Und es hat Zoom gemacht… – Brauseboys-Livestream am Donnerstag (28.5.)

Und es hat Zoom gemacht (von Hei­ko Werning)

Das zwei­tä­gi­ge Jung­un­ter­neh­mer-Semi­nar in einem Ver­an­stal­tungs­zen­trum in der flir­ren­den Metro­po­le Barg­te­hei­de bei Ham­burg muss lei­der aus­fal­len. Oooooh, so scha­de! Und zwar, so das Absa­ge­schrei­ben: „Auf­grund der aktu­el­len Umstän­de“. „Auf­grund der aktu­el­len Situa­ti­on“ ist, neben dem gera­de­zu vira­len „Blei­ben Sie gesund“, die neue Sprach­for­mel der Coro­na-Kri­se. Selbst in Anfüh­rungs­zei­chen gesetzt mel­det Goog­le mehr als sie­ben Mil­lio­nen Such­ergeb­nis­se für die­se Formulierung.

Auf­grund der aktu­el­len Situa­ti­on“ – eine For­mu­lie­rung, so fein­geis­tig wie ein tro­cke­ner Hus­ten nach Covid-19-Befall. Das Virus bringt das Land der Dich­ter und Den­ker ganz zu sich selbst. Sogar in der Stadt Hannover.

Auf­grund der aktu­el­len Situa­ti­on jeden­falls dür­fen wir also nicht für drei Tage ins flir­ren­de Barg­te­hei­de, ein Ort, der sicher­lich auch ganz oben auf der Lis­te der poten­zi­el­len Urlaubs­zie­le für den Som­mer 2020 steht – wir erin­nern uns: „Deutsch­land ist groß und hat sehr vie­le schö­ne Rei­se­zie­le“, Tho­mas Bareiß, Tou­rimus­be­auf­trag­ter der Bun­des­re­gie­rung –, son­dern auf­grund der aktu­el­len Situa­ti­on dür­fen wir das Ergeb­nis ver­mut­lich des Kurs­an­ge­bo­tes Grund­la­gen der Webi­n­ar­ge­stal­tung in der Leh­re vom hei­mi­schen Schreib­tisch aus begutachten.

9 Uhr: „Check-in in der Mee­ting Area (ger­ne mit Mor­gen­kaf­fee)“, ver­heißt das Pro­gramm also froh­ge­mut. Ein Check-in in der Mee­ting Area. So, so. Wie schön wenigs­tens, dass ich mir einen Mor­gen­kaf­fee mit vor den eige­nen Com­pu­ter auf dem eige­nen Schreib­tisch mit­brin­gen darf, freue ich mich, als ich mich bei Zoom ein­lin­ke und her­nach auf 35 klei­nen Ein­zel­bild­chen mei­ne Webi­nar-Kol­le­gen erbli­cke, die alle­samt Tas­sen mit ver­mut­lich Mor­gen­kaf­fee in der Hand hal­ten. Mei­ne Güte, man kann mit den Leu­ten wirk­lich alles machen – wenn man denen sagt, sie sol­len sich mit einer Tas­se Kaf­fee an den Rech­ner set­zen, dann machen die das halt, den­ke ich miss­mu­tig, mei­ne Hän­de an mei­ner eige­nen Tas­se wär­mend. Immer­hin gelingt so schon mal ein ers­tes klei­nes Psy­cho­gramm der Webinar-Teilnehmer.

Grup­pe 1: Die drah­ti­gen Erfolgs­ty­pen, die natür­lich wer­be­wirk­sam Tas­sen ihres Jung­un­ter­neh­mens in die Kame­ra hal­ten und sorg­sam dar­auf ach­ten, dass das Logo auch immer gut zu sehen ist.

Grup­pe 2: die Büro-Exis­ten­zen mit Büro-Humor-Tas­sen. Wir sind hier auf der Arbeit und nicht auf der Flucht. Ich bin heu­te so blöd, ich könn­te Ame­ri­ka regie­ren. Kaf­fee erreicht Stel­len, da kommt die Moti­va­ti­on gar nicht hin. Statt Kon­fet­ti ein­fach gleich den Locher wer­fen. Mein Favo­rit unter die­sen bestür­zen­den Doku­men­ten der humo­ris­ti­schen Selbst­de­mon­ta­ge dann immer­hin der offen­sicht­lich post­fak­ti­sche Auf­druck: Du bist lus­tig, dich töte ich zuletzt.

