Eine Entdeckungsreise 1897–1932:
Leopoldplatz: Max Levy und seine vergessene Fabrik

Eine Spurensuche

Vor 120 Jah­ren war der Leo­pold­platz ein begrün­ter Schmuck­platz, denn rund um die Alte Naza­reth­kir­che gab es geschwun­ge­ne Wege und Orte zum Ver­wei­len. Ent­lang der Mül­ler­stra­ße stan­den impo­san­te Wohn- und Geschäfts­häu­ser. Auf den Bür­ger­stei­gen und Stra­ßen herrsch­te geschäf­ti­ges Trei­ben. In zwei­ter Rei­he zum Leo­pold­platz leg­te 1897 Max Levy mit inno­va­ti­ver Tech­nik und Erfin­der­geist den Grund­stein für die Pro­duk­ti­on neu­ar­ti­ger Rönt­gen­ge­rä­te. Wir gehen auf Spurensuche.

Bereich 48: Naza­reth­kir­che heu­ti­ger Leo­pold­platz (Hobrecht-Plan 1862, Ausschnitt)

1. Block mit Sondermaßen im Hobrecht-Plan von 1862

Die Adres­se Mül­ler­stra­ße 30 liegt nur zwei Haus­num­mern nörd­lich vom heu­ti­gen Leo­pold­platz und gehört somit zum Block Naza­reth­kirch­stra­ße, Turi­ner Stra­ße, Utrech­ter Stra­ße. Im neu­en Gene­ral­plan von James Hobrecht für Ber­lin von 1862, wo teil­wei­se noch Gebäu­de mit­ten auf zukünf­ti­gen Stra­ßen ein­ge­zeich­net sind, wur­de das Are­al rund um die 1835 ein­ge­weih­te Alte Naza­reth­kir­che (Vor­stadt­kir­che) von Karl Fried­rich Schin­kel als zu bebau­en­de Flä­che mar­kiert. Erst öst­lich soll­te ein unbe­bau­ter Platz ent­ste­hen. Somit leg­te Hobrecht für die­ses Are­al eine außer­ge­wöhn­li­che Block­tie­fe fest, die ver­mut­lich auch auf den um 1860 ange­leg­ten Gar­ni­son-Begräb­nis­platz zwi­schen Turi­ner Stra­ße und Mül­ler­stra­ße beruht.

Muel­ler­stras­se Ecke Naza­reth­kirch­stras­se, 1910er Jah­re – Mül­ler­stra­ße 30: Gebäu­de mit dem gro­ßem Giebel

2.
Transformation zum großstädtischen Treiben

Um 1860 stan­den haupt­säch­lich ent­lang der Mül­ler­stra­ße eini­ge weni­ge Häu­ser, wäh­rend die Turi­ner Stra­ße und Naza­reth­kirch­stra­ße voll­kom­men unbe­baut waren. Um 1910 hat­te sich das Bild gewan­delt, denn der Block war an der Utrech­ter Stra­ße, Mül­ler­stra­ße und Turi­ner Stra­ße voll­stän­dig mit Vor­der- und Hin­ter­häu­sern bebaut. Eine Son­der­ge­stal­tung hat die Mül­ler­stra­ße 30, denn das Gebäu­de besitzt zur Mül­ler­stra­ße die brei­tes­te Fas­sa­de, erstreckt sich fast bis zur Turi­ner Stra­ße und grenzt unmit­tel­bar an das Fried­hofs­ge­län­de. Wäh­rend zur Mül­ler­stra­ße um 1890 ein beein­dru­cken­des Wohn- und Geschäfts­haus mit stuck­ver­zier­ter Fas­sa­de und einem von Sei­ten­flü­gel und Hin­ter­haus umschlos­se­nen Hof ent­stand, wur­de die anschlie­ßen­de Grund­stücks­flä­che für die „Fabrik elek­tri­scher Appa­ra­te Dr. Max Levy“ zunächst mit nied­ri­gen Gebäu­den bebaut. Wer war Max Levy?

Queck­sil­ber­strahl-Unter­bre­cher, Max Levy (1899)

3. Max Levy und der Wedding

Max Levy (*1869, +1932) stamm­te aus einer wohl­ha­ben­den jüdi­schen Fami­lie aus Star­gard, hat ab 1888 in Hei­del­berg Phy­sik und Mathe­ma­tik, in Darm­stadt und Mün­chen Elek­tro­tech­nik stu­diert und pro­mo­vier­te 1892 in Gie­ßen. Die nächs­ten Jah­re waren vor allem für sei­ne beruf­li­che Lauf­bahn von Bedeu­tung, denn 1893 ging er zur AEG nach Ber­lin, wo Levy mit der Pla­nung von Groß­an­la­gen betraut wur­de. Bereits drei Jah­re spä­ter nahm er bei AEG die Posi­ti­on des Lei­ters der neu­ge­grün­de­ten Rönt­gen­ab­tei­lung ein.

