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Schmerzlinderung durch palliative Versorgung:
Schmerz, lass nach! Wo keine Hilfe, da soll Linderung sein

19. Februar 2026

In den vergangenen Jahrzehnten wurden Gesetze für die Versorgung bei chronischer Krankheit, Pflegebedürftigkeit und beim Altern eingeführt, die in den Sozialgesetzbüchern geregelt und ergänzt wurden. So ist die Schmerzlinderung (die Palliativversorgung) ein Herzstück der Begleitung von chronisch und unheilbar Kranken, ob jung oder alt, geworden. Es gibt Home Care e.V., ein Verein, der auch im Wedding aktiv ist und neben anderen Aufgaben die pflegenden An- und Zugehörigen berät und schult.

Ich führte dazu mit Ulla Rose, die Geschäftsführerin von Home Care e.V. Berlin, ein ausführliches Gespräch, nachdem wir uns Mitte November 2025 auf einer Benefiz-Matinee: Märchen vom kleinen und großen Tod mit Dr. A. Hirsch in der Schwartz’schen Villa in Steglitz kennengelernt hatten.

Frau U. Rose, GF der Home Care Berlin e.V. Mitte November 2025

weddingweiser.de Frau Rose, Sie sind Geschäftsführerin des Vereinsbereichs Home Care Berlin. Wie lange sind Sie schon dabei und was ist Ihre stärkste Motivation dazu?

Frau Rose Als Geschäftsführerin bei Home Care Berlin e.V., dem Verein zur Förderung der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung, bin ich seit 2021 tätig. Aber mit dem Thema der Begleitung am Lebensende habe ich mich schon mein ganzes Leben lang beschäftigt. Die Tätigkeit bei Home Care Berlin ist sehr vielseitig.

Wir vertreten die Anliegen der ambulanten Palliativversorger in der Stadt, bieten Beratung, halten Vorträge und schulen Laien und Profis. Bei allem, was wir tun, geht es letztendlich darum, dass es einem Menschen in einer schwierigen Lebenssituation am Lebensende möglichst gut geht und alles so erfolgt, wie der betroffene Mensch sich das wünscht. Das gibt meiner Arbeit Sinn.

weddingweiser.de Was bedeutet eigentlich „palliativ?

Frau Rose Der Begriff Palliativ kommt vom lateinischen „palliare“ und bedeutet so viel wie „ummanteln“. Für mich heißt das, wir legen einen schützenden Mantel um einen Menschen, dessen Lebenskleid schon so zerfleddert ist. In der Palliativversorgung geht es darum, das Leiden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern oder zumindest so lange es geht zu erhalten.

weddingweiser.de Ihr Verein ist auch im Wedding aktiv. Was konkret bieten Sie dazu an welchen Orten an? Sie verwenden die Bezeichnungen Betroffene, Angehörige und Zugehörige: wie ist das Zusammenspiel dieser und weiterer Akteure mit Ihrer Begleitung?

Frau Rose Wir sind im ganzen Stadtgebiet aktiv. Wenn uns ein palliativ versorgender Arzt darauf aufmerksam macht, das sein:e Patient:in eine Patientenverfügung machen möchte, aber schon so geschwächt ist, dass ein Termin in unserer Geschäftsstelle nicht mehr möglich ist, machen wir einen Hausbesuch. Wenn Angehörige, das sind Menschen, die mit der betroffenen Person verwandt sind, oder Zugehörige, das sind sowohl die Verwandten als auch alle anderen, die zum Leben der betroffenen Person gehören, Beratung oder Schulung brauchen, informieren oder schulen wir je nach Bedarf.

weddingweiser.de Wir sollten zuerst die Abkürzung SAPV erläutern, denn dieser Service ist ein zentraler Begriff für die Versorgung von – ich sage einmal verallgemeinernd – unheilbar Kranken. Wie hängen Home Care Berlin e.V. und SAPV zusammen?

