Orte jüdischen Lebens: Die liberale Bewegung im Wedding der 1930er Jahre

Historische Karte Berlin (Silva 1925), Ausschnitt Berlin-Wedding
His­to­ri­sche Kar­te Ber­lin (Sil­va 1925), Aus­schnitt Berlin-Wedding

Das heu­ti­ge Juden­tum besteht aus ortho­do­xen, kon­ser­va­ti­ven, libe­ra­len und rekon­struk­tio­nis­ti­schen Strö­mun­gen. Stets geht es um die Aus­übung der jüdi­schen Gebo­te und ritu­el­len Geset­ze. Vor gut 90 Jah­ren waren es drei Strö­mun­gen: Ortho­do­xie, Zio­nis­mus und Libe­ra­lis­mus. So zumin­dest erklär­te es am 14. Febru­ar 1933 Alex­an­der Szan­to, Redak­teur bei der Jüdisch-Libe­ra­len Zei­tung, im Wed­ding auf einer Wer­be­ver­an­stal­tung des Libe­ra­len Ver­eins den Mit­glie­dern und Inter­es­sen­ten der neu­en Bezirks­grup­pe Wed­ding-Rei­ni­cken­dorf. Gene­rell sucht damals wie heu­te die libe­ra­le Strö­mung die Ver­bin­dung zwi­schen jüdi­schen Tra­di­tio­nen und der umge­ben­den Gesellschaft.

Die liberale Bewegung entdeckt den Wedding

Fast könn­te behaup­tet wer­den, dass die jüdi­schen Bewoh­ner des Wed­dings fast als letz­te Ber­li­ner mit der libe­ra­len Bewe­gung und Got­tes­diens­ten nach neu­em Ritus im eige­nen Bezirk ver­traut gemacht wur­den. Anlass für die Ver­mu­tung gibt die Tat­sa­che, dass der min­des­tens seit 1898 bestehen­de „Libe­ra­le Ver­ein für die Ange­le­gen­heit der jüdi­schen Gemein­de zu Ber­lin“ (kurz Libe­ra­ler Ver­ein) im Früh­jahr 1932 die ers­ten Wer­be­ver­an­stal­tun­gen im Wed­ding abhielt. Der Ver­ein bezweck­te die Durch­set­zung der jüdisch-libe­ra­len Welt­an­schau­ung. Zur zwei­ten Ver­an­stal­tung mit Vor­trag am 5. April 1932 kamen zahl­rei­che neue Inter­es­sen­ten. Es ging um die wich­ti­ge Rol­le des Zusam­men­halts der Glau­bens­ge­nos­sen in den Randbezirken.

Fassade der Schule in der Ofener Straße, Arch. & Stadtbaurat Ludwig Hoffmann
Fas­sa­de der Schu­le in der Ofe­ner Stra­ße, Arch. & Stadt­bau­rat Lud­wig Hoffmann

Die libe­ra­le Bewe­gung unter­schei­det sich von ande­re Strö­mun­gen dahin­ge­hend, dass Got­tes­diens­te in Hebrä­isch und der jewei­li­gen Lan­des­spra­che statt­fin­den, es kom­men Musik­in­stru­men­te wäh­rend der Lit­ur­gie zum Ein­satz und es herrscht Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau in allen reli­giö­sen Ange­le­gen­hei­ten. Die Gebo­te wer­den zwar nicht auf­ge­ho­ben, son­dern ihre Umset­zung und Beach­tung dem Ein­zel­nen über­las­sen. Es han­delt sich um eine inter­na­tio­na­le Bewe­gung, die ihren Ursprung im Euro­pa des spä­ten 18. Jahr­hun­dert hat. Wie Sie gleich erfah­ren wer­den, fan­den die Ideen in den 1930er Jah­ren gro­ßen Anklang bei den jüdi­schen Bewoh­nern des Weddings.