Grup­pe 3: die Leu­te, denen alles egal ist. Die Tas­sen mit Auf­dru­cken wie „I Love New York“, „Ham­burg mei­ne Per­le“ oder einer Didl­maus in den Hän­den hal­ten. Oder mit irgend­wel­chen Mus­tern, die von 70er-Jah­re-Tape­ten kom­men könn­ten. Und denen es nicht pein­lich ist, dass 35 unbe­tei­lig­te Men­schen sie damit sehen können.

Gro­ße Güte, den­ke ich, ich muss zwei Tage lang mit kom­plet­ten Idio­ten vor dem Bild­schirm rum­hän­gen. Dann fällt mein Blick auf mei­ne eige­ne Tas­se. „Ei(n)fälle. 16. Kaba­rett­tref­fen der Stu­dio­si Cott­bus 2011“. Viel­leicht soll­te man auch ein­fach nicht so harsch anhand von Äußer­lich­kei­ten über ande­re urteilen.

Das Webi­nar ver­läuft dann mal so, mal so. Eigent­lich alles wie im rich­ti­gen, ana­lo­gen Leben. Mit ein paar Vor- und Nach­tei­len. Einem Vor­trag kann man online eben­so gut oder schlecht fol­gen wie im Semi­nar­raum. Es liegt halt an der Qua­li­tät des Vor­tra­gen­den. Ver­blüf­fend gut funk­tio­niert es, klei­ne Arbeits­grup­pen zu bil­den, die dann in sepa­ra­te Zoom-Kon­fe­renz­räu­me geschickt wer­den. Ich hät­te es vor­her nicht geglaubt, aber hier gelin­gen mit­un­ter sogar inten­si­ve, recht per­sön­li­che Gesprä­che. Auch ganz gut funk­tio­nie­ren die neu­mo­di­schen Stim­mungs­bil­der und Mit­mach­num­mern, die man inzwi­schen ja auch im ana­lo­gen Raum stän­dig erle­ben muss. Dau­ernd soll­te man in letz­ter Zeit ja in Ver­an­stal­tun­gen sein Smart­pho­ne zücken, um zwi­schen Mög­lich­keit eins, zwei oder drei zu wäh­len, um ein Stim­mungs­bild des Audi­to­ri­ums zu erzeu­gen, und auf der Lein­wand im Vor­trags­saal soll­te dann total inter­ak­tiv das Ergeb­nis erschei­nen, was aber eigent­lich nie wirk­lich geklappt hat, weil ein Vier­tel der Leu­te über­haupt nicht kapiert, was der Vor­tra­gen­de will, weil sie die­ses neue Instru­ment noch nicht ken­nen, und die ent­spre­chend ver­wirrt ihre Nach­barn fra­gen, was sie jetzt eigent­lich genau machen sol­len, wodurch ein all­ge­mei­ner Flüs­ter-Tumult ent­steht, der dann dadurch gestei­gert wird, dass die­je­ni­gen, die das Prin­zip zwar ken­nen und schon eil­fer­tig die Umfra­ge-Sei­te auf­ge­ru­fen hat­ten, den Code nun aber nicht mit­be­kom­men haben, sodass anschlie­ßend aus min­des­tens fünf Ecken des Saals noch ein­mal gefragt wird, wie der Code denn noch gleich war, und am Ende sind dann der Vor­tra­gen­de oder der Saal­tech­ni­ker oder bei­de mit dem Wech­sel von der Power­point-Prä­sen­ta­ti­on zum Brow­ser, wo die Ergeb­nis­se ange­zeigt wer­den sol­len, über­for­dert, und ver­se­hent­lich wird dann das noch akti­ve Word-Doku­ment mit dem Anschrei­ben an den Anwalt in der ver­trau­li­chen Cau­sa Steu­er­straf­sa­che Wer­ner Mül­ler auf die gro­ße Lein­wand gewor­fen, was zu pein­lich berühr­tem Gestam­mel des Vor­tra­gen­den führt, wäh­rend die WLAN-Ver­bin­dung sowie­so zu wack­lig ist, um das Umfra­ge-Ergeb­nis aus dem Publi­kum zu zei­gen, und dann ist es ja auch egal, und hek­tisch ver­sucht der Vor­tra­gen­de schließ­lich, die letz­te Power­point-Folie wie­der­zu­fin­den, und längst schon erin­nert sich nie­mand mehr, wor­um es über­haupt ging in dem Vor­trag. Im Online-Vor­trag läuft das alles viel orga­ni­scher, und die Kat­ze des Refe­ren­ten, die zum zwei­ten Mal zu ihm auf die Schreib­tisch­plat­te springt und in die Web­cam schnurrt, ist ja eigent­lich auch ganz niedlich.