Frau Rose Home Care Berlin ist ein Verein, der die SAPV, die durch Ärzt*innen und Pflegende erfolgt, ergänzend unterstützt. Wir führen zum Beispiel die Versorgerliste für die Stadt Berlin. Die SAPV ist die spezialisierte ambulante Palliativversorgung. Das sind die Ärzt*innen und Pflegenden, die die letzte Lebenszeit der sterbenden Person im ambulanten Bereich medizinisch begleiten – das sind im Durchschnitt die letzten 90 Tage des Lebens.

weddingweiser.de Letztlich besuchte ich Ihren Vortrag zur Aufstellung einer persönlichen Vorsorgevollmacht in der Bibliothek am Luisenbad. Dabei erzählten Sie anschaulich von den medizinischen Raffinessen der Pflege und Zuwendung, die einem Sterbenden besondere Erleichterungen bieten können. Was sind gute Vorbereitungen für eine Sterbebegleitung?

Frau Rose Ein Letzte Hilfe-Kurs ist eine gute Möglichkeit, sich mit dem Thema des Lebensendes auseinanderzusetzen und zu lernen, was sinnvoll ist. So können Zugehörige ermutigt werden, sich sterbenden Menschen zuzuwenden, statt sich von ihnen abzuwenden. Eine gute Vorbereitung für jeden Menschen ist, vorsorgende Entscheidungen zu treffen. Zwei dieser vorsorgenden Entscheidungen sind die Patientenverfügung und die Vorsorgevollmacht. Früher sagte man, man soll „sein Haus in Ordnung bringen“ – wer gute Vorsorge getroffen hat, entlastet damit die Hinterbliebenen.

weddingweiser.de Und was ist vom Arzt nach SGB V verschreibbar und was nicht?

Frau Rose Die wichtigsten Medikamente bei starken Beschwerden wie Schmerzen bei Krebs oder Atemnot sind alle verschreibungspflichtig. Aber, es gibt viele einfache und hilfreiche Möglichkeiten, für die es keine Verschreibung braucht.

weddingweiser.de Das Pflegeversicherungsgesetz von 1995 legt den Fokus auf die ambulante Versorgung, was die palliative Begleitung bestärkt haben muss. Home Care Berlin e.V. ist bereits im 33. Jahr der Tätigkeit zur Palliativversorgung. Was sind die wesentlichen Meilensteine der Vereinstätigkeit?

Frau Rose Der wichtigste Meilenstein ist sicherlich, dass seit 2007 Finanzierung der Palliativversorgung im Pflichtenheft der Krankenkassen steht. Für uns als Verein ist sicherlich der Ausbau unseres Angebotes enorm bereichernd. Wir sind die Einzigen, die eine außerklinische Ethikberatung anbieten.

weddingweiser.de Das Gesetz sieht eine Vielzahl an Beratungen und Unterstützungen vor. Was kann man im Wedding bei Home Care e. V. dazu in Anspruch nehmen?

Frau Rose Alle unsere Angebote, Palliativberatung, Beratung zur Patientenverfügung, Ethikberatung und Fortbildungen und Schulungen für Laien und Profis bieten wir auf Spendenbasis an. Das hat einen guten Grund. Wir möchten verhindern, dass Menschen in schwieriger finanzieller Situation keine Beratung oder Schulung bekommen, weil sie es sich nicht leisten können. Wer also keine finanzielle Not hat, wird gebeten, etwas zu spenden. Wer Not hat, spendet eben nichts.

weddingweiser.de Kennzeichnend für die Palliativversorgung von unheilbar Kranken, ob Kinder oder Ältere, ist die Versorgung in multi-professionellen Teams (Palliative Care Teams) unter Einbindung weiterer Berufsgruppen. Warum ist das so?

Frau Rose In der Palliativversorgung haben wir eine ganzheitliche Sicht auf den betroffenen Menschen. Und diese Sicht kann je nach Berufsstand sehr unterschiedlich sein. Während der versorgende Arzt vielleicht ein größeres Augenmerk auf die Symptome legt, weil der Patient nach Schmerzmitteln fragt, fällt der Pflegenden auf, dass die Mobilisation ans Waschbecken immer schwieriger wird. Die Seelsorgerin hat vielleicht gemerkt, dass es in der Familie Spannungen gibt, weil der betroffene Mensch für sein Gesprächsthema „Beerdigung“ kein offenes Ohr findet. Und die Hospizbegleiterin erlebt, wie schwer sich der Sterbende damit tut, dass die Kinder immer wieder zum Essen und Trinken drängen, obwohl der betroffene Mensch das schon lange nicht mehr möchte. Erst durch das Zusammentragen aller Erlebnisse, Erfahrungen und beruflichen Einschätzungen entsteht ein realistisches Bild zur tatsächlichen Situation eines Menschen.

