Mit jedem Tag mehr schwinden die Chancen, dass die Kult-Kneipe bei den Uferhallen in ihrer jetzigen Form bestehen bleibt.

Er hat es tatsächlich getan. An einem Morgen im September schaute Peter Ullrich noch einmal hinauf an der Fassade seines Café Pförtner in der Uferstraße im Wedding, las den Satz, den ein Künstler vor einiger Zeit dort mit Leuchtbuchstaben angebracht hatte und der jetzt wie ein Versprechen klang – „take the money and run.“ Dann setzte er sich in seinen alten Peugeot, hielt noch einmal kurz an, um sich in einem Outdoor-Laden einen Schlafsack zu kaufen, bezahlte mit dem Geld aus den Einnahmen des Vortages und fuhr los. Immer Richtung Süden, nur weg von hier, über den Brenner. Erst am Gardasee hielt er wieder an.
Es war auch alles zum Davonlaufen.
Peter Ullrich, 59 Jahre alt, ist seit zehn Jahren Betreiber eines sehr eigentümlichen Cafés. Das „Pförtner“ auf dem Gelände der Uferhallen, in denen früher Berliner Straßenbahnen und Omnibusse repariert und gewartet wurden, gehört zu jenen wenigen Weddinger Kneipen, für die sogar ein Kreuzberger am Abend sein Viertel wechseln würde.

Neben dem Eingang zum Pförtner steht ein Bus der Linie 403 mit Fahrtziel „Wolfsruh“, die letzte Dienstfahrt ist mindestens 20 Jahre her. An manchen Nachmittagen sitzt jetzt ein Kind am Steuer und ruft: „Alles aussteigen, Endstation. Wir sind in Afrika.“ Im Frühjahr hat eine Künstlerin aus den benachbarten Ateliers den Bus noch mit fröhlichen bunten Quadraten bemalt. Auch im Innern des Pförtner haben sich Künstler verewigt, eine schwarze Glasscheibe, angeblich ein Relikt vom abgerissenen Palast der Republik, hängt gleich neben der Eingangstür und trägt den Titel: „Hausverbot.“


Seit ein paar Wochen wirkt alles, was man hier sehen und hören kann plötzlich aufgeladen mit Bedeutung. Das Pförtner soll schließen, erzählen die Nachbarn. Genaues weiß man nicht.
Vor etwa drei Jahren kaufte eine Investorengruppe um die Gebrüder Samwer (Zalando, Rocket Internet) die Uferhallen mit seinem weitläufigen Areal und eben auch das „Pförtner“. In den bis dahin günstigen Mietwohnungen und in den Künstler-Ateliers brach Panik aus. Der Alarmismus schien berechtigt, denn die Marema GmbH und deren Mutter, die Augustus Immobilien Management GmbH samt ihrem Geflecht aus zahlreichen Unter-, Ober- und Neben-GmbHs, war zum Zwecke der Geldvermehrung und nicht der sozialen Wohlfahrt wegen gegründet worden.


Ein Fall für den damaligen Kultur-Senator von Berlin, Joe Chialo. Er wollte die Uferhallen als Arbeits- und Wohnort für rund 100 Künstler erhalten und gründete aus diesem Grund die landeseigene Kulturraum Berlin gGmbH (KRB). Der smarte, inzwischen zurück getretene CDU-Politiker verhandelte mit Mietern und den neuen Eigentümern und verkündete im Januar 2024 einen ziemlich sensationellen Deal: Die KRB übernimmt als Hauptmieter die gesamte Immobilie für die nächsten 20 Jahre mit einer Verlängerungsoption um weitere 10 Jahre.
Im Pförtner knallten die Sektkorken. Doch was für viele Künstler die Rettung erschien, stellte sich für das Pförtner als Falle heraus. Weil Gastronom Peter Ullrich, gelernter Innenarchitekt und seit vielen Jahren in der Berliner Gastro-Szene erfahren, durch wirtschaftliche Schwierigkeiten den Vermietern mehrere Monatsmieten schuldig blieb, erhielt er vor wenigen Wochen die fristlose Kündigung. Auf seine Vorschläge, so berichtet Peter Ullrich, die Situation zu bereinigen und zusammen mit einem neuen Partner und einem neuen Konzept das Pförtner zu erhalten, seien weder die KRB noch die Hauseigentümer eingegangen.


Als die Kündigung eintraf, setzte sich Peter Ullrich in seinen Peugeot und fuhr einfach weg. „Ich musste Luft holen, ich war geschockt“. 48 Stunden und 2.400 Kilometer später parkte er wieder in der Uferstraße ein. Zwar haben Freunde, Gäste, Nachbarn der beliebten Kneipe auf www.change.org mittlerweile eine Unterschriftenaktion gegen die drohende Schließung gestartet, doch Peter Ullrich sieht es nüchtern: „Offenbar hat die KRB andere Pläne und will die auch durchsetzen.“
Und? Wie lange wird er noch morgens aufschließen und abends wieder zu? „“Das Ende“, sagt Peter Ullrich und lächelt ein wenig melancholisch, „ist immer auch ein Anfang.“
Text: Philipp Maußhardt
Ergänzende Stellungnahme der Kulturraum Berlin gGmbH:
Gern möchten wir einige Punkte zur Kulturraum Berlin gGmbH (KRB) sachlich präzisieren: Die KRB wurde 2020 auf Initiative des damaligen Kultursenators Klaus Lederer gegründet, nicht speziell im Zusammenhang mit den Uferhallen. Die Gastronomiefläche des Café Pförtner gehört derzeit noch nicht zu den von der KRB verwalteten Flächen, die Übergabe der Fläche an die KRB ist erst im Laufe des kommenden Jahres 2026 vorgesehen. Nach unserem Kenntnisstand ist das Mietverhältnis des Betreibers mit der Eigentümerin ausgelaufen und wurde nicht verlängert, die daraufhin erfolgte Räumungsankündigung ist eine Angelegenheit zwischen den beiden Parteien.




