“Preußische Spirituosenmanufaktur”: Hundertprozentig hochprozentig

2

Preußische SpirituosenmanufakturMit ver­staub­ten Expo­na­ten hin­ter Vitri­nen las­sen sich Geschmacks­rich­tun­gen schlecht erleb­bar machen. Wenn aber mit muse­ums­reif aus­se­hen­den Kup­fer­kes­seln, selt­sam anmu­ten­den Destil­lier­ap­pa­ra­tu­ren und Stein­krü­gen nach 140 Jah­re alten Rezep­ten Spi­ri­tuo­sen von Hand her­ge­stellt wer­den, die man pro­bie­ren und käuf­lich erwer­ben kann, han­delt es sich um eine beson­ders kurio­se Form der Tra­di­ti­ons­pfle­ge im Wedding.

Wer den unschein­ba­ren Zweck­bau im Hof der See­stra­ße 13 betritt, erwar­tet an die­ser Stel­le ganz bestimmt kei­ne Samm­lung ori­gi­nel­ler tech­ni­scher Gerä­te. Zur Sicher­heit steht an der Klin­gel der Spi­ri­tuo­sen­ma­nu­fak­tur im Trep­pen­haus eine Tele­fon­num­mer, denn die Destil­la­teu­re könn­ten sich ja im Kel­ler­ge­wöl­be befin­den, wo die Destil­la­ti­on statt­fin­det. Bereits im Jahr 1874 wur­de die Ver­suchs- und Lehr­an­stalt für Spi­ri­tus­fa­bri­ka­ti­on ein­ge­rich­tet – der preu­ßi­sche Staat dach­te damals ganz prak­tisch an die Wei­ter­ver­wer­tung even­tu­el­ler Kar­tof­fel- oder Getrei­de­über­schüs­se in Form von Alko­hol. Der auf die Tra­di­ti­on wei­sen­de Schrift­zug “Insti­tut für Gärungs­ge­wer­be” prangt jeden­falls noch heu­te auf dem über hun­dert Jah­re alten Back­stein­ge­bäu­de, zur ver­kehrsum­tos­ten See­stra­ße hin.

Preußische SpirituosenmanufakturDas Insti­tut gibt es in ande­rer Form noch immer, doch sei­ne his­to­ri­schen Appa­ra­tu­ren wer­den seit 2008 von einem Vier-Per­so­nen-Betrieb ver­wen­det, der “Preu­ßi­schen Spi­ri­tuo­sen-Manu­fak­tur” (PSM). Die Räum­lich­kei­ten des klei­nen, aber tra­di­ti­ons­rei­chen Betriebs kann man übri­gens nach Vor­anmel­dung und gegen Ein­tritt besich­ti­gen, und eine Ver­kos­tung eini­ger Spi­ri­tuo­sen­sor­ten gehört selbst­ver­ständ­lich zum Besuchs­pro­gramm. Schon der ers­te Insti­tuts­lei­ter, Max Del­brück, stell­te mit sei­nen Stu­den­ten Likö­re und Obst­brän­de her und ver­ewig­te die Ergeb­nis­se sei­ner Expe­ri­men­te im “Bre­vier der flüs­si­gen Freuden”.

Historische Rezepte, neu interpretiert

Preußische SpirituosenmanufakturÜber 80 Rezep­te, dar­un­ter das Urre­zept für den “Adler-Gin” und den “Adler-Wod­ka”, und auch vie­le Appa­ra­tu­ren stam­men aus die­ser Zeit. Doch die bei­den Betrei­ber der Manu­fak­tur, Ulf Stahl, Pro­fes­sor für Mikro­bio­lo­gie, und Gerald Schroff, lang­jäh­ri­ger Bar­mann, prä­gen die geerb­ten Rezep­tu­ren für die Ver­fei­ne­rung tra­di­tio­nel­ler hoch­pro­zen­ti­ger Geträn­ke mit ihrem eige­nen Sach­ver­stand. Eine Destil­la­teu­rin und ein Aus­zu­bil­den­der kom­plet­tie­ren das Experten-Quartett.

Die Band­brei­te der von Hand her­ge­stell­ten Spi­ri­tuo­sen ist enorm: Kräuter‑, Obst‑, Rosen- und Zimt­li­kö­re, Magen­bit­ter, Dan­zi­ger Gold­was­ser, Getrei­de­küm­mel, Wod­ka – und der Del­brück­sche Adler Gin in der cha­rak­te­ris­ti­schen Fla­sche. Da traf es sich gut, dass die bei­den Geschäfts­füh­rer aus­ge­spro­che­ne Lieb­ha­ber des Wachol­der­schnaps’ Gin sind –  ihr gemein­sa­mes Inter­es­se haben sie aller­dings erst nach einem schmerz­haf­ten Zusam­men­stoß auf einer Ski­pis­te abends an einer  öster­rei­chi­schen Hotel­bar ent­deckt. Das Ergeb­nis die­ses Crashs war ein Glücks­fall für den Wedding.

Preußische SpirituosenmanufakturLogo_ManufakturenDer Alko­hol als Grund­la­ge wird in der PSM übri­gens nicht selbst her­ge­stellt. Dort kon­zen­triert man sich eher auf die Her­stel­lung der Pflan­zen­es­sen­zen, Mazer­a­te und Destil­la­te. Etwa 200 ver­schie­de­ne “Dro­gen” ste­hen für die Wei­ter­ver­ar­bei­tung zur Ver­fü­gung. Durch Hin­zu­ga­be von Alko­hol ent­ste­hen dar­aus die 35 ver­schie­de­nen Spi­ri­tuo­sen, die die PSM im Ange­bot hat.

Die Tra­di­ti­on im Wis­sen­schafts­vier­tel zwi­schen Amru­mer Stra­ße und See­stra­ße bleibt uns hof­fent­lich noch eine Wei­le erhalten!

Preu­ßi­sche Spirituosenmanufaktur

See­str. 13 (Hof, links), 13353 Berlin

Tel.: 030 – 450 28 537

Spi­ri­tuo­sen­ver­kauf: mit 10 % Rabatt Mo-Fr 11–19 Uhr, bzw. nach Vereinbarung

Web­site mit Online-Shop

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

2 Comments

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.