weddingweiser.de Der palliative Service richtet sich nicht nur an bald Versterbende, sondern kann bei zugleich begrenzter Lebenserwartung gestaffelt sein nach Tagen, Wochen, sogar nach Jahren. Für die SAPV bezieht sich im Anspruch auf den Bedarf an aufwändiger Versorgung. Was versteht man unter aufwändiger Versorgung?

Frau Rose Die allgemeine ambulante Palliativversorgung, die AAPV, kann über sehr lange Zeiträume erfolgen. Man kann schwer und unheilbar krank sein und doch noch viel Lebenszeit haben. Die spezialisierte Palliativversorgung richtet sich an Menschen, deren Lebenszeit klar begrenzt ist. Die Versorgungszeiten in der SAPV sind im Durchschnitt die letzten 90 Tage des Lebens. Wobei es immer Menschen gibt, die schon nach kurzer Zeit versterben und andere länger als 90 Tage in der SAPV bleiben.

weddingweiser.de Gern möchte ich noch fragen, was Sie perspektivisch als Wunsch für das Weitere dieser begleitenden Arbeit haben. Was wird derzeit in diesen Netzen als wichtiges Thema diskutiert?

Frau Rose Ein nicht zu unterschätzendes Problem ist, dass die Kostenträger – weil die Kassen leer sind – sich mit einer auskömmlichen Finanzierung schwertun. In der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung arbeiten hochqualifizierte Mitarbeiter*innen, die nicht nur fachlich gut aufgestellt sein müssen, die z.B. auch mit Belastungen wie der Rufbereitschaft umgehen müssen. Das geht nur mit einer gerechten Bezahlung. Wenn die nicht mehr angemessen ist, stellen Dienste ihre Arbeit ein, und das, wo es schon jetzt zu wenig ärztliche und pflegerische Palliativversorger gibt. Das Problem wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen, denn ein Großteil der Versorgenden gehört zu den Baby-Boomern. Wenn die in den wohlverdienten Ruhestand gehen, könnten sich große Versorgungslücken auftun. Wir brauchen also Menschen, die sich dieser wunderbaren Aufgabe widmen und eine Bezahlung, die in Bezug auf Qualifizierung und Belastung angemessen ist.

Das Interview führte Renate Straetling

Hinweise und Links

Spezialisierte Palliativversorgung (SAPV)

Reicht die allgemeine ambulante Palliativversorgung (AAPV) zur Symptomlinderung nicht aus, kann der Hausarzt zusätzlich einen Arzt mit der 2003 eingeführten Zusatzweiterbildung für Palliativmedizin und/oder ein Palliative-Care-Team als SAPV-Leistungserbringer hinzuziehen.  “ (wikipedia)

Rechtsgrundlage der SAPV ist § 37b des Fünften Buches Sozialgesetzbuch (SGB V).

Home Care e.V., gegründet 1993

https://homecareberlin.de

Soziale Pflegeversicherung, SGB XI (1.1.1995)

https://de.wikipedia.org/wiki/Elftes_Buch_Sozialgesetzbuch

SAPV

https://de.wikipedia.org/wiki/Spezialisierte_ambulante_Palliativversorgung

DGP e.V. , gegründet 1994 in Köln

https://www.dgp-treffpunkt.de/index.php

Renate Straetling

Renate Straetling

Jg 1955, aufgewachsen in Hessen; ab 1973 Studium an der FU Berlin, Sozialforschung, Projekte und Publikationen.
Selfpublisherin seit 2011 bei epubli.com, u.a. Kinder_SciFi
www.renatestraetling.wordpress.com
Im Wedding seit 2007.
Mein Wedding-Motto:
Unser Wedding: ein großes lebendiges Wimmelbild ernsthafter Menschen!

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