Gebrauchte Kleidung und ein gutes Gespräch

Wer Schuhe braucht, findet sie auch in der Kleiderkiste. Foto: Lena Reich
Wer Schu­he braucht, fin­det sie auch in der Klei­der­kis­te. Foto: Lena Reich

Gebrauch­te Hosen und Pull­over, ein paar gol­de­ne Schu­he: Das Kiez­ma­ga­zin Sol­di­ner hat die Klei­der­kis­te in der Wollank­stra­ße 58–60 besucht und mit den Mit­ar­bei­tern über ihre Arbeit für bedürf­ti­ge Men­schen und den Wan­del im Stadt­teil gesprochen.

Der Raum ist durch und durch mit Rega­len voll­ge­stellt. Dar­in lie­gen Klei­dungs­stü­cke, Schu­he und Kin­der­spiel­zeug. Ein blau­er Pull­over kos­tet 3 Euro: Er ist aus acht­zig Pro­zent Baum­wol­le, hat einen V‑Ausschnitt und lädt zum Mit­neh­men ein. Neben dem gro­ßen Tisch mit aller­lei Ober­tei­len, Jacken und Müt­zen thront auf einem erhöh­ten Podest ein Paar gol­de­ne Schu­he, neun Zen­ti­me­ter Absatz, so dürr, das man bangt, sie könn­ten allein vom Hin­se­hen umkni­cken. Eine jun­ge Frau mit lan­gem grau­en Par­ka hebt den lin­ken Schuh hoch. Sie sieht lächelnd zur Kas­se hin­über. „Jeder liebt die­se Schu­he“, flö­tet Moni­ka, die vor dem kur­zen Ver­kaufs­tre­sen steht, „aber kei­ner will sie haben. Dafür haben die Men­schen Wich­ti­ge­res im Sinn!“

Kleiderständer in der Kleiderkiste in der Wollankstraße. Foto: Lena Reich
Klei­der­stän­der in der Klei­der­kis­te in der Wollank­stra­ße. Foto: Lena Reich

Die meis­ten Kun­den, die in der Klei­der­kis­te ein­kau­fen gehen, kön­nen sich die Mode von der Stan­ge im Gesund­brun­nen-Cen­ter nicht leis­ten. Der Ver­ein Men­schen hel­fen Men­schen in und um Ber­lin e.V. (MHM) hat in der Wollank­stra­ße für die­se Men­schen einen Sozi­al­la­den. Pri­vat­leu­te spen­den dafür, Fir­men eben­falls. Auch eine Film­pro­duk­ti­ons­fir­ma plün­dert regel­mä­ßig ihren Fun­dus und stif­tet die gut erhal­te­ne Klei­dung. Wäh­rend drau­ßen der Hagel laut und bedroh­lich auf das Flach­dach pras­selt, legt Moni­ka mit einer sym­pa­thi­schen Ruhe die Klei­dungs­stü­cke zusam­men, die die jun­ge Frau kurz zuvor durch­ein­an­der gebracht hat. Wäh­rend sie redet, wer­kelt und tut Moni­ka. Sie kennt jede Ecke der Kis­te – und ihren Kiez.

Seit sechs Jah­ren ist Moni­ka Teil der gro­ßen MHM-Fami­lie. Ehren­amt­lich, wie alle ande­ren. Auf­ge­wach­sen ist die 54-Jäh­ri­ge in der Stet­ti­ner Stra­ße. „Wenn Tou­ris­ten kamen und frag­ten, wie es sich so lebe mit der Mau­er direkt vor der Nase, da wuss­te ich eigent­lich nie, von was sie spra­chen. Ich hat­te nicht das Gefühl, dass da ’ne Mau­er stand und ich was ver­pass­te.“ Als Anfang der 1970er Jah­re eine gro­ße Kuh­le an der Pan­ke aus­ge­ho­ben wur­de, da waren die Kin­der im Kiez auf­ge­regt: Moni­ka und ihre Freun­din­nen fan­ta­sier­ten sich ein Schwimm­bad oder min­des­tens einen See her­bei. Schwer ent­täuscht über das ent­stan­de­ne Rück­hal­te­be­cken zogen sie sich auf den höher gele­ge­nen Spiel­platz zurück, den sie fort­an „Olymp“ nann­ten. Bis zwei Jah­re vor der Mau­er­öff­nung war die Wollank­stra­ße eine vier­spu­ri­ge Fahr­bahn, auf der nichts los war. Alte Foto­gra­fien aus Moni­kas Album zei­gen Bra­che und Weite.

Die goldenen Schuhe haben viele Bewunderer, aber keinen Käufer. Foto: Lena Reich
Die gol­de­nen Schu­he haben vie­le Bewun­de­rer, aber kei­nen Käu­fer. Foto: Lena Reich

Moni­ka hat beob­ach­tet, wie der Wed­ding sich im Lau­fe der Jah­re ver­än­der­te. Die Stra­ße ist heu­te belebt, die letz­ten Bau­lü­cken wer­den geschlos­sen. Das Auto­haus Prinz an der Kreu­zung weni­ge hun­dert Meter wei­ter wur­de abge­ris­sen. Dort sol­len Wohn­häu­ser ent­ste­hen. Im Inter­net ist die Rede von 300.000 Euro für die zukünf­ti­gen 3‑Zim­mer-Eigen­tums­woh­nun­gen. Vie­le freu­en sich, das der Kiez durch neue Leu­te offe­ner wird. Aber eins steht fest: Dort, wo Moni­ka auf­ge­wach­sen ist, kann sie sich die Mie­te jeden­falls nicht mehr leis­ten. Dabei gibt es immer mehr Hartz-IV-Emp­fän­ger, die auf die Klei­der­kis­te ange­wie­sen sind. Als Wed­din­ge­rin küm­mert sie sich ger­ne um die Wed­din­ger, die Hil­fe nötig haben.

Auch das gehört zum Wan­del im Kiez: Vie­le, die über Jah­re in den Sozi­al­la­den gekom­men sind, sei­en nun ein­fach ver­schwun­den, muss­ten wegen stei­gen­der Mie­ten weg­zie­hen. Und obwohl auch die Zahl der Woh­nungs­lo­sen zunimmt, neh­men Obdach­lo­se das Ange­bot von MHM immer sel­te­ner an. Wenn sie kom­men, gibt Moni­ka ihnen einen dop­pel­ten Satz Klei­dung, ver­sorgt sie mit Decken, ent­sorgt die alten Klei­der. Jüngst hat ein Pots­da­mer Hotel Decken abge­ge­ben. Doch das allein ist es nicht, was die Arbeit in der Klei­der­kis­te aus­ma­che. Im Win­ter, wenn vie­le auf den Dach­bö­den und in den Kel­lern schla­fen, weil die Käl­te oder die Kon­kur­renz in den Hei­men sie nach drin­nen drän­gen, ist auch die Ein­sam­keit am größ­ten: „Und wenn sie ein­fach nur ein gutes Gespräch wol­len, dann bekom­men sie eben ein gutes Gespräch!“

Der Text und die Fotos stam­men von Lena Reich. Der Bei­trag ist zuerst im Kiez­ma­ga­zin Sol­di­ner, Aus­ga­be Dezem­ber 2016, erschie­nen. Wir über­neh­men den Text unse­res Koope­ra­ti­ons­part­ners, der Bür­ger­re­dak­ti­on im Sol­di­ner Kiez. Mehr Infos dazu ste­hen auf dem Redak­ti­ons­blog www.dersoldiner.wordpress.com


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