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Trauergruppe in der Weddinger Schiller-Bibliothek:
Trauern um Verluste in der Schwangerschaft

21. April 2026

Der Verlust einer Schwangerschaft kann ein Leben lang traumatisieren. Zwar gibt es ab der 13. Schwangerschaftswoche einen gestaffelten Mutterschutz, aber die Trauer um einen Verlust ist heute stark individualisiert. Trost und Trauer sind daher schwer zu kommunizieren und finden sich nicht immer in der vertrauten Umgebung.

Die Weddingerinnen Shirin Lausch und Aileen Deinert sind gelernte und erfahrene Trauerbegleiterinnen. Sie bieten zwei Mal im Monat in der Schiller-Bibliothek eine Trauergruppe für Frauen an, die einen frühen Verlust in der Schwangerschaft erlitten haben. Ich traf die beiden, um über die Themen Sterben, Tod und Trauer ins Gespräch zu kommen und die Trauergruppe näher kennenzulernen.

Shirin Lausch (lks.) und Aileen Deinert beim Gespräch in der Schillerbibliothek – Foto Renate Straetling

Welche Erfahrungen konnten Sie bisher in der Trauergruppe machen? Gibt es einen gesellschaftlichen Trend zu diesem Schmerzthema?

Es gibt einen großen Bedarf, über Kindsverlust zu sprechen. Jedoch ist die Hemmschwelle, Hilfe in Anspruch zu nehmen, gleichzeitig für viele Frauen hoch. Meistens sind es Scham oder Schuldgefühle, eine Sprachlosigkeit gegenüber dem Erlebten oder die Unsicherheit, Hilfe zu finden. Manche Frauen hätten sich rückblickend gern zum richtigen Zeitpunkt ein Angebot wie unseres gewünscht. Zu der Bagatellisierung von Verlust in der Schwangerschaft möchten wir gern später etwas ausführlicher sprechen.

Wie haben Sie beide zusammengefunden, um diese Trauergruppe zu gründen?

Aileen und ich haben uns während der Ausbildung zur Trauerbegleitung kennengelernt.  Irgendwann entstand der Wunsch, Aileens Hebammenwissen mit unserem neu gewonnenen Wissen zum Thema Sterben, Tod und Trauer zu verbinden. Aus ihrem Berufsalltag weiß Aileen, wie verbreitet frühe Verluste in der Schwangerschaft sind. Leider gibt es für betroffene Frauen viel zu wenig niedrigschwellige Angebote. Deswegen haben wir uns entschieden, eine Gruppe speziell für diese Frauen anzubieten.

Unser Angebot richtet sich vorrangig an Frauen, die ihr Kind in der frühen Schwangerschaft verloren haben. Frauen mit späterem Verlust oder rund um die Geburt sind grundsätzlich willkommen. Es gibt keine Schwangerschaftswochen-Grenze für die Verlusterfahrung, es soll jedoch keine „Trauerkonkurrenz“ unter den Frauen in der Gruppe geben.

Unsere Gruppe, die sich in der Schiller-Bibliothek trifft, gründeten wir im Herbst 2025, und wir treffen uns in einem intimen Rahmen: Es kommen etwa 6 bis 7 Frauen zum gemeinsamen Gespräch.

Unsere Teilnehmerinnen finden bei uns einen Raum zum Austausch für das Gefühlschaos über das Erlebte und einen angeleiteten Rahmen, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. 

Was ist Ihre Motivation, diese Trauerbegleitung anzubieten? Wie ergänzen Sie sich beide?

Wir wollen ein sinnvolles Angebot schaffen, das es in dieser Kombination nur selten gibt: Wir bieten die Verbindung aus Trauerexpertise und Hebammenwissen. Wir sind beide erfahrene Trauerbegleiterinnen und arbeiten gern im Team. Wichtig ist uns, die Gruppe dauerhaft und terminlich lückenlos anzubieten, wir uns also bei Krankheit oder schwierigen Arbeitszeiten ergänzen können.

Welche Gefühle besprechen Sie in der Trauergruppe?