Kein Cat-Con­tent

In den Pau­sen dage­gen kommt die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Teil­neh­mern nur schwer in Schwung, nur die ganz Unver­dros­se­nen ver­su­chen tat­säch­lich so etwas wie Small­talk, der Rest schal­tet sich und die ande­ren stumm und füllt die „Traue nie­man­dem, der vor 9 Uhr lacht“-Tasse wie­der auf. Da fehlt etwas die zwi­schen­mensch­li­che Kom­po­nen­te. Vor­teil: Die jovia­len Frau­en-die-Hand-auf-Schul­ter-Fas­ser müs­sen ihre Hand in der Pau­se jetzt über die Maus auf ihrem Schreib­tisch strei­chen lassen.

Am Abend dann ist tat­säch­lich ein „digi­ta­les Get-tog­e­ther“ ange­setzt. Eigent­lich fin­de ich ja, dass allein der Begriff Get-tog­e­ther einer der sel­te­nen his­to­ri­schen Aus­nah­me­fäl­le ist, die Gewalt­an­wen­dung erlau­ben wür­den, bei einem digi­ta­len Get-tog­e­ther aber wün­sche ich umge­hend, dass die neue Welt­ord­nung end­lich zuschla­gen und uns alle unter­jo­chen möge, damit die­ser Unsinn end­lich auf­hört, aber auf Pro­duk­te von Bill Gates war ja noch nie Ver­lass, und es reizt mich ande­rer­seits durch­aus etwas, wie der gemein­sam Bar-Abend nun also in die Zoom-Kon­fe­renz über­setzt wird. 35 Leu­te, die mit der Bier­fla­sche vor dem Bild­schirm hocken, sind ein ziem­lich ver­stö­ren­der Gedan­ke, aber jetzt schlägt die Stun­de der vir­tu­el­len Hin­ter­grün­de. Ein­deu­tig ein Vor­teil gegen­über dem klas­si­schen phy­si­schen Zusam­men­tref­fen, man hat sofort ein gutes Small­talk-The­ma: Was für ein fan­tas­ti­sches Berg­pan­ora­ma, warst du da in Urlaub? Was ist denn das für ein lus­tig blub­bern­der Sumpf, in dem du da stehst? Oh ja, ich woll­te auch schon immer mal auf der Kom­man­do­brü­cke des Raum­schiff Enter­pri­se sit­zen! Ein Teil­neh­mer hat es mit irgend­ei­ner Ein­stel­lung, die ich noch nicht gefun­den habe, geschafft, sich in eine Gur­ke zu ver­wan­deln. Am Anfang ist es ein gro­ßes Hal­lo, als sich also eine spre­chen­de Gur­ke von sei­nem Bild­schirm an uns wen­det und anschlie­ßend die Bier­fla­sche an ihren Mund führt, bald schon haben wir uns dar­an gewöhnt, und er kann es letzt­lich nicht top­pen, als er sich dann in eine Avo­ca­do und spä­ter in eine Auber­gi­ne ver­wan­delt. Ich benei­de mei­nen Frosch-Kol­le­gen etwas, der schließ­lich einen Live­stream aus sei­nem Krö­ten­ter­ra­ri­um als Hin­ter­grund ein­spielt und damit unzwei­fel­haft der Star des Abends wird. Immer, wenn die Krö­te mal schluckt oder kurz den Kopf bewegt, gibt es ein lau­tes Ah! und Oh! im Äther, da kann ich, als ich end­lich die Fauch­scha­ben vor die Kame­ra stel­le, lei­der nur noch Platz zwei einnehmen.

