Bunte Mischung Kameruner Straße: Western-Atmosphäre

Ob Stadt­rat Ernst Frie­del, Lei­ter des Mär­ki­schen Muse­ums und Vor­sit­zen­der des Ver­eins für die Geschich­te Ber­lins, sich hät­te träu­men las­sen, dass eines Tages vie­le Afri­ka­ner in der Kame­ru­ner Stra­ße woh­nen wür­den? Er war über Jahr­zehn­te hin­weg als Dezer­nent für Stra­ßen­be­nen­nun­gen zustän­dig. 1899 schlug der Ber­li­ner Magis­trat vor, die Stra­ßen zwi­schen der Mül­ler­stra­ße und der Jung­fern­hei­de nach dem “Kolo­ni­al-Besitz” des Deut­schen Rei­ches zu benen­nen. Damit woll­te es die Reichs­haupt­stadt ande­ren Haupt­städ­ten gleich­tun, die ihre Stra­ßen mit den Namen ihrer kolo­nia­len Erwer­bun­gen schmückten.

Togostraße Kameruner Str.“Für uns ist die Adres­se Kame­ru­ner Stra­ße 1 kein Zufall”, sagt Chris­ti­an Kopp, Vor­stand des Ver­eins Ber­lin Post­ko­lo­ni­al e.V., des­sen Gemein­schafts­bü­ro mit Afri­cA­ve­nir Inter­na­tio­nal und dem Tan­za­nia-Netz­werk im Eck­haus zur Mül­ler­stra­ße liegt. “Da wir immer häu­fi­ger in Deutsch­lands größ­tem Kolo­ni­al­vier­tel mit Bil­dungs­pro­jek­ten und post­ko­lo­nia­len Stadt­tou­ren prä­sent sind, lag es nahe, den Arbeit­platz hier­her zu ver­le­gen.” Von der Atmo­sphä­re im Kiez ist der His­to­ri­ker begeis­tert: es sei toll zu sehen, wie die Kame­ru­ner Stra­ße, die an die gewalt­sa­me Kolo­ni­sie­rung Kame­runs durch Deutsch­land erin­nert, nun iro­ni­scher­wei­se von immer mehr Men­schen aus eben die­sem Land bewohnt wird. 25 000 Afri­ka­ne­rin­nen und Afri­ka­ner soll es inzwi­schen in Ber­lin geben und das Afri­ka­ni­sche Vier­tel in Ber­lin macht da kei­ne Aus­nah­me. Für die Ver­sor­gung mit afri­ka­ni­schen Lebens­mit­teln ist “Mon­sieur Ebe­ny” zustän­dig, der aus Kame­run stammt und in genau die­ser Stra­ße sei­nen Laden eröff­nen woll­te. Der groß gewach­se­ne Mann, der am liebs­ten Fran­zö­sisch spricht, ist stolz auf sei­nen Afri­ca Mar­ket in der Haus­num­mer 6 mit den knall­ro­ten Rega­len. Mit dem Ban­tou Vil­la­ge gibt es auch ein afri­ka­ni­sches Restaurant.

Eine ande­re Zeit­schicht, wie aus einer ande­ren Welt: in der Haus­num­mer 4 stand von 1955 bis 1964 das “Valencia”-Kino, mit einer beson­ders gro­ßen Lein­wand und einer unge­wöhn­li­chen Innen­ar­chi­tek­tur, bei der der Rang auf bei­den Sei­ten bis ins Par­kett gezo­gen war. Heu­te erin­nert nichts mehr an die­ses Licht­spiel­thea­ter, das das gro­ße Kino­ster­ben der Sech­zi­ger­jah­re nicht über­leb­te. Dafür ist neu­es Leben auf das Nach­bar­grund­stück ein­ge­zo­gen. Roy Dunn’s Wes­tern Store Lucky Star in der Kame­ru­ner Str. 3 ist seit über 30 Jah­ren einer der ältes­ten Läden im Kiez. Hin­ter der ori­gi­nel­len an eine Wes­tern­stadt erin­nern­den Fas­sa­de gibt es eine gro­ße Aus­wahl für Groß­stadt-Cow­boy-Acces­soires wie Stie­fel, Hem­den und natür­lich Cowboyhüte.

