Sind Künstlerinnen und Künstler systemrelevant?

Künstlerin Susanne Haun im Atelier (c) Susanne Haun
Susan­ne Haun im Ate­lier © Susan­ne Haun

Sys­tem­re­le­vanz – ein Wort, von dem wir noch vor einem Jahr nicht ermes­sen konn­ten, wel­che Bedeu­tung es haben wür­de, ist nun aus dem täg­li­chen Sprach­ge­brauch nicht mehr wegzudenken.

Neh­men wir das Wort aus­ein­an­der, so kön­nen wir Rele­vanz als wich­tig und bedeu­tend defi­nie­ren. Die Defi­ni­ti­on eines Sys­tems ist nicht ganz so ein­fach.  Eine Fami­lie ist ein Sys­tem. Ein klei­ner Kos­mos, wo jedes Mit­glied Auf­ga­ben zu erfül­len hat, damit der Haus­halt funk­tio­niert. Im Gro­ßen gedacht, sind Sys­te­me Staa­ten, Ver­ei­ne, Berufs­grup­pen und vie­les mehr, was Struk­tur und Orga­ni­sa­ti­on benö­tigt, um zu funktionieren.

Auf der Sei­te des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Arbeit und Sozia­les fin­det sich eine Lis­te der sys­tem­re­le­van­ten Berei­che. Kunst und Kul­tur fan­den kei­nen Ein­gang auf die­se Lis­te und schei­nen somit nicht systemrelevant.

Im Tages­spie­gel vom 16.4.20 fin­det sich ein Zitat von Richard von Weizsäcker:

Denn Kul­tur ist kein Luxus, den wir uns leis­ten oder auch strei­chen kön­nen, son­dern der geis­ti­ge Boden, der unse­re eigent­li­che inne­re Über­le­bens­fä­hig­keit sichert.“

Folgt man die­ser Argu­men­ta­ti­on kommt man schnell zu dem Schluss, dass Künstler*innen auf der Lis­te der sys­tem­re­le­van­ten Berei­che gehörten.

Künst­le­rin­nen und Künst­ler regen mit ihren Arbei­ten und neu­en Denk­wei­sen die Men­schen an, sel­ber neue Gedan­ken in der eige­nen Arbeit im eige­nen Leben zu fin­den. Sie gehen neue Wege neben dem Main­stream, die inspi­rie­rend wir­ken und auch in ande­ren Berufs­zwei­gen Ideen für Neue­run­gen aufzeigen.

Den­ken wir nur an die vie­len neu­en For­ma­te, die durch Künst­le­rin­nen und Künst­ler das Leben in der Covid-19 Zeit berei­chert haben. Die Bal­kon­kon­zer­te oder die Über­tra­gung des Sing dela Sing For­ma­tes im vir­tu­el­len Raum sind zu nen­nen. Aus­ge­wähl­te Lie­der wur­den über Han­dy-Vide­os von den Mit­wir­ken­den in ihren Woh­nun­gen auf­ge­nom­men, von Tech­ni­kern zusam­men­ge­schnit­ten und ver­mit­teln­den so das Gefühl von gemein­sa­men Gesang. Wäh­rend der Aus­strah­lung sah man in glück­li­che sin­gen­den Gesich­ter. Kunst macht folg­lich glück­lich und ist das nicht schon ein guter Grund, sie als Sys­tem­re­le­vant zu klassifizieren?

Kunst ist eine Form des poli­ti­schen Aus­drucks. Das Pro­du­zie­ren, Kon­su­mie­ren und Ver­brei­ten von Kunst ist ein rele­van­ter Teil demo­kra­ti­scher Teilhabe.

Auf Wahl­pla­ka­ten und Schil­dern, die bei Demons­tra­tio­nen hoch­ge­hal­ten wer­den, fin­den sich neben der Schrift Bil­der. Klei­ne Pik­to­gram­me, Logos, weis­sen schon auf eine poli­ti­sche Rich­tung hin, Smi­leys kön­nen Zustim­mung oder Ableh­nung ver­mit­teln. Mit weni­gen Lini­en kön­nen Inhal­te über­tra­gen wer­den. Bei der Viel­zahl an ver­schie­dens­ter Demons­tra­tio­nen soll­te man die Kunst als Trans­port­mit­tel von Gedan­ken nicht unterschätzen.

