In einer Stadt wie Berlin vergeht die Zeit normalerweise wie im Flug, aber 40 Jahre sind für ein Theaterhaus doch eine Zeit, mit der sich Bücher füllen ließen, und auf die es sich zurückzublicken lohnt. Genau das ist das Programm der kommenden Tage im ATZE in der Luxemburger Straße. Vier Jahrzehnte Musiktheater für Kinder und Familien, das ist für uns ein Grund zum Feiern.

Gegründet als reines Band-Projekt Mitte der 80er Jahre von Liedermacher Thomas Sutter, spielte die ATZE Band in den ersten Jahren Musikprogramme für Kinder, die diesen neben Spaß, Unterhaltung und Mitmachliedern auch eine unterstützende Stimme bei Fragen des Alltags sein sollten: Ob Streit in der Familie, mit Geschwistern oder Probleme in der Schule: ATZE als „großer Bruder und Freund“ gehörte damals schon zur Identität des Betriebs, der dann Mitte der 90er Jahre als Musiktheater-Institution im Wedding Fuß gefasst hat. Kinder „an die Hand nehmen“, war damals schon Programm, wie der bis heute aktive Theaterleiter Thomas Sutter sagt: „Ich sah meine Arbeit mit und für Kinder immer auch als politische Arbeit… wir hatten schon in den 90ern ein Programm mit dem Titel ‚Ich will nicht, dass die Erde stirbt‘. Man musste wahrlich kein Prophet sein, um damals schon zu wissen, was da auf uns zukommen wird“.


Politisch und ermutigend für Kinder, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, ist die Arbeit am ATZE bis heute, daran hat sich nichts verändert. Zwar gibt es eine Reihe an bekannten Unterhaltungs-Klassikern, die bis heute Teil des großen Repertoires sind (Seit der neuesten Premiere ganze 40 Stücke), wie etwa Emil und die Detektive, Steffi und der Schneemann, Eine Woche voller SAMStage, ein wichtiger Teil des Programms zielt aber darauf ab, politische Themen früh zu fördern und das junge Publikum für drängende gesellschaftliche Komplexe zu sensibilisieren. Die Stimmen der Kinder sollen ernst genommen werden. Ob Produktionen zum Schwerpunkt Klimawandel (No Planet B, Konferenz der Tiere), Mobbing (Das Huhn lügt, Ich bin Vincent und ich habe keine Angst) oder der Umgang mit häuslichen Gewalterfahrungen (Heute Nacht um 03.34 Uhr): Dem ATZE ist erstmal kein Thema zu groß, um es für ein junges Publikum altersgerecht zu bearbeiten.

„Wir sind ein Familientheater: Denn ich kann nicht über Kinder etwas erzählen, ohne auch etwas über Eltern, also die Erwachsenen zu erzählen. Von daher ist das Theater, das wir machen, immer an alle Generationen gerichtet.“ (Thomas Sutter, Theaterleitung)
Der Musik-Schwerpunkt bildet natürlich eine Hauptachse für die Stoffe und spannt in allem den Bogen, sei es in Produktionen für das jüngste Publikum mit ersten Theater-Erfahrungen bis hin zu Besucher*innen im Oberschulalter. Die Geschichten sind für uns erstmal für alle da, sie müssen nur richtig erzählt werden, so dass alle sie verstehen können. Konsequenterweise bieten wir seit kurzem ausgewählte Stücke wie etwa die Beethoven-Biografie oder die Lesungs-Performance Die Verwandlung auch für Abendprogramm-Termine an. Nicht nur, aber auch für Erwachsene.

À propos „in die Hand nehmen“: Mit diesem Jahr haben wir im ATZE bereits zum zehnten Mal das „Junior-Barcamp“ ausgerichtet, ein Format wo das Theater zur Bühne für echte Mitbestimmung wird. Unter dem Motto „Stimme der Zukunft“ kommen hier jedes Jahr bis zu vier Schulklassen zusammen, um eigenständig ihre Themen in kleineren Gruppen zu bearbeiten und ihre Forderungen und Wünsche an anwesende Politiker*innen zu richten – ein Austausch auf echter Augenhöhe, wie uns dieses Jahr noch einmal neu bewusst wurde.

Doch auch über den Wedding hinaus wollen wir unser Programm weiter in die Stadt tragen: Mit dem Luftschloss gibt es seit 2023 eine Open Air Bühne (Kapazität bis zu 400 Personen), die von Mai bis September auf dem Tempelhofer Feld einen Raum für Künstler*innen, Kulturinteressierte und das breite Berliner Publikum bietet. Das hauseigene ATZE-Programm für Kinder, Jugendliche und Familien wird dabei ergänzt von Gast-Theaterproduktionen für jung und alt, Konzerten, Tanz-Performances, Comedy-Slams und vielem mehr – Kultur für alle eben!
„Vor 40 Jahren glaubten wir daran, mit Theater ein humanistisches menschenfreundliches und gleichberechtigtes Miteinander dauerhaft verankern zu können. Wir glaubten, dass Theater diese Kraft hat. Nun müssen wir leider eingestehen, dass dies unter Berücksichtigung der augenblicklichen gesamtpolitischen Lage wohl ein Fehlglaube war. Sollen wir deshalb aufhören, politisches Theater zu machen? Nein. Ganz im Gegenteil. Jetzt erst recht sind wir aufgefordert, das Theater wieder politischer zu gestalten.“ (Thomas Sutter, Theaterleitung)
Und wie weiter? Wir im ATZE freuen uns in erster Linie über den großen Zuspruch in der Stadt, über die ersten 40 Jahre und sind gespannt auf alles, was noch vor uns steht. Und natürlich sind wir mehr als gespannt auf die Feierlichkeiten bei uns im Haus.

Im Rahmen des 40. Jubiläums findet am Freitag, 28. November für geladene Gäste eine Gala-Veranstaltung unter dem Motto „Lieder und Geschichten aus vier Jahrzehnten“ im ATZE Musiktheater statt.
Am 29. November veranstalten wir von 13 bis 17 Uhr einen öffentlichen Familientag mit einem bunten Theater- und Mitmachprogramm. Der Eintritt ist frei.
Luxemburger Straße 20, 13353 Berlin, atzeberlin.de
Text: Andreas Peters, ATZE

