Reinickendorfer Straße: Viel Charakter

Eine glanzlose, nicht ganz geradlinige Straße wie die Reinickendorfer verdient – wie so viele Weddinger Straßen – einen zweiten Blick. Die einzige Bundesstraße des Wedding (B 96) durchzieht unseren Stadtteil von Nord nach Süd genau an der 2001 recht willkürlich gezogenen Grenze zwischen Wedding und Gesundbrunnen. Doch gerade diese vermeintlich nichtssagende Straße ohne Sehenswürdigkeiten ist typisch für die Weddinger Mischung und erzählt viel vom Charakter unseres dichtbesiedelten Stadtteils.

Feuerwache Wedding: Freiwillige im Einsatz

In  der  Nacht  hat es überfrierende Nässe gegeben – die Berliner Feuerwehr verzeichnet  aufgrund  von Glätte ein erhöhtes Einsatzaufkommen. Daher sind alle Fahrzeuge der Wache unterwegs und auch die Reservewagen stehen bereit, bei  Bedarf  auszurücken. Ausgerechnet an einem solchen Tag sind wir mit Thomas Schwarz in der Feuerwache Wedding in der Reinickendorfer Straße verabredet.

Gemeinschaftsräume für die Feuerwehrleute Wedding„So mancher geht gern zum Fußball, weil er Sport treiben und seine Zeit mit Freunden verbringen will. Ich gehe eben zur Freiwilligen Feuerwehr“, erklärt Thomas Schwarz. Den 37-Jährigen hat am Morgen ein Alarmruf erreicht. Per Funkmeldeempfänger werden die freiwilligen Feuerwehrleute alarmiert. Jedoch geschieht das erst, wenn viele Staffeln der Berufsfeuerwehr ausgerückt sind. Das passiert durchschnittlich zwölf Mal im Jahr. „Wir haben dann bis zu 20 Minuten Zeit, unser Fahrzeug einsatzbereit zu machen“, sagt der Hauptbrandmeister – zu bestimmten Tageszeiten ist das keine leichte Aufgabe im Großstadtverkehr. Seinen Arbeitsplatz in Charlottenburg darf Thomas Schwarz dann umgehend  verlassen. Thomas Schwarz wird aber nicht nur zur Weddinger Feuerwache gerufen, sondern gehört auch zu den sieben Freiwilligen in Berlin, die die Feuerwehrleitstelle als Reserve unterstützen. Berlin gehört zu den wenigen Städten  in Deutschland, in denen es eine Berufsfeuerwehr gibt. Die freiwilligen Feuerwehren ergänzen die professionellen Feuerwehrleute, wobei zwischen den A-Wehren in weniger dicht besiedelten Stadtrandgebieten und den B-Wehren, die die Berufsfeuerwehren unterstützen, unterschieden wird.

Es gibt auch eine Rutschstange in der Feuerwache WeddingDie  Feuerwache Wedding verfügt über zwei Löschfahrzeuge mit je 1200 Litern Wasser im Tank und zwei Rettungswagen. 16 Berufsfeuerwehrleute, die zugleich auch Rettungssanitäter sind, stehen zu jeder Tages- und Nachtzeit im Dienst. Wenn es die Wetterlage, ein Katastrophenfall oder ein Großereignis wie der 1. Mai erfordert, kommen bis zu 31 freiwillige Feuerwehrmänner dazu.  Meist treffen etwa 60 % der Freiwilligen in der Feuerwache am S-Bahnhof Wedding ein – die Übrigen sind krank, im Urlaub oder können sich nicht kurzfristig vom Arbeitsplatz entfernen. Die Freiwillige Feuerwehr löst dann die Berufsfeuerwehr ab und erledigt dann mit ihrem eigenen Fahrzeug das „Tagesgeschäft“.

Ein historischer Feuermelder auf dem Hof„Es  macht Spaß, gemeinsam mit seinen Freunden anderen Menschen zu helfen, weil man die entsprechende Technik und das Wissen hat“, beschreibt Thomas Schwarz seine Motivation für das Ehrenamt. Zehn Einsatzdienststunden und sechs  Übungsstunden muss ein freiwilliger Feuerwehrmann im Monat aufbringen. Tatsächlich sind es viele Stunden mehr. „Natürlich habe ich viel seit meinem Einstieg im Jahr 1992 erlebt“, erinnert sich der Feuerwehrmann. Doch ihm sind  weniger die spektakulären Einsätze in Erinnerung geblieben: „Die kleinen Katastrophen, die sozialen Dramen – das geht einem ans Herz“, sagt Thomas Schwarz. Ein alter Mensch, der in seiner Wohnung gestorben ist, eine ausgebrannte  Wohnung ausräumen, die Wiederbelebung eines Patienten – in Berlin sind solche Einsätze an der Tagesordnung. Selten hört ein Feuerwehrmann im Einsatz ein Dankeschön, doch auch ein Lächeln gibt dem Lebensretter eine große Bestätigung. Nicht zuletzt entschädigen ihn auch die langjährig gewachsenen Freundschaften, die unter den Kameraden entstanden sind, für den Zeitaufwand. „Man muss sich mit den Kameraden verstehen und einander blind vertrauen – schließlich begibt man sich gemeinsam auch in Lebensgefahr.“

Diese Diashow benötigt JavaScript.


Englisches Viertel: Grün mit Weltkulturerbe

Wichtigstes Gestaltungselement: Putz und Backstein im Wechsel
Die Siedlung Schillerpark

Von allen Weddinger Vierteln ist das Gebiet zwischen Müllerstraße, Seestraße und dem Bezirk Reinickendorf das vielleicht unauffälligste. Hier wird in erster Linie „nur“ gewohnt, und das abgesehen vom Fluglärm recht ruhig. Industrie und Kaufhäuser sucht man hier vergebens, nur die BVG-Betriebshöfe und ein großes Frei-und Hallenbad sorgen dafür, dass das Englische Viertel kein reines Wohngebiet ist. Natürlich zieht auch der knapp 30 Hektar große Schillerpark Erholungssuchende aus anderen Vierteln an.