Ungewöhnliche Häufung von Manufakturen

Ironisch-verspielte Porzellan-ChihuahuasJe wei­ter man in die 700 Meter lan­ge Kame­ru­ner Stra­ße hin­ein­geht, des­to mehr unge­wöhn­li­che Läden fin­det man. Die­ser Teil des Wed­ding zieht der­zeit Men­schen gera­de­zu magisch an, die Din­ge von Hand her­stel­len oder Hand­werk­li­ches gestal­ten. Sol­cher­lei städ­ti­sche Ent­wick­lun­gen las­sen sich nicht auf die Schnel­le erklä­ren. “Ent­schei­dend für die Ansied­lung von Unter­neh­men der Krea­tiv­wirt­schaft ist immer, dass Gewer­be­räu­me zu bezahl­ba­rer Mie­te zur Ver­fü­gung ste­hen”, sagt Eber­hard Elfert, der im Novem­ber 2012 anläss­lich der “Wed­ding Works” Füh­run­gen zu den Manu­fak­tu­ren ange­bo­ten hat. Ein Kreis schließt sich: gera­de die­se neu­en Gewer­be­be­trie­be zie­hen in Räum­lich­kei­ten, die um 1900 eben­falls für Hand­werks­be­trie­be gedacht waren. Dass es sich hier­bei um Bau­ten des Jugend­stils han­delt, fällt auf­grund der in den sech­zi­ger Jah­ren abge­schla­ge­nen Fas­sa­den nicht direkt ins Auge.

Die Erzeugnisse der Kameruner Straße

Im Haus der feinen Kost, Kameruner Str. 14 (Foto: HDFK)

Eine außer­ge­wöhn­li­che Schmuck-Kol­lek­ti­on bie­tet die 30-jäh­ri­ge bul­ga­ri­sche Künst­le­rin Anna Kir­ya­ko­va in ihrem Show­room in der Kame­ru­ner Str. 8 an. Sie kom­bi­niert edle Mate­ria­li­en mit Kera­mik und erzeugt oft sehr fei­ne Ober­flä­chen­struk­tu­ren. Und gleich um die Ecke in der Lüde­ritz­stra­ße 13 wer­den Acces­soires aus Leder (Lee­ven­stein) und Figu­ri­nen aus Por­zel­lan in Hand­ar­beit hergestellt.

Edles wur­de vie­le Jah­re lang auch im Haus der fei­nen Kost in der Haus­num­mer 14 pro­du­ziert, näm­lich Ber­li­ner Dres­sing. Das ver­edelt Sala­te, Grill­gut oder ein Brot. Die unge­wöhn­li­chen Salat­dres­sings aus­schließ­lich aus Natur­pro­duk­ten wer­den vom Desi­gner Adam Mikusch selbst her­ge­stellt und auf Wochen­märk­ten ver­kauft. Und gleich neben­an, an der Ecke Togo­stra­ße, befin­det sich auch einer der weni­gen Bio­lä­den im Wedding.

Kleingärten am Ende der Straße

In Rich­tung Afri­ka­ni­sche Stra­ße wird die Kame­ru­ner Stra­ße immer locke­rer bebaut. Nur die Knei­pe Alt-Wed­ding in der Kame­ru­ner Str. 19 Ecke Gui­ne­a­stra­ße ver­mit­telt noch das Gefühl, dass man sich hier in einem typi­schen Ber­li­ner Kiez befin­det.  Am Ende der Stra­ße, wo nur noch Nach­kriegs-Zei­len­bau­ten ste­hen, wird es wie­der kolo­ni­al, dies­mal aber in Form einer Dau­er­klein­gar­ten­ko­lo­nie namens Kamerun.

Von den von eini­gen Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Kom­mu­nal­po­li­ti­kern gefor­der­ten Stra­ßen­um­be­nen­nun­gen im Afri­ka­ni­schen Vier­tel, gegen die sich zahl­rei­che Bewoh­ner aus­spre­chen, ist die Kame­ru­ner Stra­ße übri­gens nicht betrof­fen.  M.S. Mbo­ro, Vor­stand bei Ber­lin Post­ko­lo­ni­al e.V. wünscht sich: “Der Lern- und Erin­ne­rungs­ort Afri­ka­ni­sches Vier­tel soll den afri­ka­ni­schen Ber­li­ne­rin­nen und Ber­li­nern eines Tages die Mög­lich­keit geben, ihre eige­nen Geschich­ten zu erzäh­len.” Egal, wie die Debat­te über die Umbe­nen­nung von Stra­ßen aus­geht, wäre die his­to­ri­sche Ein­ord­nung der kolo­nia­len Stra­ßen­na­men mit Hil­fe von Zusatz­ta­feln und Info­ta­feln eine wich­ti­ge Etap­pe auf dem Weg zu einem kolo­nia­len Lern- und Gedenk­ort. In der lan­gen Geschich­te der Kame­ru­ner Stra­ße mit ihrer bun­ten Bewoh­ner­schaft und den vie­len inno­va­ti­ven Geschäfts­ideen wäre dies nur eine wei­te­re Facet­te. Und die Ber­li­ner wer­den wohl auch wei­ter­hin “Kame­ru­ner” beim Bäcker kau­fen, einen Hefe­teig-Krap­fen in Form einer Acht…