Ofener Straße 6: Chanukka 1932 in der Aula der Volksschule

Fassadendetail Haupteingang der Schule in der Ofener Straße, Arch. & Stadtbaurat Ludwig Hoffmann
Fas­sa­den­de­tail Haupt­ein­gang der Schu­le in der Ofe­ner Stra­ße, Arch. & Stadt­bau­rat Lud­wig Hoffmann

Im Okto­ber 1932 grün­de­te die Bezirks­grup­pe Wed­ding-Rei­ni­cken­dorf den Ver­ein „Libe­ra­le Syn­ago­ge Wed­ding-Rei­ni­cken­dorf“. Die Lei­tung über­nahm als ein erfah­re­nes Mit­glied der Jüdi­schen Gemein­de Herr Eitel Rock­ma­cher (wohn­haft Brun­nen­stra­ße 169). Er war lang­jäh­ri­ger Beam­ter der Jüdi­schen Gemein­de, Vor­sit­zen­der des Ver­eins der Beam­ten und Ange­stell­ten der Jüdi­schen Gemein­de und gehör­te seit 1931 der Reprä­sen­tan­ten­ver­samm­lung der Ber­li­ner Jüdi­schen Gemein­de als Mit­glied der libe­ra­len Frak­ti­on an. Die Ver­eins­grün­dung bil­de­te die Grund­la­ge für zukünf­ti­ge libe­ra­le Got­tes­diens­te im Wed­ding. Im Novem­ber 1932 gab es gut besuch­te Wer­be-Vor­trä­ge von Alfred Jau­lus (22.11.1932 im Rats­kel­ler – Mül­ler­stra­ße 146/147), Reprä­sen­tant der Jüdi­schen Gemein­de, zum The­ma: „Gemein­de­ar­beit – Ver­eins­ar­beit“ und der Pre­di­ger Karl Rosen­thal sprach unter der Über­schrift „Alter und Jugend“ zum Genera­tio­nen­pro­blem, den mehr als 350 Zuhö­rer besuch­ten. Der ers­te libe­ra­le Got­tes­dienst des neu­en Ver­eins „Libe­ra­le Syn­ago­ge Wed­ding-Rei­ni­cken­dorf“ fand zum Cha­nuk­ka­fest im Dezem­ber 1932 in der Volks­schu­le (heu­te: Schu­le am Schil­ler­park) in der Ofe­ner Stra­ße 6 statt. Die­ser Nach­mit­tag hat­te gro­ße Bedeu­tung. Ver­tre­ter des Gemein­de­vor­stands, der Reprä­sen­tanz und des Vor­stands der Libe­ra­len Syn­ago­ge Ber­lin sowie zahl­rei­che Mit­glie­der mit ihren Kin­dern waren anwe­send. Es wur­de das Cha­nuk­ka-Lied gesun­gen, die Ker­zen ange­zün­det und über die Bedeu­tung des Cha­nuk­ka-Fests gesprochen.

Müllerstraße Ecke Seestraße: Von der Aula ins Restaurant

In der Ofe­ner Stra­ße 6 fan­den 1933 noch rela­tiv unre­gel­mä­ßig libe­ra­le Got­tes­diens­te statt. Erst 1934 soll­te sich eine grö­ße­re Kon­ti­nui­tät ent­wi­ckeln, denn der Bezirks­grup­pe Wed­ding-Rei­ni­cken­dorf war es gelun­gen, Räu­me im dama­li­gen Restau­rant „Zum Stein­acker“ (vor­mals „zum Hagen­beck“) an der See­stra­ße 44 Ecke Mül­ler­stra­ße als Ver­an­stal­tungs­ort zu gewin­nen. Bereits am 20. Janu­ar 1934 gab es einen Vor­trag zu „Der jüdi­sche Mit­tel­stand im neu­en Deutsch­land“, und am 23. Janu­ar 1934 sprach Geor­ge Goe­tz zu „Zukunfts­we­ge der deut­schen Juden“, den über 100 Gäs­te hör­ten. An die­sem Ver­eins­abend teil­te Frie­da Mehl­er die ers­te Aus­grün­dung mit. Sie grün­de­te eine libe­ra­le Frau­en­grup­pe im Bezirk Wed­ding-Rei­ni­cken­dorf. Die Frau­en tra­fen sich u.a. am 14. Juni 1934 zu einem Vor­trag von Dr. Gut­mann, der sich dem The­ma: „Wie liest ein Reli­gi­ös-Libe­ra­ler die Bibel?“ wid­me­te. Der ers­te libe­ra­le Got­tes­dienst im Restau­rant „Zum Stein­acker“ fand am 2. Febru­ar 1934 statt. Es wur­de bericht, dass die Wie­der­ein­füh­rung die­ser Got­tes­diens­te eine all­ge­mein gro­ße Freu­de her­vor­ge­ru­fen habe und der Ver­ein mit einer regen Betei­li­gung rechne.