Ein Jahr zuvor, 1895, hat­te Wil­helm Con­rad Rönt­gen eher zufäl­lig die „X‑Strahlen“ ent­deckt. Schnell wur­de der Ein­satz der spä­ter nach ihm benann­ten Rönt­gen­strah­len für viel­fäl­ti­ge Bereich deut­lich. Die AEG woll­te sich die Rech­te an der Ent­de­ckung von Rönt­gen sicher, der die­ses Ange­bot jedoch ablehn­te. Sei­ner­zeit ver­han­del­te Max Levy für die AEG mit Rönt­gen. Kur­ze Zeit spä­ter, im Jahr 1897, grün­de­te Levy in der Mül­ler­stra­ße 30 das deutsch­land­weit ers­te Spe­zi­al­un­ter­neh­men für Rönt­gen­ge­rä­te. Der Wed­ding war damals sowohl für Groß­kon­zer­ne wie die AEG als auch mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men wie die Hut­fa­brik Gat­tel und die Tre­sor­fa­brik Arn­heim ein attrak­ti­ver Standort.

Trans­por­ta­ble-Roent­gen-Ein­rich­tung, Max Levy (1899)

4.
Vom Röntgen-Geräte-Hersteller zum Alleskönner

Die Durch­leuch­tung des mensch­li­chen Kör­pers mit­tels Rönt­gen­strah­len war ein enor­mer Fort­schritt für die Wis­sen­schaft und zur Erken­nung von Krank­hei­ten. Somit lag der Fokus des Unter­neh­mens in den ers­ten Jah­ren auf der Ent­wick­lung sta­tio­nä­rer und mobi­ler Rönt­gen­ge­rä­te. Die neu­en Rönt­gen­ge­rä­te sei­ner Fir­ma stell­te Levy u.a. in dem Fach­ma­ga­zin „Jahr­buch für Pho­to­gra­phie und Repro­duk­ti­ons­tech­nik“ mit­samt tech­ni­scher Zeich­nun­gen und Pro­dukt­ab­bil­dun­gen vor.

Levy sah auch das Poten­zi­al in ande­ren tech­ni­schen Gerä­ten, wes­halb die Pro­dukt­pa­let­te sehr schnell erwei­tert wur­de. Bereits um 1900 wur­den ‘Wider­stän­de’, ‘Rönt­gen-Appa­ra­te’ und ‘Elek­tro­ni­sche Fächer- und Klein­ge­rä­te’ ange­bo­ten. Im Jahr 1909 erschien Levy in „Blom’s Engros‑, Export- und Han­dels-Adress­buch“ unter: Elek­tri­sche Appa­ra­te, Elek­tri­sche Maschi­nen, Moto­ren, Rönt­gen­ap­pa­ra­te, Ven­ti­la­to­ren und Wider­stän­de. Kurz­um, alles was einen Motor brauch­te, wur­de bei Levy in der Mül­ler­stra­ße 30 her­ge­stellt. Der Ver­trieb erfolg­te über den eige­nen Ver­sand und sta­tio­nä­re Händ­ler. In Wien warb 1909 die Dr. Paul Holit­scher & Co mit Gerä­ten von Max Levy. Auch in Prag waren Levys Pro­duk­te bei Juli­us Boschan in der Niklass­stra­ße erhält­lich. Aus dem Spe­zi­al­un­ter­neh­men mach­te Levy in kur­zer Zeit eine eigen­stän­di­ge Mar­ke, die euro­pa­weit ihre Pro­duk­te und Erfin­dun­gen mit wie­der­erkenn­ba­rem Logo ver­mark­te­te. Heu­te sind die Ven­ti­la­to­ren im Indus­trie-Look belieb­te Samm­ler­stü­cke. Sie wur­den in gro­ßen Stück­zah­len her­ge­stellt und vertrieben.