Neue For­ma­te sind am ent­ste­hen. Künst­le­rin­nen und Künst­ler sind erfin­de­risch: Pod­casts zur Kunst, der Pod­cast als eige­nes Kunst­werk, VR Rea­li­ty und digi­ta­le Ausstellungseröffnungen.

Vie­le Künst­le­rin­nen und Künst­ler gehen mit Mut die­se neu­en Wege auch, wenn damit teu­re Inven­s­ti­tio­nen in digi­ta­le Tech­nik ver­bun­den sind. Es ist nicht zu ver­ges­sen, auch die­ser krea­ti­ve, selbst­stän­dig arbei­ten­de Berufs­zweig zahlt Mie­te, Kran­ken- und Ren­ten­ver­si­che­rung und möch­te essen. Noch gibt es kei­ne Zah­len, ob sich die Inves­ti­tio­nen loh­nen und auf vir­tu­el­len so vie­le Bil­der ver­kauft wer­den wie auf rea­len Vernissagen.

Beim Betrach­ten eines Kunst­wer­kes wer­den Gefüh­le wie Wär­me, Zustim­mung, Ableh­nung und Auf­for­de­rung zur Dis­kus­si­on an die Ober­flä­che gebracht. Der Lock­down war gera­de für Sin­gles und Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner von Pfle­ge­ein­rich­tun­gen eine Zeit ohne Umar­mung, in der sie in Kunst und Kul­tur Trost fan­den. Hun­der­te Zeich­ner äußern sich z.B. auf der Inter­net­sei­te Illus­tra­to­ren gegen Coro­na und der WDR stärkt Eltern mit einem täg­li­chen, ein­stün­di­gen Pod­cast mit der Maus den Rücken.

SusanneHaun_Werkschau-2013-2020_Cover
SusanneHaun_Werkschau-2013–2020_Cover

Ich selbst bin Künst­le­rin. Es ist nicht ein­fach, in Zei­ten von Covid-19 sicht­bar zu blei­ben. Mei­nen vier­tel­jähr­li­chen sehr gut besuch­ten Kunst­Sa­lon in mei­nem Wed­din­ger Ate­lier muss­te ich absa­gen. In der ers­ten Zeit des Lock­downs habe ich den Ent­schluss gefasst, die ver­an­stal­tungs­freie Zeit zu nut­zen, um einen Aus­zug mei­nes Werk­ver­zeich­nis­ses zur Publi­ka­ti­on vor­zu­be­rei­ten und so mei­nem Publi­kum die Mög­lich­keit zu geben auf kon­ven­tio­nel­le Wei­se in den Kunst­ge­nuss mei­ner Arbei­ten zu kom­men. Die Bro­schü­re Susan­ne Haun Werk­schau 2013 – 2020 ist im Dezem­ber im Eich­hörn­chen­ver­lag erscheinen.

Web­site von Susan­ne Haun, E‑Mail, 0177 232 80 70

Susanne Haun

Susanne Haun studierte Kunstgeschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Seit 2002 ist sie als Bildende Künstlerin und Autorin in Berlin aktiv.
Von 1993-2005 arbeitete sie als Systemanalytikerin und Entwicklerin für verschiedene ARD Sendeanstalten.

Als Autorin veröffentlicht sie seit März 2009 täglich Beiträge zur eigenen Kunst und Kunstgeschichte in ihrem Blog www.susannehaun.com und interagiert dort sowie auf weiteren Social Media Plattformen mit über 12.000 Follower. Zudem unterhält Susanne Haun einen Kunstsalon in ihrem Atelier. Hier werden regelmäßig aktuelle Themen zur Kunst von geladenen Gästen referiert und diskutiert.

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