„Spurensuche Armer Wedding“ – Erinnerungsorte der Armut

Denk­mal an der Stel­le der Schrippenkirche

Wie wohn­ten die Men­schen in „Mey­ers Hof“? Wer ging in die „Schrip­pen­kir­che“? Und an wen konn­ten sich obdach­lo­se Frau­en um 1900 wen­den? Die „Ber­li­ner Spu­ren­su­che“ lud am 15. August 2020 zu einer Füh­rung zur Geschich­te der Armut im Wed­ding an. Ein Dut­zend Inter­es­sier­te kamen, um sich bei schöns­tem Son­nen­schein vom His­to­ri­ker Ste­fan Zoll­hau­ser über das Leben armer Men­schen, über soli­da­ri­sches Mit­ein­an­der und Erin­ne­rungs­or­te der Armut infor­mie­ren zu las­sen. Unse­re Autorin war dabei.

Elende Wohnquartiere in den Aufbruchjahren der Industrialisierung

Ste­fan Zollhauser

Aus­gangs­punkt der zwei­stün­di­gen Tour war die Acker­stra­ße, in unmit­tel­ba­rer Nähe des „Doku­men­ta­ti­ons­zen­trums Ber­li­ner Mau­er“. Der Name der Stra­ße und auch angren­zen­de Stra­ßen­na­men wie Feld­stra­ße und Gar­ten­stra­ße wei­sen dar­auf hin, dass Ber­lin vor 150 Jah­ren an die­ser Stel­le noch Stadt­rand und von Land­wirt­schaft geprägt war. Der gewon­ne­ne Krieg gegen Frank­reich 1870/1871 hat­te Ber­lin zur Reichs­haupt­stadt gemacht. Mehr und mehr Fir­men der Schwer­indus­trie sie­del­ten sich in der Rand­la­ge an. Bau­land war hier noch erschwing­lich und die Unter­neh­mer tra­fen auf ein mit Kanä­len und einer Ring­bahn gut aus­ge­stat­te­tes Ver­kehrs­sys­tem. Die Indus­trie wie­der­um zog die arme Bevöl­ke­rung aus dem Umland an und die Zuge­zo­ge­nen benö­tig­ten drin­gend Woh­nun­gen. Der Tex­til­fa­bri­kant Jaques Mey­er errich­te­te in den 1870er Jah­ren in der Acker­stra­ße 132 einen aus meh­re­ren Wohn­blocks bestehen­den Miets­ka­ser­nen­kom­plex, in dem bis zu 2.000 Bewoh­ner erbärm­lich leb­ten. Eine Foto­do­ku­men­ta­ti­on der All­ge­mei­nen Orts­kran­ken­kas­se (AOK) offen­bar­te 1918 die noch immer bestehen­den, unhalt­ba­ren Zustän­de der „Mey­ers Höfe“: win­zi­ge, dunk­le, völ­lig über­leg­te Räu­me mit feuch­ten Wän­den. Die Bewoh­ner teil­ten sich nicht nur gemein­sa­me Kor­ri­do­re, son­dern auch die weni­gen Außen­toi­let­ten. Da die man­gel­haf­ten hygie­ni­schen Ver­hält­nis­se ver­mehrt zu Lun­gen­krank­hei­ten führ­ten, for­der­te die AOK den Staat, der selbst kei­nen Woh­nungs­bau betrieb, auf, Abhil­fe zu schaffen.

Sozialer Wohnungsbau in der Weimarer Republik

Erst­mals in der Wei­ma­rer Repu­blik trat der Staat als Akteur des sozia­len Woh­nungs­baus auf: er erhob eine Son­der­steu­er für Immo­bi­li­en­be­sit­zer. Die­se Steu­er­mit­tel wur­den in den 1920er Jah­ren unter ande­rem für die Errich­tung der Schil­ler­park-Sied­lung im Wed­ding ver­wen­det, die heu­te zum UNESCO-Welt­erbe gehört. Wirt­schaft­li­che Kri­sen im Deut­schen Kai­ser­reich führ­ten immer wie­der zu Arbeits­lo­sig­keit. Arbeits­lo­se ver­lo­ren schnell ihre arm­se­li­gen Behau­sun­gen. Damit die Betrof­fe­nen wenigs­tens ihre Möbel vor der Pfän­dung durch den Ver­mie­ter ret­ten konn­ten, boten Nach­barn ihre Woh­nun­gen für das Abstel­len der Hab­se­lig­kei­ten an. Auf dem Höhe­punkt der Wirt­schafts­kri­se 1932/33, als beson­ders vie­le Men­schen arbeits­los waren, tra­ten die Bewoh­ner der Mey­ers Höfe in den Streik. Sie for­der­ten eine Sanie­rung der Woh­nun­gen und eine Miet­re­du­zie­rung. Im Zwei­ten Welt­krieg wur­den meh­re­re Gebäu­de der Wohn­an­la­ge zer­stört. Noch vor­han­de­ne Häu­ser wur­den 1972 abge­ris­sen und auf dem Gelän­de Neu­bau­ten errich­tet. Eine Gedenk­ta­fel, die an die Geschich­te der Bewoh­ner erin­nert, gibt es nicht.

