Mastodon

Eingabehilfen öffnen

Spätibetreiber im Wedding:
Splitter, Schreck und offene Fragen

Explosion vor Späti: Rätselraten im Malplaquetkiez
5. Juli 2026
1

Nachts um 2 Uhr erschüttert ein Knall den Malplaquetkiez. Es klingt wie ein extrem lauter Böller – nur mit einer Druckwelle, die noch Straßen weiter zu spüren ist. Zwei Zeugen, die an der Ecke sitzen, haben den Schreck auch Tage danach noch in den Knochen, wollen sich später aber nicht öffentlich äußern. Die Alarmanlagen geparkter Autos heulen los. Schnell ist die Polizei aus dem nahen Abschnitt 17 vor Ort. Der Kiez ist aus dem Schlaf geschreckt.

Das Team vom Bonbonwasser

Schon am nächsten Tag berichten Zeitungen, vor einem Späti sei eine Handgranate explodiert. Auch von möglicher Schutzgelderpressung ist die Rede. „Alles Quatsch“, sagt der Betreiber des Bonbonwasser – so heißt der betroffene Späti – gegenüber dem Weddingweiser. Denn die Explosion, sagt er, sei nicht aus dem Nichts gekommen. Sie habe eine Vorgeschichte.

„Ich saß hinter der Theke, da kommt ein komplett maskierter Typ herein“, erzählt Bonbonwasser-Mitarbeiter Mohammed. Der Maskierte bedroht den Späti-Verkäufer mit Pfefferspray. Der 20-Jährige ist so geschockt, dass er sogar vergisst, den Alarmknopf zu drücken. Es geht schnell vorbei: Denn als der Mann auf Englisch nach dem „Boss“ fragt, der aber nicht da ist, verschwindet er wieder.

Der „Boss“, das ist Habib. Mit der Übernahme des Spätis Bonbonwasser im November hat sich der 32-Jährige einen Kindheitstraum erfüllt. Der Laden war schon der Kiosk seiner Kita- und Schulzeit. Habib ist in der Gegend aufgewachsen und sagt, dass er sich mit den anderen Geschäftsleuten auf der Straße gut verstehe.

Einschusslöcher an der Außenwerbung

Doch kurz zuvor habe es bereits einen Angriff gegeben. Habib erzählt, er habe einen Kollegen in der Amsterdamer Straße getroffen, als ein schwarz gekleideter Mann mit maskiertem Gesicht auftauchte. Der Mann, etwa 1,70 Meter groß, habe beiden Späti-Besitzern Pfefferspray ins Gesicht gesprüht. „Das hat höllisch gebrannt“, sagt Habib. Trotzdem habe er noch filmen können, wie der Maskierte flüchtete. Auf einem unscharfen Video ist ein Mann in schwarzer Kapuzenjacke zu sehen, der davonrennt.

Auch von wiederholten Anzeigen berichtet Habib. Er hatte vor dem Späti Blumenkübel aufgestellt – allerdings, bevor dafür eine behördliche Genehmigung vorlag. „Die Gebührenbescheide und Mahnungen haben mich nicht erreicht“, sagt er. Sein Briefkasten im Haus sei immer wieder aufgebrochen worden. Nur der letzte Brief mit einer Strafe von 900 Euro sei angekommen. Da sei es bereits zu spät gewesen, um noch mit dem Amt zu sprechen.

Habib vermutet wegen dieser vielen kleinen Schikanen Missgunst in der Nachbarschaft. Von den in der Presse aufgestellten Vermutungen distanziert er sich: „Das mit dem Schutzgeld ist jedenfalls Quatsch – damit würde ich mich doch nicht an die Öffentlichkeit wenden.“

Die Explosion

In der Nacht von einem Sonntag auf einen Montag ereignet sich die bislang schwerste Eskalation. Der Späti hat bereits geschlossen, niemand ist mehr im Laden, als kurz nach 2 Uhr nachts ein Stein in die Scheibe geworfen wird. Die innere der Doppelscheibe hält stand, der Pflasterstein prallt zurück auf den Straßenrand. Kurz darauf explodiert vor dem Geschäft ein Sprengkörper.

Nach Habibs Darstellung handelt es sich um eine selbstgebaute Splittergranate. Sie explodiert auf einer Bodenplatte etwa einen Meter vor dem Späti und richtet in der Umgebung erheblichen Schaden an. Überall sind kleine Löcher von Splittern zu sehen: in der Außenwerbung des Spätis, am Balkon darüber, in der Haustür des Wohnhauses. Die Splitter werden durch die Druckwelle weit durch die Straße geschleudert, zahlreiche Autos werden beschädigt. Sogar die Heckscheibe eines Mercedes, der hinter einer begrünten Verkehrsinsel geparkt ist, zerspringt. Einige Fahrzeuge sind so schwer getroffen, dass von Totalschaden die Rede ist. Menschen kommen wie durch ein Wunder nicht zu Schaden. Die Polizei habe die Reste der Granate mitgenommen, sagt Habib. Die Steinplatte im Gehsteig wurde inzwischen ausgetauscht.

In dem Haus, in dem sich der Späti befindet, gibt es auch ein Büro des Deutschen Kinderschutzbundes. Und eine Kita nutzt die beschädigte Tür als Eingang – man kann sich vorstellen, wie schockiert die Eltern am Montagmorgen waren, als sie die lädierte Tür sahen. Die Polizei sucht inzwischen mit Handzetteln nach dem Täter. Möglich sei auch, dass er durch die Wucht der Explosion selbst verletzt wurde.

„Ich möchte hier nur eine lebendige, bunte Nachbarschaft haben“, sagt Habib. Er versteht nicht, was jemand gegen seinen Späti haben könnte. Die Bewohner seines Hauses hätten sich nach der Explosion solidarisch gezeigt. „Keiner macht mir einen Vorwurf“, berichtet er.

Habib weiß, dass der Späti vor seiner Zeit im Kiez kein ganz unbeschriebenes Blatt war, mit entsprechend schlechtem Ruf. Mit dieser Vergangenheit wolle er aber nichts zu tun haben. Er sei junger Familienvater, im Wedding aufgewachsen und habe kein Interesse an krummen Geschäften.

Unklar, wer dahintersteckt

Zwei Wochen nach der Explosion bleiben viele Fragen offen. Wer steckt hinter den Angriffen? Warum wurde eine Tat in Kauf genommen, bei der Menschen hätten verletzt werden können und erheblicher Sachschaden entstand? Ob möglicherweise auch ein fremdenfeindliches Motiv eine Rolle spielt, kann Habib nur vermuten, nicht belegen. „Ich habe eine deutsche Schwiegerfamilie, ich bin hier aufgewachsen“, sagt er. Das multikulturelle Miteinander sei für ihn eine der großen Stärken des Wedding.

Doch im Moment häufen sich die Angriffe auf Ladenlokale, meist nach Ladenschluss. Das Klima scheint auch im Wedding rauer zu werden. Für ganz Berlin hat die LKA-Sonderkommission „Ferrum“ die Ermittlungen übernommen, so auch in diesem Fall. Vielleicht findet die Polizei ja den wahren Grund für den Anschlag heraus.

So leicht scheint sich Habib nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. „Vergraulen lassen will ich mich durch die Angriffe nicht“, sagt Habib. Zumindest sein Lachen strahlt Zuversicht aus.

Fotos: Andaras Hahn

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

1 Comment Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

nachoben

Auch interessant?