Zur nächs­ten Ver­eins­ver­samm­lung am 20. Febru­ar 1934 kamen cir­ca 150 Mit­glie­der ins Restau­rant See­stra­ße Ecke Mül­ler­stra­ße. Eitel Rock­ma­cher gab sei­nen Rück­tritt als Vor­sit­zen­der bekannt. Gleich­zei­tig kün­dig­te er regel­mä­ßi­ge Frei­tag­abend-Got­tes­diens­te, monat­li­che Ver­eins­aben­de und sogar ein Seder­abend, orga­ni­siert vom Syn­ago­gen­ver­ein, im Wed­ding an. Es wur­de opti­mis­tisch in die Zukunft geblickt. Im März fan­den jeden Frei­tag Got­tes­diens­te statt. Zeit­gleich berich­te­ten die Tages­zei­tun­gen über die Berufs­um­schich­tun­gen, den Boy­kott jüdi­scher Geschäf­te und Aus­wan­de­rungs­hil­fe für deut­sche Juden. Zwi­schen 7. April 1933 und 1. Janu­ar 1934 gab es in Ber­lin einen Rück­gang „nich­tari­scher Rechts­an­wäl­te“ (zeit­gen. Bezeich­nung) um 36 Pro­zent und bei den Nota­ren um gut 57 Prozent.

Bruno Woyda – Ein Star der liberalen Bewegung spricht im Wedding

Portrait Bruno Woyda, vermutlich 1950er oder 60er Jahre, Fotograf unbekannt, Quelle: Center for Jewish History
Por­trait Bru­no Woy­da, ver­mut­lich 1950er oder 60er Jah­re, Foto­graf unbe­kannt, Quel­le: Cen­ter for Jewish History

Der lang­jäh­ri­ge Chef-Redak­teur der Jüdisch-Libe­ra­len Zei­tung Bru­no Woy­da (*1900, +1968) sprach vor zahl­rei­chen Anwe­sen­den der Bezirks­grup­pe Wed­ding-Rei­ni­cken­dorf im Juni 1934 über die Bedeu­tung der Gemein­de­ar­beit. In sei­nem Vor­trag ging es um die gene­rel­le Unge­wiss­heit der Zeit, denn wäh­rend man „bis­wei­len den Ein­druck hat, als ob schon mehr Juden in Paläs­ti­na leben als in Deutsch­land“ stel­le sich die Fra­ge, ob der Erhalt der Gemein­de nicht wich­ti­ger sei als ihre Ver­nich­tung, so Woy­da. Die gro­ßen Pro­ble­me der Zeit sei­en: die Berufs­um­schich­tung als Chan­ce zu begrei­fen und die Zahl der Aus­wan­de­rer nicht zu über­schät­zen. Woy­da hoff­te dar­auf, dass die Zei­ten sich wie­der ändern, sobald erkannt wird, dass die Juden auch in die­sen schwe­ren Zei­ten zum Deutsch­tum hal­ten. Es gab gro­ßen Bei­fall im Saal. Wei­te­re kur­ze Wort­mel­dun­gen bekann­ten sich eben­falls zu einer deutsch-jüdi­schen Zukunft. Rück­bli­ckend könn­te der Spa­gat der Zeit kaum noch grö­ßer gewe­sen sein, denn neben zahl­rei­chen Ein­schrän­kun­gen gab z. B. die Bade­ver­wal­tung Wes­ter­land auf Sylt bekannt, dass in der Som­mer-Sai­son 1934 jüdi­sche Kur­gäs­te uner­wünscht sei­en. Woy­da kam nach der Kris­tall­nacht am 9. Novem­ber 1938 ins KZ Sach­sen­hau­sen und wur­de nur wie­der frei­ge­las­sen, weil er 1939 unver­züg­lich nach Lon­don emi­grie­ren. Seit sei­nen Ber­li­ner Tagen war er mit den Reprä­sen­tan­ten der World Uni­on for Pro­gres­si­ve Juda­ism wie Lily Mon­ta­gu, den Rab­bi­nern Dr. Mat­tuck und Dr. Edgar gut bekannt. Er wur­de Schatz­meis­ter der World Uni­on for Pro­gres­si­ve Juda­ism und per­sön­li­cher Assis­tent von Frau Mon­ta­gu, der dama­li­gen Prä­si­den­tin der World Uni­on. Woy­da wur­de auch Dele­gier­ter der World Uni­on im Komi­tee der NGOs bei der Unesco und ver­trat das libe­ra­le Juden­tum bei den Unesco-Tref­fen in Genf. Danach begann er sei­ne Arbeit für den Zen­tral­rat der Juden in Deutsch­land und setz­te damit sei­ne ehren­amt­li­che Arbeit für das Juden­tum bis zu sei­ner schwe­ren Krank­heit fort.

