Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding. Heute geht es rund ums Afrikanische Viertel.

Es ist mitten in der Fastenzeit und mitten im Ramadan, aber die Tische vor den türkischen Café sind rappelvoll. Die Sonne hat alle Nachbarn ans Licht geholt. Schließlich ist Sonntagnachmittag, da geht man Kaffee trinken. Manche kommen im E-Rollstuhl, manche mit kurzen Turnhosen, manche mit altrosa Leggings. Es wird Frühling im Wedding.
Ich finde einen Platz an einem Tisch in der Sonne, neben einem drahtigen schwarzen Mann und seiner etwas helleren Tochter, die an einer Limonade im Tetrapack nuckelt. In einfachem Deutsch erklärt er ihr, warum es wichtig ist, aufs Gymnasium zu gehen. „Da sind gute Menschen“. Dann fängt er an ihr die Immobilienpreise zu erklären. Er ist ein Checker. Das Mädchen holt sein Handy raus, er rechnet weiter: „Für das was du für ein Haus in Brandenburg bekommst, bekommst du in Berlin eine Eigentumswohnung, und die wird immer mehr wert…“
Sie schaut von ihrem Handy auf sein altes Handy, auf dessen Rückseite zwei Bilder lockenköpfiger Kinder kleben. „Wann kriegst du endlich ein neues Handy?“, fragt die Kleine. Eine Nachbarin kommt vorbei, lacht und knuddelt das Mädchen. „Was macht Jonas jetzt?“, fragt sie. „Ach, der geht jetzt zur Bundeswehr.“ „Ja, die Bundeswehr gibt ihm einen Halt“, doziert der Vater. „Besser ist es, eine Ausbildung zu machen. Aber wenn man keine Ausbildung macht, ist die Bundeswehr gut für Männer.“

Aus einem Regenrohr an der Wand pladdert Wasser auf den Gehweg und das Mädchen verzieht angeekelt sein Gesicht. „Das ist nicht aus der Toilette“, beruhigt der Vater sie, das schüttet man in Europa nicht auf die Straße, das kommt vom Dach.“, sagte er und schaut mich Bestätigung wünschend an. Ich verfolge das Rohr bis zum ersten Balkon. „Das ist Blumenwasser“, sage ich beschwichtigend. „Da gießt jemand seine Blumen auf dem Balkon. Es ist Frühling.“ „Ja, Blumenwasser!“, lacht mein Tischnachbar befreit und das Gesicht des Mädchens entspannt sich.

Ich muss weiter: Milch kaufen bei Jashims Tante Emma Laden. Der hat auch Sonntag auf. Jashim ist immer da. Mit seinem roten, hennagefärbtem Bart und und seien immer etwas müde blickenden Augen, seiner Frau und den drei Kindern, die im Laden rumhängen. Seit er vergangenes Jahr auf Pilgerreise, der Hadsch, in Mekka war, trägt er ein weißes Käppi, das fast so aussieht wie eine Kippa. Dass Jashim zum Glauben gefunden hat, merkte ich schon, als er vor zwei Jahren aufhörte, Bier zu verkaufen. Seitdem ist sein Laden ziemlich oft leer. Der Fußballverein, dessen Bilder und Pokale einst die Wände zierten, hat sich wohl ein neues Vereinslokal gesucht und die Trinker, die immer auf der Zeitungskiste vor dem Laden ihr Bier tranken, sind auf die Bank gegenüber der „Gemütlichen Ecke“ gewechselt.

Dafür gibt es bei Jashim jetzt Bio-Milch für 2,40 Euro und natürlich Hafermilch. Da wo die Bierkästen standen, steht jetzt eine Kühltruhe mit Eis am Stiel. Der Sommer kann kommen.

