Unverblümt Kulturexpedition #16

Das Plakat für die 16. Ausgabe von Unverblümt. Plakat: georg+georg
Das Plakat für die 16. Ausgabe von Unverblümt. Plakat: georg+georg

Am 30. Juni ab 18.30 Uhr findet die dritte Unverblümt Kulturexpedition in diesem Jahr statt. Los geht es diesmal in der Galerie Wedding in der Müllerstraße. Hier gibt es die Gelegenheit, die Gruppenausstellung „Berlin Wedding. Ein Stadtteil – 16 fotografische Positionen“ zu besuchen, die an diesem Tag mit der Veröffentlichung des durch Crowdfunding finanzierten Fotobuches endet.

„Der Wedding“, Ausgabe 5: Stimmt so!

Das Magazin „Der Wedding“ erscheint nur einmal im Jahr. War die letzte Ausgabe thematisch durch die Auseinandersetzung mit dem „Westen“ sehr weitgefasst (weshalb nur wenig Wedding-spezifisches vorkam), ist das nunmehr fünfte Magazin wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Und trifft damit den Nerv.

„Reiche sind aggressiver“

Cover Der Wedding 5 Magazin für AlltagskulturDiesmal kommen wieder verstärkt die Bewohnerinnen und Bewohner unseres Ortsteils zu Wort. Wir sehen, wie sie wohnen, wer bezahlt, wenn sie türkisch heiraten, was sie sich von ihrem Verdienst leisten können und was die Betreiber von Pfandleihhäusern alles erleben. Das Thema Geld wird nicht mit langen Zahlenkolonnen, Infografiken oder Rechenexempeln durchexerziert. Denn es geht vor allem darum, was es heißt, im Alltag wenig oder kein Geld zu haben. Im Heft dürfen mal diejenigen erzählen, die mit Flaschensammeln, Verkauf von Obdachlosenzeitungen oder mit vermeintlich lukrativen Nebenjobs über die Runden kommen müssen. Nur eine Hochglanz-Fotostrecke über die Besucher einer Münchener Millionärsmesse reißt den Leser aus der profanen Welt der sauer verdienten Moneten heraus, hinterlässt aber auch ein schales Gefühl. Fast bekommt man Mitleid mit den „armen Reichen“.

Im Verein ist Geld besser aufgehoben als auf der Bank

Da ist uns der Wedding mit seinen Wettbüros, Spielhöllen und Lokalen schon ein vertrauterer Anblick. In letzter Zeit hat man selten eine so schöne Kneipenreportage zu Gesicht bekommen wie den Bericht über das „Vereinssparen“ im Café Morena. Wer weiß denn schon noch, dass diese Sparform heute in den Lokalen fast ausgestorben ist, in der Nachkriegszeit aber den Ruch der Unterwelt hatte? Wie schon in der dritten Ausgabe, als die Magazinmacher Bettlern ihr Pappschild abkauften und diese vergänglichen „Dokumente“ verewigten, kommen in dieser Ausgabe wieder die zu Wort, die in den etablierten Medien selten eine Stimme haben: Schrottsammler, Straßenmusiker oder Menschen, die bewusst auf Eigentum verzichten. Auch der Franziskanermönch Bruder Andreas , der die Suppenküche in der Wollankstraße leitet, weiß aus eigener Erfahrung, was freiwilliger oder unfreiwilliger Verzicht bedeuten kann.

Sprichwörter hinterfragt

Wer die manchmal ironische, durchaus verspielte Art der früheren Ausgaben von „Der Wedding“ mochte, muss sich diesmal wieder mit einer bodenständigen, reduzierten Gestaltung zufriedengeben. Mit ein paar Ausreißern wartet die fünfte Ausgabe aber dennoch auf. Die knallig-bunten Verheißungen der Werbung für Spielcasinos, die ja so sehr zum Straßenbild in Berlin gehören, dienen als Dekoration für eine Doppelseite. Oder ein vermeintlicher Auszug eines vergilbten Lexikons, der Begriffe rund um das gute alte Münz- und Papiergeld zusammenfasst. Die aus früheren Ausgaben bekannten Comics, typographischen Experimente und Illustrationen wird man in dieser Ausgabe fast vergeblich suchen. Das Spiel mit der Form ist nämlich einer viel stärkeren inhaltlichen Auseinandersetzung gewichen. Die bemerkenswerten Fotos – der gelungene Versuch, vermeintlich Alltägliches zu bebildern – erhalten so einen noch größeren Stellenwert. Trotz der etwas spröden Gestaltung sind den Machern (Chefredaktion: Julia Boek) die guten Ideen an keiner Stelle ausgegangen. So hinterfragen sie die abgedroschensten Sprichwörter rund um’s Geld, und zwar bei Kellnern, Kassierern und dem Filialleiter einer Bank im Wedding. Die müssen es schließlich wissen.