Grund­stück Mül­ler­stra­ße 30 (Kar­te: Strau­be 1910, Ausschnitt)

5.
Die versteckte Fabrik

Das Betriebs­ge­län­de der “Max Levy GmbH” war fast nicht direkt ein­seh­bar, denn nur an den Naza­reth­kirch­stra­ße gab es ein unbe­bau­tes Grund­stück neben der Haus­num­mer 50, was sich auch bis 1928 nicht ändern soll­te. In den ers­ten Jah­ren gab es zwei grö­ße­re Gebäu­de – ver­mut­lich 2‑geschossig – und ein klei­nes Haus für For­schung, Pro­dukt­ent­wick­lung, Fer­ti­gung und Ver­sand. Alle Rönt­gen­ge­rä­te wur­den in der Mül­ler­stra­ße 30 ent­wi­ckelt und hergestellt.

Zwi­schen 1910 und 1928 wur­de eines der bei­den grö­ße­ren Gebäu­de abge­ris­sen. An sei­ner Stel­le ent­stand ein mehr­ge­schos­si­ges Gebäu­de über einem H‑förmigen Grund­riss. Die brei­te Pro­dukt­pa­let­te erfor­der­te mehr Platz. Am Ende der 1920er Jahr sol­len hier cir­ca 800 Men­schen beschäf­tigt gewe­sen sein. Sei­ner­zeit gehör­ten zum Unter­neh­men auch drei Toch­ter­ge­sell­schaf­ten mit 34 in- und 27 aus­län­di­schen Ver­tre­tun­gen. Nach vie­len Jah­ren mit immer neu­en Ideen, zahl­rei­chen Paten­ten sowie Zer­ti­fi­ka­ten war ein klei­nes Impe­ri­um ent­stan­den, dass vom Wed­ding aus gestar­tet war.

Schall­plat­ten­spie­ler der Fir­ma Dr. Max Levy, Ber­lin ca. 1925–1930; Jüdi­sches Muse­um Ber­lin, Inv. Nr. 2000/557/0, Foto: Jens Ziehe

6.
Ein Leben zwischen Maschinen und Politik

Max Levy trieb nicht nur die Geschäf­te sei­ner Fabrik im Wed­ding vor­an, son­dern war auch poli­tisch enga­giert. In den „Ste­no­gra­phi­schen Berich­te über die öffent­li­chen Sit­zun­gen der Stadt­ver­ord­ne­ten“ kommt er zwi­schen 1909 und 1920 vor. Er beklei­de­te das Amt eines Stadt­ver­ord­ne­ten und küm­mert sich um ver­schie­de­ne The­men – auch nach 1920 taucht er in städ­ti­schen Doku­men­ten auf. Dar­über hin­aus spen­det er für unter­schied­li­che Hilfs­pro­jek­te, war in Ver­ei­nen aktiv und hielt Vor­trä­ge u.a. an der Han­dels­hoch­schu­le über die „Orga­ni­sa­ti­on und Bedeu­tung der deut­schen Elek­tri­zi­täts­in­dus­trie“ (1914). Im Jahr 1918 tre­ten Max Levy und sei­ne Frau in die neu­ge­grün­de­te links­li­be­ra­le Deut­sche Demo­kra­ti­sche Par­tei ein.

Brü­cken­al­lee 33: Adres­se von Max Levy

7.
Jüdische Verflechtungen

Viel­leicht war es Zufall, aber Max Levy wohn­te mit sei­ner Ehe­frau Jose­phi­ne Levy-Rathen­au nach der Hoch­zeit im Jahr 1900 – laut Tele­fon­buch spä­tes­tens 1908 – in der Brü­cken­al­lee 33. Das Wohn­haus im vor­neh­men Han­sa­vier­tel war 1891–1892 nach den Plä­nen des Archi­tek­ten der Hut­fa­brik Gat­tel, dem jüdi­schen Bau­meis­ter Georg Lewy, errich­tet wor­den. Durch­aus beein­dru­ckend waren die Woh­nun­gen, denn zum reprä­sen­ta­ti­ven Wohn­be­reich gehör­ten 5 Zim­mer, dann kamen 4 Schlaf­zim­mer und anschlie­ßend Küche, Kam­mern und Mäd­chen­zim­mer sowie Bade­zim­mer zum Licht­hof. Zu den tech­ni­schen Beson­der­hei­ten zähl­ten 1892 die Zen­tral­hei­zung und elek­tri­sche Beleuch­tung. Eben­falls womög­lich ein Zufall war, dass Ella Gat­tel (*28.12.1883, Frei­tod +21.12.1942), eine der Töch­ter des jüdi­schen Hut­im­pe­ri­ums Gat­tel, in den Naza­reth­kirch­stra­ße 49 wohn­te – unmit­tel­bar neben der Fabrik vom Max Levy. Heu­te erin­nert ein Stol­per­stein an die Che­mie­la­bo­ran­tin, die sich vor der Depor­ta­ti­on das Leben nahm. Im Haus Naza­reth­kirch­stra­ße 49 wohn­ten laut Jüdi­schem Tele­fon­buch 1931/32 auch Leo­pold (*21.05.1896, Depor­ta­ti­on 28.19.1942, +09.10.1944, Ort: Ausch­witz) und Erna Fried­län­der (*25.02.1899, Depor­ta­ti­on 26.10.1942, +29.10.1942, Ort: Riga) sowie Todros (Tod­res) Rou­bin­z­ik (*01.11.1867, Frei­tod 12.08.1942). Und im Vor­der­haus Mül­ler­stra­ße 30 gab es um 1930 das jüdi­sche Geschäft der Gebrü­der Ben­del für “Beleuch­tungs­kör­per und Elek­tro­ni­sche Anlagen”.

