Eine neue Stadtteilvertretung für den Wedding

Am 06. November letzten Jahres fand sich im Rathaus Wedding eine wohlig gelaunte Mischung aus Anwohnern, Interessierten, Gewerbetreibenden sowie politisch Aktiven anlässlich der Neuwahl zur Stadtteilvertretung „mensch.müller“ zusammen.

Was aber ist eine Stadtteilvertretung?

Die ehrenamtlichen Stadtteilvertreter, 49 an der Zahl, agieren im Rahmen des Aktiven Zentrums und Sanierungsgebiet Müllerstraße. Das bedeutet, es ist ihre Aufgabe, die vom Land Berlin und Bezirksamt Mitte vorgegebenen Umsetzungsprozesse für die Neugestaltung der Müllerstraße und deren angrenzenden Kieze kritisch zu begleiten bzw. bei entsprechendem Bürgerbedarf ebenso auf sie einzuwirken.

Müllerstraße: Großer Boulevard mit Lackschäden

An der Müllerstraße ist der Lack ab

Die Müllerstraße, die über drei Kilometer lange, unangefochtene Hauptschlagader des Wedding, besitzt noch das Format einer Hauptstraße. Ihr bescheidener Anfang als Sandpiste zwischen Tegel und Berlin ist ihr jedenfalls nicht mehr anzusehen, Reste der ländlichen Bebauung vor den Toren Berlins gibt es auch nicht mehr. Wie so viele Magistralen anderer Weltstädte führt sie schnurgerade aus den Vororten direkt ins Herz der Innenstadt.

Weddingwoche #17: Gute Ideen scheitern beim Gebietsfonds am Geld

Es könnte eng werden, wenn der Eigenanteil nicht aufgebracht werden kann...
Es könnte eng werden, wenn der Eigenanteil nicht aufgebracht werden kann…

Das Jahr 2012 war ein gutes Jahr für das nachbarschaftliche Engagement rund um die Müllerstraße. Viele Aktivitäten wie zum Beispiel „Musik im Brüsseler Kiez“, eine Ausstellung der Gewerbetreibenden im Afrikanischen Viertel oder das interessante Technikprojekt „Windmühlen aus Waschmaschinen“, um nur einige zu nennen, konnten erfolgreich umgesetzt werden. Alle Projekte wurden aus dem Gebietsfonds für das „Aktive Zentrum Müllerstraße“ gefördert. Das sah so aus, dass nur 20% der Kosten von den engagierten Bürgern selbst aufgebracht werden mussten.
Ob 2013 auch ein gutes Jahr für solche Aktivitäten werden wird, scheint mir jedoch höchst fraglich zu sein. Denn in diesem Jahr wird von den Bewerbern erwartet, 50% des Budgets selbst aufzubringen. Das ist für viele kleine Initiativen zu viel.
Der „Runde Tisch Leopoldplatz“, ein Treffen von Initiativen, Organisationen und engagierten Bürgern rund um die Müllerstraße, sieht diese Entwicklung mit Sorge und hat aus diesem Grund einen offenen Brief an die Senatsverwaltung verfasst. Auf der Seite www.eigenanteil.bleibt.de kann der offene Brief eingesehen werden. Ich fände es jedenfalls schade, wenn gute Ideen für den Kiez schon von vornherein am Geld scheitern!

 

Die Weddingwoche ist eine wöchentliche Kolumne über aktuelle Ereignisse in unserem Stadtteil. Diese erscheint auch samstags im Berliner Abendblatt, Ausgabe Wedding.

Das Umfeld des Rathauses verändert sich

In den nächsten Jahren wird sich der Schwerpunkt der städtebaulichen Entwicklung des Aktiven Zentrums Müllerstraße an das Rathaus Wedding verlagern. Nachdem die Neugestaltung des Leopoldplatzes weitgehend abgeschlossen ist – es fehlt nur noch der Abschnitt vor der Alten Nazarethkirche –, wird nun der Platz um das denkmalgeschützte Hochhaus in Angriff genommen: Entlang der Brandwand auf der südlichen Seite wird eine neue bezirkliche Mittelpunktbibliothek entstehen, das Hochhaus wird saniert und zum Jobcenter werden. Und schließlich soll auch der Platz selbst neu gestaltet werden.

Noch in diesem Jahr wird dazu ein Wettwerb für Landschaftsarchitekten ausgelobt. Auf einem Planungsworkshop am 13. September hatten Anwohner und Anrainer die Gelegenheit, ihre Interessen darzulegen und so die Wettbewerbsbedingungen zu beeinflussen. Gekommen waren unter anderem die Präsidentin der Beuth-Hochschule, Monika Gross, und ihr Stellvertreter Hans W. Gerber. Sie traten entschieden für eine stärkere Anbindung der Hochschule an die Müllerstraße ein, die am Rathausplatz städtebaulich umgesetzt werden könne. Angstfreie Wege und freie Sichtachsen zum Campus der Beuth-Hochschule über den Platz hinweg waren ihre Hauptforderung, gegen die auch keiner der Anwesenden Widerspruch erhob. So sprachen sich fast alle für den Abriss des Übergangs zwischen Rathaus- Altbau und Hochhaus über die ehemalige Limburger Straße aus, denn die sogenannte »Beamtenlaufbahn« blockiert die Sichtachse. Auch der Leiter der künftigen Jobcenter-Dependance, Max Bischoff, schloss sich dieser Meinung an: der Übergang werde vom Jobcenter nicht gebraucht, das keine Räume im Altbau des Rathauses beansprucht.

