Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding.

Abends um elf, im Dönerladen „Rehberge Bistro“. Ich komme aus dem Kino und brauche noch was Warmes. Die Hühnersuppe ist hier besonders gut und wird mit einer reichen Beilage aus frischem Gemüse und Pepperonis von der Dame des Hauses selbst an den Tisch gebracht. Neben mir sitzt ein drahtiger, nicht mehr ganz junger Mann mit etwas wie einer weißen Taucherbrille im Gesicht. Ganz verschwommen sieht man durch das Glas seine Augen. Er blickt auf die leere Wand neben mir, nuckelt an einer Cola und spielt auf seinem Handy. Neben so einem Alien schmeckt mir mein Essen nicht. „Was sehen sie denn da?“, frage ich, um in Kontakt zu kommen. „Die Bilanzzahlen von Apple. 40 Milliarden Dollar Gewinn“, haucht er ins Nirgendwo. Anscheinend ist er auch an einem Gespräch interessiert, denn nach zwei drei weiteren Fragen zieht er die Brille aus.

Er sieht auf meine Hühnersuppe. „Also das würd‘ ich nicht essen. Wissen Sie, was da drin ist? Das ist doch alles voller künstlicher Hormone.“ „Ja“, sage ich, „aber es macht warm und es gibt frisches Gemüse dazu.“ Es stellt sich heraus, dass er bis vor Kurzem im Nachbarladen gearbeitet hat, der Vegane Bowls verkauft. Jetzt ist er auf Bürgergeld, aber der missionarische Eifer bleibt. „Ich ess ja auch mal einen Döner, aber bei so einer Bowl, da weißt du, was drin ist. Und alles regional.“ Er redet weiter, über Aktienkurse (er hat keine Apple-Aktien), wann man sich was anschaffen kann (wenn man das Geld hat), und wie lange er auf die VR-Brille gespart hat. Als meine Suppe alle wird, sind wir schon bei seiner On-Off-Beziehung. Ich zahle und schaue noch mal zurück: Er hat die Brille noch nicht wieder aufgesetzt.