Das Thema Geld passt einfach. Sowohl zur aktuellen Gefühlslage der Nation als auch zum Wedding. Dabei geht es nicht nur um die nackte Existenzangst, wenn einem halt das Geld ausgeht. Auch die Kreativen, Studenten oder Normalverdiener, die für das Magazin nach ihrem Einkommen befragt wurden, sind von einer finanziellen Sorglosigkeit Lichtjahre entfernt. Was nicht ausschließt, dass sie sich auch mal etwas gönnen. Mit seiner fünften Ausgabe ist „Der Wedding“ reif geworden und kann niemanden kalt lassen, der im Berlin des Jahres 2013 lebt. Willkommen zurück.

“Der Wedding” im Handel

Das Magazin wird berlin- und deutschlandweit für 6,99€ in diversen Buch-und Zeitschriftenläden sowie zusätzlich in Weddinger Bars und Cafés vertrieben.

Verkaufsstellen

Rezension der Ausgabe zum Thema Arbeit

Hommage an eine Hauptschlagader: „Die Müllerstraße“

„Die Müllerstraße“ – ein Sonderheft des Magazins „Der Wedding“ ist am 18. Juni 2011 neu erschienen. Keine Überraschungen für Kenner dieser Straße- zum Glück!

Foto: S+U Bahnhof Wedding
Am südlichen Ende der Müllerstraße wird der Name des Ortsteils recht eindeutig erwähnt.

Julia Boeck und Axel Völcker haben ein Talent. Sie haben es mit ihrem Magazin „Der Wedding – Magazin für Alltagskultur“ schon mehrfach unter Beweis gestellt. Sie sind in der Lage, eigentlich schwer fassbare Dinge wie das Erscheinungsbild eines heterogenen Stadtviertels, seine Bewohner mit ihren unterschiedlichen Ansichten und Lebensweisen mit historischen Fakten unter einen Hut zu bringen. Das Gesamtbild beschönigt nichts, sondern trifft den Nerv – genau so empfinden die meisten den Charakter des Wedding. Dafür bedienen sich die Macher des Magazins bewusst einer enormen Bandbreite von Stilmitteln.

Zweifellos trifft dies auch auf „Die Müllerstraße“ zu. Diese Ausgabe unterscheidet sich von den bisherigen Heften von „Der Wedding“ nur durch die monothematische Fokussierung auf eine letztendlich doch sehr lange Straße mit vielen Facetten. Das Durchblättern ist eine Freude: das Layout wirkt im Vergleich zum „Magazin für Alltagskultur“ ein wenig aufgeräumter mit weniger (dafür zeitlosen) Schriftarten und einer konsequenten, fast symmetrisch wirkenden Struktur. Die Porträts der letzten Traditionsgeschäfte an der Straße befinden sich genau in der Mitte, in einem etwas kleinformatigeren „Magazin im Magazin“.

Anlass für das Sonderheft war eine öffentliche Förderung: die gute alte Müllerstraße wurde zu einem riesigen Sanierungsgebiet erklärt, wodurch auch Mittel für die Herstellung dieses Magazins freigesetzt wurden. Da kommt dann auch schon mal der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung und hält ein Grußwort zur Veröffentlichung.

Zum Glück für die Leser konnten Boeck und Völcker dafür aus dem Vollen schöpfen. Diesen Eindruck hat man, wenn man die aufwändige Gestaltung der werbefreien Seiten beim Durchblättern wahrnimmt. Fast schon luxuriös viel Platz haben die teils ganzseitigen Fotos von ganz normalen Menschen in ihren Wohnungen, Traditionsläden oder in der Markthalle. Die Bilder führen zwar zu einer künstlerischen Überhöhung der Normalität, aber treffen immer noch den Charakter der Straße: „In den Achtzigern stehengeblieben“ steht im Begleittext. Man blättert, man schaut die Bilder an und denkt: genau so ist auch die Straße.

Wenn sich einst durch eine neue Müllerhalle, neue Stadtmöbel, die neue Bibliothek, neue Bewohner oder neue Cafés ihr Erscheinungsbild ändern sollte, werden wir froh sein, dass der heutige Zustand des einstigen „Boulevard des Nordens“ in diesem Magazin für immer festgehalten sein wird. Ist das Sanierungsvorhaben dann beendet und die Müllerstraße, wie wir sie heute kennen, längst Vergangenheit, ist zu hoffen, dass es dann eine weitere Ausgabe von „Die Müllerstraße“ geben wird. Auf die Fotos, die Porträts und die Grafiken freue ich mich schon jetzt.

Nur das Titelbild, ein Detail, das in einer Ecke des Traditionsgeschäfts „Hosen spezial“ entstand, hätte doch etwas aussagekräftiger sein dürfen. Nichts ist von der Straße zu sehen, die doch den Daseinszweck der Zeitschrift darstellt.