Ideal für das Jobcenter wäre zudem eine Gestaltung des Platzes in seinem Eingangsbereich, die es ermöglicht, hier Aktionen wie Infobörsen von Arbeitgebern durchzuführen. Persönlich bedauerte Bischoff in diesem Zusammenhang, dass der ehemalige Weddinger BVV-Saal nach dem Umzug der Schillerbibliothek in die neue Mittelpunktbibliothek nach den gegenwärtigen Planungen des Jobcenters nur als Aktenarchiv genutzt werden soll – eine repräsentativere Nutzung etwa für solche Infobörsen hält er persönlich für sinnvoller.

Özlem Özmen-Eren, die Betreiberin des Cafés »Simit Evi« im Pavillon an der Müllerstraße, gab sich offen für eine Neuordnung des Platzes. Sie kann sich vorstellen, den Außenbereich ihres Cafés zum Beispiel zur Bibliothek hin zu öffnen, um zur Belebung dieses Platzteiles beizutragen.

Der Bereich vor der künftigen Mittelpunktbibliothek sollte nach den Vorstellung der Leiterin der Schiller-Bibliothek, Corinna Dernbach, möglichst ansprechend für Jugendliche gestaltet werden, wie z.B. durch eine »Halfpipe« für Skater oder Skateboarder.

Durchblick: Neues Rathaus und Neue Nazarethkirche

Weniger klar waren die Vorstellungen zum hinteren Rathausplatz Richtung Genter Straße. Hier befinden sich Grünanlagen, aber auch ein Parkplatz. Wenn in der Genter Straße Querparken eingeführt wird, könnte der zugunsten einer attraktiveren Platzgestaltung aufgegeben werden. Bernd Gellesch, der Betreiber des Wochenmarktes an der Genter Straße, erhob keine grundsätzlichen Einwände. Der Markt läuft derzeit sehr gut, ist voll und gilt in Berlin als Geheimtipp. Gellesch beabsichtigt aber nicht, ihn zu erweitern. Die angrenzenden Parkplätze seien zwar nützlich, vor allem für Kunden aus dem Gastronomiebereich, die auf dem Markt größere Mengen einkauften, aber für den Betrieb nicht unbedingt notwendig. In einer Verlegung des Marktes etwa auf die ehemalige Limburger Straße entlang des Rathaus-Altbaus konnte er keinen Vorteil erkennen: Das würde zu Konflikten führen, etwa wenn das Jobcenter hier eine Aktion durchführen wolle. Eine Verlegung in den Bereich unmittelbar hinter dem Hochhaus dagegen wäre akzeptabel, genauso wie ein Umzug in die Ostender Straße.

Das Aktive Zentrum wird nun einen Architektenwettbewerb zum Rathausplatz durchführen. Ähnlich wie beim Wettbewerb zum Neubau der Bibliothek wird es vor der Entscheidung der Jury, an der auch die Stadtteilvertretung beteiligt sein wird, noch einmal eine Veranstaltung mit Bürgerbeteiligung geben. Alle eingegangenen Architektenentwürfe werden dabei anonymisiert vorgestellt, die Anrainer und Anwohner erhalten die Gelegenheit, der Jury ihre Meinung zu den Entwürfen in offener Diskussion kundzutun.

Christof Schaffelder

Diesen und andere interessante Artikel finden Sie in der Sanierungszeitschrift Ecke Müllerstraße. Diese erhalten Sie in Geschäften und Institutionen an der Müllerstraße oder zum Download auf dieser Website. 

Gut für den Senat, schlecht für den Standort Wedding

Neues und altes Rathaus Wedding

Der Senat hat entschieden. Und es sprechen sicher gute Gründe dafür, das Jobcenter in das demnächst leerstehende Hochhaus am Rathaus Wedding einziehen zu lassen, wie an dieser Stelle bereits berichtet. Die vom Bund finanzierte Agentur für Arbeit kann es sich – ganz im Gegensatz zum zweiten Interessenten, der landeseigenen Beuth-Hochschule, – leisten, eine Beteiligung von vier Millionen Euro an den Sanierungskosten für den maroden Turm beizusteuern. Doch für den Stadtraum rund um das Rathaus ist es eine fatale Entscheidung, meinen nicht nur die Bezirkspolitiker. Die das Sanierungsgebiet Müllerstraße betreuende Stadtplanerin Susanne Jahn nennt es klipp und klar ein falsches Signal. Immerhin bemühen sich viele Beteiligte seit Jahren um eine Belebung des Gebiets rund um den Leopoldplatz. Auch Mitglieder der Stadtteilvertretung Müllerstraße fühlen sich durch diese Entscheidung in ihren bisherigen Bemühungen zur Stärkung des Ortsteils übergangen: „Die angestoßene Entwicklung der Müllerstraße kann nachhaltig geschädigt werden“, schreibt ein Mitglied in einem Flugblatt, das bei einer öffentlichen Sitzung verteilt wurde.

Es geht aber nicht nur darum, dass das Straßenbild anders aussieht, wenn statt Studenten eher die Kunden des Jobcenters den Rathausvorplatz bevölkern. Für die mit akuter Raumnot kämpfende Beuth-Hochschule steht jetzt nämlich der ganze Traditionsstandort im Wedding in Frage. Ohne Erweiterungsperspektive muss sie sich wohl auf einen Komplettumzug einstellen. Dafür böte sich an, den ab Juni leerstehenden Flughafen Tegel in die engere Wahl zu ziehen, quasi als Kompensation für den Bedeutungsverlust des Bezirks Reinickendorf.

Es wird auf diese Art zwar keinen dauerhaften Leerstand des Rathaus-Hochhauses geben. Die Idee eines Bildungsbandes, das sich die Planer für das Aktive Zentrum Müllerstraße an dieser Stelle erdacht haben, ist aber nun in mehrfacher Hinsicht in Gefahr.