Kar­te von 1940 mit Fabrik und Umgebung

8.
Auf dem Höhepunkt

Zum 25-jäh­ri­gen Fir­men­ju­bi­lä­um gab Max Levy ein klei­nes Buch zur Fir­men­ge­schich­te her­aus. Kurz zuvor, am 15. Novem­ber 1921, starb sei­ne ers­te Frau. Vier Jah­re spä­ter hei­ra­tet Max Levy sei­ne zwei­te Frau Cla­ra (Clai­re) Hagel­berg (*1894, +1988). Mit ihr bekam er zwei Kin­der: Gün­ter Ernst (*1926, +2019) und Ellen Lore. Sie gin­gen 1931 nach Ita­li­en, wo Max Levy am 4. April 1932 in Meran ver­starb. Anschlie­ßend zog sei­ne Frau mit den Kin­dern in die Schweiz und kam nach Deutsch­land zurück, um nach Bel­gi­en zu emi­grie­ren. Im Sta­tis­ti­schen Jahr­buch der Stadt Ber­lin von 1938 wird die Dr. Max Levy GmbH mit einem Stamm­ka­pi­tal von 1,4 Mil­lio­nen RM (zu Ende 1936) auf Platz 88 auf­ge­führt – auf Platz 22 ist Her­tie Waren- und Kauf­haus mit 7,5 Mil­lio­nen RM, auf Platz 65 die KaDeWe GmbH mit 2 Mil­lio­nen RM, die Sie­mens Appa­ra­te und Maschi­nen GmbH mit 1,0 Mil­li­on RM auf Platz 114. Was pas­sier­te mit der Fabrik am Leo­pold­platz vor dem Zwei­ten Welt­krieg und danach? Fort­set­zung folgt… 

Literatur/Quellen:

Bun­des­ar­chiv, Gedenk­buch, Opfer der Ver­fol­gung der Juden unter der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft in Deutsch­land, 1933–1934.

Gla­ser, Otto: Rönt­gen­in­dus­trie und Patent­fra­gen, 1995.

Jae­ger Hans: Max Levy, Neue Deut­sche Bio­gra­phie, 1985.

Levy, Max: Div. Auf­sät­ze im Jahr­buch für Pho­to­gra­phie und Repro­duk­ti­ons­tech­nik, 1897–1901.

Nürn­ber­ger, Jür­gen und Mai­er, Die­ter G.: Jose­phi­ne Levy-Rathen­au (1877–1921), Ein Leben für die Berufs­be­ra­tung, HdBA-Bericht, Nr. 05, S. 73–95.

Sta­tis­ti­sches Jahr­buch der Stadt Ber­lin, Aus­ga­be 14.1938, IX. Han­del und Gewer­be, 109. Täti­ge Gesell­schaf­ten mbH mit Sitz in Ber­lin und einem Stamm­ka­pi­tal von min­des­tens 1 Mil­li­on Reichs­markt zu Ende 1936, S. 79f. 

Zum Autor: Carsten Schmidt (Dr. phil.), promovierte am Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin. Sein Interessensschwerpunkt für Stadtgeschichte verfolgt einen interdisziplinären Ansatz zwischen Gesellschaft- und Architekturgeschichte. Er ist Autor des Buchs: Manhattan Modern, Architektur als Gesellschaftsauftrag und Aushandlungsprozess, 1929–1969, und freut sich über Anregungen und Kritik. Zu finden ist er auch auf Twitter.

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