Ich Denke wenn wer davon Gewusst hätte ,das er Schwierigkeiten an mit den Mietzahlungen, hätte diese dann auch eine Spendenkampagne gestartet….,wenn alles so toll ist / war ?!
Und klar muss man sich nicht Wundern, das man Gekündigt wird bei mehrmonatigen Mietzahlungen Ausfall, das macht keiner mit ob Miethai oder nicht !
Wenn ihr das i.O. finden würdet dann Spendet im doch die Mietschulden….
Naja, wundern würde es mich nicht. Aber: Ein Vermieter muss sich immer überlegen ob er einen Zahlungsausfall verkraften kann oder nicht. Leider gibt es bei diesen Investoren oft endlose Kreativität wie man eine noch so unattraktive Fläche in ein tolles Geschäft verwandeln könnte. Meist stehen die Dinger dann ewig leer. Muss natürlich jeder für sich entscheiden, aber mir erklärt sich die Wirtschaftlichkeit in diesen Entscheidungen manchmal nicht.
Geschockt zu sein, wenn man eine fristlose Kündigung wegen mehrmonatigem Zahlungsverzug erhält in einer Immobilie, die Miethaien gehört, ist doch schon ziemlich naiv oder inkompetent.
Aber auch kein Wunder, wenn man mit den letzten Einnahmen eine unnötige Reise tut….
Was bist Du denn für ein „Hochkompetenter“??
Naja, er hat doch nicht ganz unrecht. Außer vielleicht, dass sein Vermieter kein Immobilien-Hai ist, sondern eine landeseigene gemeinnützige GmbH, die dazu dient, für mindestens zwanzig Jahre einen Kulturraum zu erhalten. Aber wenn man notorisch seine Miete nicht zahlt, ist halt irgendwann Schluss. Kann mir nämlich nicht vorstellen, dass wir hier von zwei Monatsmieten reden und der gute Herr zum ersten mal säumig war. Scheint mir eher so, als nehme es der „erfahrene“ Gastronom mit Geld (anderer Leute) nicht so genau…
Der Vermieter ist die landeseigene gGmbH. Richtig. Gehören tut sie allerdings immer noch den Miethaien Gebrüdern Samwer. Die vermieten nur an die gGmbH, die dann weiter vermietet.
Aber so wie du schreibst sind landeseigene Unternehmen sehr kulant und greifen nicht gleich bei zwei säumigen Monatsmieten so hart durch.
Da muss schon ordentlich was passieren und keine Reaktion erfolgen.
Jo, sage ich ja. Die Eigentümer sind Miethaie. Die haben aber für 20 Jahre an die gemeinnützige landeseigene Kulturraum Berlin vermietet. Die vermietet jetzt weiter. Das ganze Nummer hat also nichts mit den Samwer Brüdern zu tun. Denen ist es nämlich herzlich egal, an wen die KRB vermietet und ob deren Mieter ihre Miete zahlen. Die bekommen ihr Geld von der KRB für die das Land Berlin bürgt. Der Herr Gastronom hat es also geschafft, es sich mit einer Vermieterin zu verscherzen, die extra dafür gegründet wurde, die alternativen Projekte in den Uferhallen zu unterstützen (und die mit öffentlichen Geldern finanziert wird).
Denke mal auch nicht, dass er seine Schulden begleichen wird. Der wird wohl eher abschließen und abhauen. Sprich die KRB bleibt auf den Mietrückständen sitzen und letztlich kommt die Allgemeinheit dafür auf, dass Herr Ullrich die Einnahmen aus der Kasse lieber für private Zwecke (spontane Fahrt an den Gardasee in seinem „alten Peugeot“) nutz, als seine Miete zu zahlen. Aber natürlich sind irgendwie die Politik und böse Miethaie Schuld an allem.
Mittlerweile wurde eine Klarstellung zu dem Artikel hinzugefügt. Die landeseigenen gGmbH sollte er im kommenden Jahr Fläche übernehmen. Aktuell mietet das Café noch direkt von der Immobiliengesellschaft. Ich kann denen zwar nicht in die Karten schauen aber potentiell erhofft sich die Vermieterin davon, dass die KRB nun auf die Fläche verzichtet und zu höheren Preisen anders vermieten kann. Im Kulturhaushalt muss gespart werden und für die KRB ist es generell nicht Teil des klassischen Förderportfolios, weshalb sie an der Stelle vielleicht gerne sparen.
Ich finde das deshalb nicht unbedingt gut, aber es erklärt vermutlich, weshalb es nicht zu einer Einigung kommt.
Gastro wie das Café Pförtner hat es wirtschaftlich nicht leicht gehabt in den vergangenen Jahren. Die Pandemie hat diesen kleineren Läden einiges abverlangt und es war für manche einfach nicht möglich sich davon zu erholen, nachdem dann auch noch die Energiepreise explodiert sind. Und dann geht halt irgendwann das Geld aus.
Super schade um einen authentischen Laden mit wirklich guter Küche!
Ein Realist und kein Träumer.
Natürlich kann man damit rechnen aber es ist doch trotzdem ein Schock, wenn man es in der Hand hält oder nicht?