Englische Namen, holländische Backsteinarchitektur

Eingang zur U-Bahn-Hauptwerkstatt
U-Bahn-Werkstatt Seestraße

Hier wird der Wedding immer vorstädtischer, je weiter man nach Norden kommt. Als die U-Bahn 1923 bis zum Bahnhof Seestraße in Betrieb genommen wurde, lag die Hauptwerkstatt an der Müllerstraße/Ungarnstraße/Edinburger Str. noch am Stadtrand. Um die Werkstatt herum wurde der Block mit Werkswohnungen bebaut. Die an der Edinburger Straße seit 1909/10 befindliche Feuerwache (übrigens die erste, die für motorgetriebene Löschfahrzeuge ausgelegt war) wurde in den Komplex integriert. Auch das Paul-Gerhardt-Stift von 1886 wurde Teil eines Blocks des rasch wachsenden Englischen Viertels. Aus der früheren Diakonissenanstalt mit Krankenhaus hat sich ein Gesundheitszentrum mit Altenheim entwickelt. Die ansprechenden Backsteingebäude und die verträumten grüne Höfe haben indes nichts von ihrem Charme verloren.

In der Glasgower Straße
In der Glasgower Straße

In den Straßen mit den Namen englischer, irischer und schottischer Städte vermitteln die Häuser mit ihren Backsteinfassaden fast schon einen holländischen Charakter. Die 1927-30 errichtete Großsiedlung mit 800 Wohnungen war die erste Berliner Wohnanlage mit Fernwärmeanschluss. Der benachbarte Schillerpark (1909-13) mit seiner im Jahr 2011 wiederhergestellten Kinderplansche und einem neuen Café im früheren Toilettenhäuschen gibt dem Viertel noch dazu eine grüne Note. Der Park wird allerdings durch die von Autos befahrene Barfusstraße in zwei Teile getrennt. Der nördliche Teil hat eher den Charakter eines hügeligen Landschaftsparks, während der südliche Teil von einem bastionartigen Terrassenbau mit Schillerdenkmal und einer riesigen quadratischen Wiese dominiert wird. Diese ist von vornherein für den Breitensport vorgesehen gewesen und wird häufig von Amateurfußballgruppen genutzt.

Eine zuvor wenig bekannte Wohnanlage aus den Jahren 1924-30 am Nordostrand des Schillerparks hat es – gemeinsam mit anderen Siedlungen der Berliner Moderne – im Jahr 2008  zum Titel „Weltkulturerbe“ gebracht. Erbaut von den berühmten Architekten Max und Bruno Taut, wurden hier erstmals Prinzipien umgesetzt, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Für die damalige Zeit aber waren die offene Blockrandbebauung, die grünen Innenhöfe, die Flachdächer und die Fassadengestaltung im schlichten Wechsel von Putz und Backstein geradezu revolutionär. In den 1950er Jahren wurden einige Gebäude in der Siedlung Schillerpark ergänzt, ohne dass dadurch der Gesamtcharakter der Anlage beeinträchtigt wird.

Schillerhof
Schillerhof

Ganz in der Nähe steht eine ebenfalls in dieser Zeit, von 1925-27, gebaute Siedlung Schillerhof, die insgesamt eine konservativere Formensprache besitzt. Rund um einen geschlossenen begrünten Hof, der von der Aroser Allee durch eine Hofdurchfahrt zugänglich ist, befinden sich Wohnungen in drei Geschossen. Über den Türen sind Schmuckgiebel mit Reliefs angebracht. Direkt an den beschaulichen Schillerhof schließt die Siedlung Schillerhöhe aus den 1950er Jahren an.

Französisch wird es aber auch….

Ein Mini-Eiffelturm vor dem Centre Français
Das Centre Français (1960 erbaut)

Wedding und Reinickendorf bildeten von 1945 – 90 den französischen Sektor in Berlin. Als kulturelles Zentrum für die französischen Streitkräfte, aber auch als Ort der Begegnung der Berlin mit französischer Kultur und Lebensart wurde 1961 das Centre Culturel Français an der Müllerstraße 74 errichtet. Das moderne Gebäude wird heute als Hotel, Brasserie und Kino genutzt. Fast schon am nördlichen Ende der Müllerstraße und somit auch an der Grenze des Wedding zieht ein kleiner Eiffelturm die Blicke auf sich und verweist auf das etwas zurückgesetzt liegende Centre Francais. Vom englischen Viertel selbst ist die Bastion französischer Kultur allerdings durch den Domkirchhof II und eine Grünanlage getrennt…

BVG Busbetriebshof. Entworfen von Jean Krämer. Foto Joachim Faust.Mit der 1925-27 gebauten „Straßenbahnstadt“ des Architekten Jean Krämer verfügt das Englische Viertel noch über ein weiteres Juwel. Der heute von der BVG als Busbetriebshof Müllerstraße genutzte Komplex mit Werkstatt und Werkswohnungen besticht durch seine expressionistische Formensprache. Insbesondere die beiden Turmgebäude, die die Einfahrt flankieren und die Symmetrie betonen, prägen das Straßenbild an diesem Teil der Müllerstraße.

Lesenswerter Artikel von Diether Huhn

Typische Hofseite eines Wohngebäudes der Schillerpark-Siedlung
Typische Hofseite eines Wohngebäudes der Schillerpark-Siedlung

Karte des Englischen Viertels in Berlin-Wedding