Grundsätzlich finden alle Gefühle Gehör, die die Frauen mitbringen: Ohnmacht, Wut, Scham, Schuld und Unsicherheit. Es geht darum, Ohnmacht, und auch Wut, Scham und Schuld richtig zu gewichten. Auch den Umgang mit dem Umfeld, das häufig mit Unverständnis für solche „unsichtbaren“ Verluste reagiert, besprechen wir. Schließlich sind solche Verluste oft ein ganzes Leben überschattend. Wir kennen ein Beispiel einer mittlerweile über 60-jährigen Frau, die in einem Kolumbarium ein „Nestchen“, also einen Gedenkort für ihr Sternenkind kaufte, was zeigt, dass ein Verlust auch Jahrzehnte später noch spürbar sein kann und einen Raum für Ausdruck braucht. Auch nach Jahrzehnten kann man sich Erleichterung verschaffen.

Wir möchten dagegen wirken, dass die Trauer aberkannt wird und dazu beitragen, dass sie weithin Anerkennung findet und sich die Frauen damit nicht mehr allein gelassen fühlen.

Ist es korrekt, von Fehlgeburten oder Abtreibungen zu sprechen, oder meiden Sie diese beiden Begriffe unter dem Oberbegriff Kindsverlust?

Im Vordergrund steht der Verlust und das individuelle Erleben der Betroffenen, unabhängig von Zeitpunkt und Ursache, da die Bindung zum Kind oft sehr früh entsteht und die Verlusterfahrung maßgeblich prägt.

Gleichzeitig erleben wir, dass insbesondere Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch oft das Gefühl haben, mit ihrer Trauer keinen selbstverständlichen Raum zu haben, obwohl auch hier ein Verlust erlebt wird. Der Begriff „Fehlgeburt“ ist medizinisch gebräuchlich, wird von vielen Betroffenen als schwierig erlebt. „Fehl-“ kann so verstanden werden, als sei etwas ein „Fehler“ gewesen, wichtig ist aber, dass kein Fehler und kein persönliches Versagen der Frau vorliegen.

Es ist wichtig anzuerkennen, dass die Verlusterfahrungen von Frauen in der Schwangerschaft sehr individuell sind und ganz unterschiedliche Wurzeln haben.

Ein Beispiel ist die Abtreibung, die Widersprüchlichkeiten hervorruft: einserseits die Entscheidung gegen diese Schwangerschaft, andererseits trotzdem die Trauer um den erlebten Verlust.

Ein anderes Beispiel für Verlust ist der Kinderwunsch, der durch klinische Behandlung erfüllt werden soll, endlich fruchtet und womöglich nach wenigen Schwangerschaftswochen doch wieder ein abruptes unvorhersehbares Ende nimmt. Das sind Geschicke, die fälschlich als Defizitempfindungen traumatisieren können. Wir wollen die Trauer dazu bewusst machen.
Ein weiteres Beispiel könnte ein Fall sein, bei dem einem ungeborenen Kind eine lebensverkürzende Krankheit diagnostiziert wird. Bei der sogenannten palliativen Geburt werden keine lebenserhaltenden Maßnahmen vorgenommen, sondern ausschließlich schmerzstillende Mittel gegeben. Das Kind verstirbt häufig bei oder kurz nach der Geburt bei den Eltern.

Aileen Deinert und Shirin Lausch (re.) vor der Schillerbibliothek – Foto Renate Straetling


Wir wollen die Trauer dazu bewusst machen. Wir möchten dazu beitragen, dass auch Frauen mit diesen Trauererfahrungen einen Ort für ihre Gefühle und Austausch finden.

Wer sorgt sich noch um diese Art von Schmerz der Frauen? Debattier(t)en Feministinnen darüber?

Dieser Verlust einer Schwangerschaft wurde lange gesellschaftlich und auch im medizinischen Kontext wenig anerkannt. Wir wünschen uns einen offeneren Umgang, mit Trauer allgemein und speziell mit Verlusten, die Frauen als werdende Mütter betreffen.
Frauen tragen selbst maßgeblich dazu bei, dieses Thema sichtbar zu machen und sich Raum für ihre Erfahrungen zu nehmen.
Langsam gibt es zunehmende Aufmerksamkeit, durch öffentliche Stimmen von Betroffenen, durch mediale Berichterstattung und gesellschaftliche Diskussionen und auch im politischen Kontext (z. B. Mutterschutzregelungen).
Dadurch entsteht zunehmend Raum für Enttabuisierung, Sichtbarkeit; auch für Austausch und für Orte, in denen diese Erfahrungen bewusst gehalten werden können, wie zum Beispiel in unserer Gruppe.
Aus feministischer Perspektive geht es dabei auch darum, reproduktive Erfahrungen und deren emotionale Folgen ernst zu nehmen und gesellschaftlich anzuerkennen, sodass Erfahrungen rund um Schwangerschaft, Verlust und Trauer nicht marginalisiert oder bagatellisiert werden.

