt – Man­fred Zapat­ka und die Rede Hein­rich Himm­lers bei der SS-Grup­pen­füh­rer­ta­gung in Posen am 4. Okto­ber 1943“. Kar­ma­kar schuf das Werk im Jahr 2000, es ist 182 Minu­ten lang. Der Film erhielt den Adolf-Grim­me-Preis Spe­zi­al (2002), den 3sat-Doku­men­tar­film­preis (2000) und wur­de 2008 vom Muse­um of Modern Art in New York in die Lis­te der 250 wich­tigs­ten Anschaf­fun­gen des Muse­ums seit 1980 aufgenommen.

Ich per­sön­lich woll­te kei­ne drei Stun­den auf der Her­ren­toi­let­te aus­har­ren, gleich­wohl mich der Aus­stel­lungs­ort sehr beein­druck­te. Durch das sakra­le Fens­ter mit gel­bem Glas fällt auf das ers­te Uri­nal ein Licht­schein, der im star­ken Kon­trast zu den unver­putz­ten Mau­er­stei­nen steht.

Zwei Eingänge führen in die Ausstellung
Galerie Ebensperger, Eingang vom Silent Green aus, Foto von S. Haun
Gale­rie Eben­sper­ger, Ein­gang vom Silent Green aus, Foto: S. Haun

Von der Pla­ta­nen­stra­ße 30 (gegen­über der Pla­ta­nen­stra­ße 10) führt eine Tür in die Gale­rie Eben­sper­ger. Wir muss­ten schon etwas suchen, bis wir die Tür fan­den und uns klar wur­de, dass erst eine Klin­gel den Ein­tritt ermög­licht. Hier soll­te die Besu­che­rin, der Besu­cher kei­ne Hem­mun­gen haben, es lohnt sich, zu klin­geln und ein­zu­tre­ten. Der Zugang über das Silent Green ist eben­falls mög­lich, hier­zu ein­fach am Café Mars vor­bei gera­de­zu gehen.

 

Gale­rie Eben­sper­ger im Kre­ma­to­ri­um Wed­ding, Plan­ta­gen­stra­ße 30, Frei­tag 12–18 Uhr und Samstag/Sonntag 11–17 Uhr geöff­net, aktu­el­le Aus­stel­lung bis 30. Juni

 


Susan­ne Haun schaut sich gern Aus­stel­lun­gen an. Die Gale­rie im Kre­ma­to­ri­um Wed­ding fand sie als Ort beein­dru­ckend. Die Aus­stel­lung ist sehenswert.

Susanne Haun studierte Kunstgeschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Seit 2002 ist sie als Bildende Künstlerin und Autorin in Berlin aktiv. Von 1993-2005 arbeitete sie als Systemanalytikerin und Entwicklerin für verschiedene ARD Sendeanstalten. Als Autorin veröffentlicht sie seit März 2009 täglich Beiträge zur eigenen Kunst und Kunstgeschichte in ihrem Blog www.susannehaun.com und interagiert dort sowie auf weiteren Social Media Plattformen mit über 12.000 Follower. Zudem unterhält Susanne Haun einen Kunstsalon in ihrem Atelier. Hier werden regelmäßig aktuelle Themen zur Kunst von geladenen Gästen referiert und diskutiert.

1 Kommentar
  1. Lie­be Susan­ne, dan­ke für den Hin­weis. Ich habe die Vide­os schon in Kas­sel gese­hen und war fas­zi­niert. Sie haben tat­säch­lich einen grö­ße­ren Raum verdient.

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