Aber schluss­end­lich muss ich zuge­ben: Es ist ein recht ver­gnüg­li­cher und durch­aus sozia­ler Abend vor dem Moni­tor, und am Ende ist es dann so wie eigent­lich immer: Ich ste­he mit den Letz­ten Gäs­ten in einem Raum namens Küche her­um, bin schon ziem­lich betrun­ken und höre zu, wie die ande­ren hier über die aktu­el­len Coro­na-Maß­nah­men strei­ten und sich dabei stän­dig wie­der­ho­len, zuneh­mend lau­ter wer­den und sich immer häu­fi­ger unter­bre­chen. Dann fängt jemand an, dar­über zu refe­rie­ren, dass die bevor­ste­hen­den Imp­fun­gen uns zu Autis­ten machen wer­den und dass die gan­ze Virus-Panik nur eine geziel­te Ver­un­si­che­rung der Bevöl­ke­rung ist, um sie gefü­gig zu machen für die Zwangs­impf­plä­ne der Phar­ma­in­dus­trie, und da wird mir end­gül­tig klar: Wenn das alles hier vor­bei ist und wir uns wie­der mit ech­ten Men­schen tref­fen kön­nen – nicht mehr in hüb­schen Dschun­gel- und Wüs­ten­land­schaf­ten, son­dern in Barg­te­hei­de –, dann wer­den wir vie­les viel inten­si­ver genie­ßen. Aber ich weiß jetzt schon, dass ich eines sehr schmerz­haft ver­mis­sen wer­de: die Mög­lich­keit, Leu­te ein­fach stummzuschalten.

Und für den Kater am nächs­ten Mor­gen habe ich auch eine Lösung gefun­den, bei der die Zoom-Kon­fe­renz dem Real Life ein­deu­tig über­le­gen ist: Ein schnel­les 5‑Mi­nu­ten-Video am Mor­gen auf­ge­nom­men, in dem ich am Schreib­tisch sit­ze, sehr kon­zen­triert in die Kame­ra gucke und hin und wie­der mal nicke und bedäch­tig den Kopf abwech­selnd nach rechts oder links wie­ge, das Gan­ze als vir­tu­el­len Hin­ter­grund in End­los­schlei­fe ein­spie­len – und schwupps, kann ich mich wäh­rend des gan­zen bescheu­er­ten Empower­ment-Vor­trags am Vor­mit­tag schön noch mal hin­le­gen, wäh­rend mein Bild­schirm-Hin­ter­grund für mich brav der Ses­si­on folgt und mit mei­ner Anwe­sen­heit glänzt. Es war ja nicht alles schlecht damals, wer­den wir uns der­einst, in der Zeit nach den Coro­na-Jah­ren, gegen­sei­tig versichern.

Seit sieb­zehn Jah­ren jede Woche neue Tex­te, Betrach­tun­gen, Musik und bele­ben­de Hei­ter­keit, seit Beginn der Iso­la­ti­on im Live­stream.

Wann wir wie­der auf einer ‘ech­ten’ Büh­ne ste­hen, das wis­sen wir nicht. Es steht schon in den Ster­nen, wir kön­nen es nur noch nicht ent­zif­fern. Bis dahin strea­men wir wei­ter und freu­en uns wie Bol­le über unser vir­tu­el­les Publi­kum. Schal­tet ein, und lasst euch was vorlesen.

Ab 20.15 Uhr ein­schalt­bar auf unse­rer Face­book-Sei­te, auch ohne Account. Da Face­book eine prak­ti­sche Restrea­ming-Funk­ti­on hat, wird der Live­stream auch auf der Wed­ding­wei­ser-Śei­te bei Face­book übertragen.

Gastautor

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