Und auch für Männer oder werdende Väter ist es ein Thema, das über Austausch besser erfahren werden kann.

Gibt es Netzwerke und Vereine/Verbände für diese Schmerzbewältigung? Arbeiten Sie dort zusammen?

Ja, es gibt Netzwerke und Vereine, z. B. der Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e. V. (VEID). Auch gibt es die Initiative „Regenbogen – Glücklose Schwangerschaft“ e. V. Zudem Selbsthilfegruppen für Sterneneltern (z. B. über Kliniken oder Beratungsstellen organisiert). Viele Angebote sind selbstorganisiert oder ehrenamtlich getragen. Wir selbst sind dort aktuell nicht tätig.

Was ist der Inhalt der Gespräche, die Sie in der Trauergruppe führen?

Die Frauen bringen die Themen in die Gruppe mit und daraus entsteht der Austausch. Weitere Fragen schließen sich dann an. Neulich ging es beispielsweise um die neue Identität als Mutter.

Wir sehen eine Frau, die in der Schwangerschaft einen Verlust erlitt, als Mutter eines verstorbenen Kindes an – als eine Mutter mit einem Verlust, der von außen nicht unbedingt sichtbar ist.

Frauen fragen sich, wie sie sich selbst nach einer Schwangerschaft erkennen und wie sie die Bindung erlebten, auch wenn sie vielleicht nur ein Ultraschallbild von dem Ungeborenen hatten.

Übrigens gibt es eine hohe Dunkelziffer und keine gesicherten Daten, aber Schätzungen gehen davon aus, dass jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens einen Verlust in einer Schwangerschaft oder einen unerfüllten Kinderwunsch erleidet.

Gibt es Wünsche nach Ritualen?

Ja, für viele Frauen ist es sehr wichtig, im Rahmen eines Rituals Abschied zu nehmen. Eine Möglichkeit kann die Bestattung sein, auch wenn Einmal sind da die Bestattungsgessetze, für für Geburten unter 500 g Geburtsgewicht keine Bestattungspflicht vorsehen. Bei Geburten bis 1000 g können Kliniken Sammelbestattungen ein oder zweimal im Jahr durchführen. Dies ist kostenfrei, was auch vorteilhaft in Anbetracht von allgemein hohen Bestattungskosten ist. So sind ein Ort des Gedenkens und ein Austauch erlebbar.

Wichtig ist es auch zu erfahren, dass man mit solchen Traumata nicht alleine war und ist, denn die Individualisierung dieser Trauer ist noch stark ausgeprägt.

Was wünschen Sie sich für Frauen (auch Männer) mit Kindsverlust?

Frauen (und Paare) sollten gut über Angebote informiert und ihr Schmerz ernst genommen werden, auch bei frühen Verlusten.
Wir wünschen uns ein größeres Verständnis dafür, dass Trauer individuell verläuft und nicht „linear“ ist und dass ihr mehr Zeit und Raum eingeräumt wird.
Zudem sollte Trauer als selbstverständlicher Teil der Versorgung mitgedacht werden und mit niedrigschwelligen, gut erreichbaren Angeboten versehen sein.
Essenziell ist, dass Erfahrungen rund um Schwangerschaft, Verlust und Trauer als Teil weiblicher Lebensrealität anerkannt und nicht länger marginalisiert und bagatellisiert werden.

Links und Hinweise

Kontakt zur Trauergruppe von Aileen Deinert und Shirin Lausch

Mailadresse: [email protected]

Instagram @shirinlauschtrauerbegleitung

Gunda-Werner-Institut der HBS

Gunda-Werner Institut (GWI) in der Heinrich-Böll-Stiftung (HBS)

Postpartum

Dort gibt es auch Kontaktadressen in verschiedenen Regionen

Literaturtipp

Hannah Lothrop; Gute Hoffnung, jähes Ende, Verlag Kösel,

ISBN 978-3-466-34632-5, Erscheinungsdatum 27.06.2016

Renate Straetling

Renate Straetling

Jg 1955, aufgewachsen in Hessen; ab 1973 Studium an der FU Berlin, Sozialforschung, Projekte und Publikationen.
Selfpublisherin seit 2011 bei epubli.com, u.a. Kinder_SciFi
www.renatestraetling.wordpress.com
Im Wedding seit 2007.
Mein Wedding-Motto:
Unser Wedding: ein großes lebendiges Wimmelbild ernsthafter Menschen!

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