Vis-à-vis vom Jüdischen Krankenhaus: Vom Restaurant ins Altenheim

1935 fand der libe­ra­le Got­tes­dienst wie­der an einem ande­ren Ort statt. Von Janu­ar bis August 1935 wur­den die Got­tes­diens­te im Jüdi­schen Alters­heim – gegen­über dem Jüdi­schen Kran­ken­haus – ver­an­stal­tet. Im Alters­heim gab es einen gro­ßen Bet­saal, der für die libe­ra­len Got­tes­diens­te genutzt wurde.

Einweihung einer neuen Betstätte in der Triftstraße

Eine neue Epo­che schien am 23. August 1935 zu begin­nen, denn die Bezirks­grup­pe der „Libe­ra­len Syn­ago­ge Wed­ding-Rei­ni­cken­dorf“ weih­te eine neue Bet­stät­te ein. Davon berich­te­te die „Jüdi­sche All­ge­mei­ne Zei­tung“ am 28. August 1935 auf der Titel­sei­te. Sie befand sich in der Trift­stra­ße 63 und war an die­sem Tag sehr gut besucht. „Die neue Bet­stät­te, die ein­zi­ge libe­ra­le des gan­zen Bezirks, soll ein Zen­trum für die­je­ni­gen wer­den, die durch ihre Ein­stel­lung wie durch die Not­wen­dig­keit des Lebens dahin­ge­führt sind, neue Wege got­tes­dienst­lich­ter Betä­ti­gung und des reli­giö­sen Lebens zu suchen“, so der Bericht.

An die­sem Abend ging es um den wei­te­ren Auf­bau und Aus­bau der libe­ra­len Gemein­de. Abschlie­ßend heißt es: „Die gro­ße Zahl der Besu­cher brach­te den Beweis, wie stark die Sehn­sucht und das Bedürf­nis nach einem sol­chen libe­ra­len Got­tes­dienst in die­ser Stadt­ge­gend ist“. Der nächs­te Got­tes­dienst fand am 30. August 1935 statt – mit dem Zusatz: Trift­stra­ße 63 (Schrei­bers Fest­sä­le). Lei­der ist dazu heu­te nichts auf­find­bar. Der letz­te bekann­te Got­tes­dienst fand am 21. August 1936 in der Trift­stra­ße statt. Danach gibt es kei­ne Spu­ren mehr in den ver­füg­ba­ren Tages­zei­tun­gen. Viel­leicht haben die Lese­rin­nen und Leser noch Hin­wei­se und Anregungen?

Zum Autor: Cars­ten Schmidt (Dr. phil.), pro­mo­vier­te am Fried­rich-Mein­ecke-Insti­tut der FU Ber­lin. Sein Inter­es­sens­schwer­punkt für Stadt­ge­schich­te ver­folgt einen inter­dis­zi­pli­nä­ren Ansatz zwi­schen Gesell­schaft- und Archi­tek­tur­ge­schich­te. Er ist Autor des Buchs: Man­hat­tan Modern, Archi­tek­tur als Gesell­schafts­auf­trag und Aus­hand­lungs­pro­zess, 1929–1969, und freut sich über Anre­gun­gen und Kritik.


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