Schlagwörter: Julia Boeck

Das Wedding-Fotobuch: neu, wichtig, interessant

Wedding Fotobuch
Berlin – Wedding. Das Fotobuch. Herausgegeben von Axel Völcker und Julia Boeck. Grafik: Kerber Verlag

Und plötzlich die Meldung: Die Herausgeber der Magazinreihe „Der Wedding“ haben nunmehr ein Buch gestaltet. Axel Völcker und Julia Boeck haben dieses Mal ein Fotobuch zusammengestellt. Die Fotos stammen von Fotografen Agentur Ostkreuz aus Weißensee. An dieser Stelle werden die 236 Buchseiten besprochen. Die Buchkritik folgt allerdings nicht den Fragen eines Kunstkritikers, sondern den drei typischen Fragen eines Nachrichtenmachers. Weiterlesen

„Der Wedding #4“: Der Westen in Grau

Der Wedding hat viele Seiten. Wer aber in der vierten Ausgabe des gleichnamigen Magazins Geschichten aus diesem Ortsteil sucht, wird nur wenig über den Wedding erfahren. Vordergründig zumindest.

Denn dieses Mal haben sich die Macher ganz ihrem klein gedruckten Untertitel „Magazin für Alltagskultur“ verschrieben, während „Der Wedding“ zwar als Titel ins Auge springt, im Heft aber eigentlich kaum vorkommt. Man hat den Eindruck, der Wedding ist mit seiner einmaligen Mischung aus unaufgeregten Alltäglichkeiten in den vorherigen Ausgaben des Magazins auserzählt. Etwas wirklich Neues können die Magazinmacher ihm wohl nicht mehr abgewinnen. Sei’s drum. Den Ärger darüber kann man getrost herunterschlucken.

So klar und so aufgeräumt wie diese Ausgabe war „Der Wedding“ noch nie zuvor. Seriös und nüchtern kommt das bislang so verspielt wirkende Magazin jetzt daher. Selbst die Farbfotos wirken in dem spröden Layout blutleer und ausgewaschen. Irgendwie scheint alles von gestern zu sein. Das passt dann auch gut zum Leitthema „Westen“.  Das unzeitgemäße Thema liegt oberflächlich betrachtet auf der Hand, wird doch der Wedding manchmal „der Osten des Westens“ genannt. Als Grenzbezirk war der Wedding am 9. November 1989 der erste Ort, an dem die von der Bösebrücke strömenden Ostberliner in den Westen gelangten. Doch davon kommt im „Wedding #4“ wenig vor. Das Magazin versucht eher, das Lebensgefühl und das Bild des Westens in Worte und Bilder zu fassen. Es geht um das verloren gegangene West-Berlin, die alte Bundesrepublik, den Mythos des Goldenen Westens, der in Wirklichkeit so golden nicht war und konsequenterweise auch in diesem Magazin auch nicht so daherkommt.

Die Fotos, die Reportagen, die Porträts und die gestalterischen Ideen sind von gewohnt hoher Qualität. Allein deshalb lohnt sich die Anschaffung der vierten Ausgabe. Auch wenn man nicht so viel Wedding erwarten sollte: es geht um das, was es im Wedding genauso gibt wie woanders. Nach der Logik dieser Ausgabe bedeutet das: um etwas vom Wedding zu sehen, kann man ebenso ins Ruhrgebiet schauen.

Der Wedding #4 ist in Bahnhofsbuchhandlungen und Weddinger Buchhandlungen und Geschäften erhältlich. Er kostet 6,99 Euro.

Herausgeber: Axel Völcker,Chefredakteurin: Julia Boek

Eine Rezension der dritten Ausgabe von „Der Wedding“ auf diesem Blog

Hommage an eine Hauptschlagader: „Die Müllerstraße“

„Die Müllerstraße“ – ein Sonderheft des Magazins „Der Wedding“ ist am 18. Juni 2011 neu erschienen. Keine Überraschungen für Kenner dieser Straße- zum Glück!

Foto: S+U Bahnhof Wedding
Am südlichen Ende der Müllerstraße wird der Name des Ortsteils recht eindeutig erwähnt.

Julia Boeck und Axel Völcker haben ein Talent. Sie haben es mit ihrem Magazin „Der Wedding – Magazin für Alltagskultur“ schon mehrfach unter Beweis gestellt. Sie sind in der Lage, eigentlich schwer fassbare Dinge wie das Erscheinungsbild eines heterogenen Stadtviertels, seine Bewohner mit ihren unterschiedlichen Ansichten und Lebensweisen mit historischen Fakten unter einen Hut zu bringen. Das Gesamtbild beschönigt nichts, sondern trifft den Nerv – genau so empfinden die meisten den Charakter des Wedding. Dafür bedienen sich die Macher des Magazins bewusst einer enormen Bandbreite von Stilmitteln.

Zweifellos trifft dies auch auf „Die Müllerstraße“ zu. Diese Ausgabe unterscheidet sich von den bisherigen Heften von „Der Wedding“ nur durch die monothematische Fokussierung auf eine letztendlich doch sehr lange Straße mit vielen Facetten. Das Durchblättern ist eine Freude: das Layout wirkt im Vergleich zum „Magazin für Alltagskultur“ ein wenig aufgeräumter mit weniger (dafür zeitlosen) Schriftarten und einer konsequenten, fast symmetrisch wirkenden Struktur. Die Porträts der letzten Traditionsgeschäfte an der Straße befinden sich genau in der Mitte, in einem etwas kleinformatigeren „Magazin im Magazin“.

Anlass für das Sonderheft war eine öffentliche Förderung: die gute alte Müllerstraße wurde zu einem riesigen Sanierungsgebiet erklärt, wodurch auch Mittel für die Herstellung dieses Magazins freigesetzt wurden. Da kommt dann auch schon mal der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung und hält ein Grußwort zur Veröffentlichung.

Zum Glück für die Leser konnten Boeck und Völcker dafür aus dem Vollen schöpfen. Diesen Eindruck hat man, wenn man die aufwändige Gestaltung der werbefreien Seiten beim Durchblättern wahrnimmt. Fast schon luxuriös viel Platz haben die teils ganzseitigen Fotos von ganz normalen Menschen in ihren Wohnungen, Traditionsläden oder in der Markthalle. Die Bilder führen zwar zu einer künstlerischen Überhöhung der Normalität, aber treffen immer noch den Charakter der Straße: „In den Achtzigern stehengeblieben“ steht im Begleittext. Man blättert, man schaut die Bilder an und denkt: genau so ist auch die Straße.

Wenn sich einst durch eine neue Müllerhalle, neue Stadtmöbel, die neue Bibliothek, neue Bewohner oder neue Cafés ihr Erscheinungsbild ändern sollte, werden wir froh sein, dass der heutige Zustand des einstigen „Boulevard des Nordens“ in diesem Magazin für immer festgehalten sein wird. Ist das Sanierungsvorhaben dann beendet und die Müllerstraße, wie wir sie heute kennen, längst Vergangenheit, ist zu hoffen, dass es dann eine weitere Ausgabe von „Die Müllerstraße“ geben wird. Auf die Fotos, die Porträts und die Grafiken freue ich mich schon jetzt.

Nur das Titelbild, ein Detail, das in einer Ecke des Traditionsgeschäfts „Hosen spezial“ entstand, hätte doch etwas aussagekräftiger sein dürfen. Nichts ist von der Straße zu sehen, die doch den Daseinszweck der Zeitschrift darstellt.