Aktivitäten gegen Obdachlosigkeit – Christliche und bürgerliche Wohltätigkeit

Nur weni­ge Meter wei­ter, an der Acker­stra­ße 52 und der Acker­stra­ße 136/137, gibt es hin­ge­gen gleich zwei Gedenk­ta­feln und zwei Skulp­tu­ren, die an die barm­her­zi­gen Akti­vi­tä­ten des pro­tes­tan­ti­schen Jour­na­lis­ten Con­stan­tin Lie­bich (1847–1928) und des vom ihm 1882 gegrün­de­ten „Ver­eins Dienst an Arbeits­lo­sen“ erin­nern. Die Betrof­fe­nen erhiel­ten Andacht und Früh­stück, bestehend aus einer Tas­se Kaf­fee und 2 Schrip­pen (Bröt­chen). 1900 zog der Ver­ein, inzwi­schen stadt­weit unter dem Namen „Schrip­pen­kir­che“ bekannt und von hun­der­ten Men­schen täg­lich besucht, in die Acker­stra­ße 52. Im Zwei­ten Welt­krieg wur­de das Haus zer­stört. Das heu­ti­ge mit der Bezeich­nung „Schrip­pen­kir­che“ benann­te Gebäu­de an der Acker­stra­ße 136/137 umfasst eine Wohn­stät­te für Men­schen mit Behin­de­run­gen und ein Integrationshotel.

Von der Acker­stra­ße ging es über die Max-Urich-Stra­ße und die Hus­si­ten­stra­ße vor­bei am rie­si­gen Are­al, das einst der AEG gehör­te, die in Ber­lin seit den spä­ten 1880er Jah­ren vor allem Moto­ren, Tur­bi­nen und Loko­mo­ti­ven pro­du­zier­te. Auf dem Gelän­de arbei­te­ten damals mehr als 4.000 Män­ner und Frau­en 12 Stun­den am Tag und sechs Tage in der Woche. Wer arbeits­los wur­de, stand bald auch ohne Woh­nung da. Libe­ra­le und sozi­al­de­mo­kra­tisch enga­gier­te Per­sön­lich­kei­ten aus der Ber­li­ner Bür­ger­schaft nah­men sich der obdach­lo­sen Men­schen an: 1868 grün­de­ten der Indus­tri­el­le August Bor­sig (1829–1878), der Arzt Rudolf Virchow (1821–1902) und der Mit­be­grün­der der SPD, Paul Sin­ger (1844–1911) gemein­sam mit wei­te­ren Bür­gern den „Ber­li­ner Asyl­ver­ein für Obdach­lo­se“, der 1897 die „Wie­sen­burg“ errich­ten ließ.

Die „Wiesenburg“ – Leuchtturm der Obdachlosenbetreuung um 1900

Wir erreich­ten die bau­li­chen Über­res­te des ehe­ma­li­gen Asyl-Kom­ple­xes, der heu­te Stand­ort für krea­ti­ve und sozia­le Pro­jek­te ist, nach einem Spa­zier­gang, der uns am S‑Bahnhof Hum­boldt­hain und über den Spiel­platz an der Kol­ber­ger Stra­ße an die Pan­ke führ­te. Die archi­tek­to­nisch auf­fäl­li­ge Anla­ge bot einst­mals 700 Män­nern, ab 1907 auch 400 Frau­en, Platz zum Waschen, Schla­fen und Essen. Das Asyl wur­de über die Lan­des­gren­zen hin­aus für sei­ne moder­ne Aus­stat­tung bekannt. Die Poli­zei hat­te, anders als in städ­ti­schen Ein­rich­tun­gen, kei­nen Zutritt. Heu­te steht die Rui­ne unter Denk­mal­schutz; eine hin­ter einem Rosen­busch ver­bor­ge­ne Gedenk­ta­fel erin­nert an die frü­he­re Nut­zung. Vie­le Stra­ßen und Denk­mä­ler in Ber­lin erin­nern an Gene­rä­le und Schlach­ten. War­um, frag­te Ste­fan Zoll­hau­ser zum Abschluss der Tour, gibt es eigent­lich so weni­ge Erin­ne­rungs­or­te, die an das leid­vol­le Leben armer Män­ner und Frau­en und an ihre Soli­da­ri­tät erin­nern? Eine Fra­ge, die über einen Kiez­spa­zier­gang an einem schö­nen Som­mer­tag hinauswirkt.

Wei­te­re Ter­mi­ne auf der Website

Quel­len:

https://www.deutschlandfunk.de/geschichte-auf-dem-pruefstand-debatte-ueber-historische.724.de.html?dram:article_id=475892 [Stra­ßen­na­men]

https://de.wikipedia.org/wiki/Meyers_Hof; https://www.berlinstreet.de/5563

http://www.trend.infopartisan.net/trd0513/t040513.html [Mie­ter­streik]

https://de.wikipedia.org/wiki/Schrippenkirche

https://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/liste_karte_datenbank/de/denkmaldatenbank/daobj.php?obj_dok_nr=09030287 [Schil­ler­park-Sied­lung]

https://www.unesco.de/kultur-und-natur/welterbe/welterbe-deutschland/siedlungen-der-berliner-moderne

https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Asylverein_f%C3%BCr_Obdachlose

https://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/liste_karte_datenbank/de/denkmaldatenbank/daobj.php?obj_dok_nr=09030335


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