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Große und kleine Geschichten:
Kiez-Moment: Schraube der Illusion

5. Januar 2026
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Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding.

An der Rodelbahn an der Rathenau-Schraube im Rehbergepark ist Hochbetrieb. Wer noch einen Schlitten hat im Wedding ist unterwegs. Opas, Tanten, Mütter haben ihre manchmal schon antik aussehenden Gefährte aus dem Keller geholt, um beim ersten Schnee mit Enkeln, Nichten oder den eigenen Kindern den Berg herunter zu rutschen. Geduldig warten sie in einer Schlange, in der aufgeregtes Geschnatter in Deutsch, Türkisch, Polnisch und allen anderen Sprachen des Stadtteils zu hören ist.

Ein junger Vater erklärt seiner kleinen Tochter im türkisen Schneeanzug das bronzene Denkmal: „Das ist ein Brunnen. Da fließt im Sommer Wasser runter.“ „Nee“, sag ich. „Der Brunnen ist auch im Sommer abgeschaltet.“ Das Kind schaut enttäuscht, der Vater verdreht die Augen: „Weiß ich doch. Aber man muss den Kindern doch die Illusion lassen.“

Der Rathenaubrunnen steht auf der großen Sicheldüne, dem höchsten Punkt des Volksparks Rehberge, und wirkt eher wie eine moderne Skulptur als ein klassisches Denkmal. Errichtet wurde er 1930 als Erinnerung an Emil Rathenau, Gründer der AEG, und seinen Sohn Walter Rathenau, Außenminister der Weimarer Republik. Die rund vier Meter hohe Bronzespirale stammt vom Bildhauer Georg Kolbe; an der Treppe befinden sich Reliefporträts beider Geehrten.

Der Brunnen war politisch umstritten, wurde von den Nazis 1934 abgebaut und 1941 eingeschmolzen. Erst 1987 rekonstruierte der Bildhauer Harald Haacke das Denkmal nach historischen Vorlagen. Heute steht die Spirale wieder auf der Düne – allerdings ohne Wasserbetrieb, sodass vielen nicht bewusst ist, dass es sich um einen Brunnen handelt.

Rolf Fischer

Rolf Fischer

Ich lebe gerne im Wedding und schreibe über das, was mir gefällt. Manchmal gehe ich auch durch die Türen, die in diesem Teil der Stadt meistens offen stehen.

2 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Danke Rolf für den schönen Artikel wie immer mit einem gewissen und diesmal sogar wörtlichen Twist 😉
    Ich finde das Detail, dass die Nazis 1941 aus dem Material des ursprünglichen Rathenau Brunnens den Schiller an der Bastion gegossen haben (und das wiederum als Nachguss für den auf dem Gendarmenmarkt) auch interessant und sehr bezeichnend. Im übrigen schließe ich mich der Klage, dass dieses Juwel in den Rehbergen nicht besser gepflegt wird, vollumfänglich an.

  2. Ich finde es armselig wie die Regierung von Mitte den Rathenau Brunnen vergammeln und ohne Wasser lässt. Ein faszinierendes Kunstwerk mit historischer Bedeutung

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