Die Müllerstraße war einmal das Rückgrat eines urbanen Lebensgefühls im Wedding – eine Straße, die mehr war als nur Verkehrsachse oder Einkaufsort. In den Kommentaren zu unserem ersten Artikel wurde deutlich: Wer hier aufwuchs, lebte, arbeitete oder einkaufte, hat mehr als nur Erinnerungen – er oder sie trägt ein Stück Stadtgeschichte in sich.


Simone (Jg. 1955, in der Müllerstraße geboren) führt uns auf eine bildreiche Zeitreise rund um die Kreuzung Seestraße. Das Café Grobe, „für ältere Damen und Schulschwänzer“, der Wurstwagen, dessen Würste im Schweinefett schwammen, das Kino Alhambra gleich nebenan, und die Kneipe „Die offene Tür“, wo sich Nachtschwärmer um fünf Uhr morgens trafen. Dazu die Pharus-Schwemme mit Erbseneintopf, der Leiser-Schuhladen über zwei Etagen, die „dreckige Erna“ mit exzellenter Currywurst in einer Bretterbude, das verschwundene Kino Pamela, die Fleischerei Pilkan, das elegante Restaurant Jagdhütte – Erinnerungen, die ein ganzes Straßennetz lebendig machen.
Viele Leser:innen knüpfen an diese Dichte an. Nicole erinnert sich an die 70er- und 80er-Jahre mit Bilka, Salamander, M&S Moden, Ebbinghaus, Kaiser’s, C&A, Photo Piesnack und viele andere Läden, die längst verschwunden sind. Heute, sagt sie, müsse man „für ein paar Schuhe quer durch Berlin fahren“.
Der Nordteil der Müllerstraße


Fotos aus der Müllerhalle: Alexander Freitag
Auch der Straßenabschnitt zwischen Seestraße und Kapweg war einst reich an Adressen mit Charakter. Leserin Simone erinnert sich an einen Laden im Kellergeschoss hinter dem BVG-Gelände, wo es edle Taschen, Schals und stilvollen Nippes zu kaufen gab. Vor der Türkenstraße eröffnete der erste Chinese im Wedding – später durch die Springer-Presse bundesweit bekannt, weil dort Ratten im Tiefkühler entdeckt wurden. Ecke Türkenstraße lag das piekfeine Restaurant Detels, danach das berühmte Haus der hundert Salate, gefolgt von der Bäckerei Jäger mit legendären Plunderschnecken, die man sich als Schüler bei Tchibo an der Ecke Ofener Straße zu Kaffee und Zigarette gönnte. Siggy schreibt über regelmäßige Besuche in der Müllerhalle (hier unser Bericht), einer Markthalle, die es bis zu ihrem Abriss im Jahr 2012 gab. Dort kauften die Menschen nicht nur ein, sondern trafen sich, tauschten sich aus – es war ein Ort der Begegnung. Auch das Spielen im Schillerpark oder auf freien Flächen ist ein wiederkehrendes Motiv in den Kommentaren: Die Müllerstraße als Ausgangspunkt für kindliche Freiheit und Abenteuer.

Besonders in Erinnerung geblieben ist das Schirmgeschäft mit grünem Neon-Schirm, in dem man Regenschirme auch reparieren ließ. Ecke Schöningstraße gab es die Otavi-Apotheke, gegenüber bis heute Kleiderreinigung. An der nächsten Ecke: das Opatija, ein jugoslawisches Restaurant mit jahrzehntelang konstanter Qualität.

Der Friseursalon „Charlie“, geführt vom damaligen Innungschef („der Udo Walz des Wedding“), war ebenfalls eine Institution. Es folgten das Einrichtungshaus Döring, ein Herrenausstatter, Blumen Polz, die Konditorei Rateitschak, und kurz vor dem Kapweg – heute hinter dem Bolle, heute einn türkischer Supermarkt, gab es damals schon die Gartenarbeitsschule

Meike berichtet, dass ihre Familie den Würstchenstand an der Ecke Müller-/Seestraße betrieb, ihr Vater verkaufte Softeis. Für Reinhard war das „Haus der tausend Salate“ ein kulinarischer Fixpunkt. Gabriele erzählt von der Kindheit in einer Einzimmerwohnung an der Müllerstraße – später kam der Umzug in die Osloer Straße. Dany, Kerstin, Sabine und Peter lassen in ihren Erinnerungen das Alhambra-Kino aufleben – von Gängeputzen gegen Freikarten bis zum Schulklassenausflug zur „Rocky Horror Picture Show“.
Der mittlere Abschnitt zwischen Utrechter und Nazarethkirchstraße

Auch in der Mitte der Müllerstraße, zwischen Utrechter Straße und Nazarethkirchstraße, war einst jeder Meter mit Leben gefüllt. Leser MoGo erinnert sich detailreich: Gegenüber vom alten Rathaus stand ein Bestattungsgeschäft, daneben der vielleicht schmalste Lottoladen Berlins – das Gebäude wurde inzwischen abgerissen, heute steht dort ein Micro-Apartmenthaus. Direkt daneben: die legendäre Apotheke mit zwei Ein- und Ausgängen, zwischen denen eine Waage stand – kostenlos nutzbar, genau wie die kleinen grünen Lollis, die man dort oft geschenkt bekam.
Ein paar Schritte weiter lockte der für damalige Verhältnisse „edle“ KAISER’S-Supermarkt, in dem es bei jedem Einkauf Sammelmarken mit Kaffeepott-Motiven zum Einkleben gab. Damit sammelte man Rabatte für den Bohnenkauf – ein durchdachtes Bonussystem, das vielen in Erinnerung geblieben ist. Daneben lag ein Teppich- und Auslegewarengeschäft über zwei Etagen, dann die Berliner Bank, das Fotogeschäft Photo Porst und schließlich zwei Klassiker der Müllerstraße: das Modehaus Ebbinghaus für gehobene Kleidung und der Bürobedarf Ebeling, der Anlaufpunkt für Schulbücher.



Noch ein Stück weiter Richtung Amsterdamer Straße kam ein Passfoto-Geschäft, dessen Schaufenster Fotos von frisch geföhnten Pudeln zeigte – eine charmante Absurdität der Zeit. Es folgte ein Pferdewetten-Büro, dessen Schalterpersonal hinter Gittern saß – wohl zur Sicherheit.
Leser:innen erinnern sich auch an die gastronomischen Stationen: An der Ecke Müller-/Amsterdamer Straße das jugoslawische Lokal „Bei Sofia“, daneben das Schiller-Kino, wo sonntags Godzilla- oder Bruce-Lee-Filme für 2 DM liefen. Direkt daneben lag ein Pralinen- und Schokoladengeschäft, vermutlich Sawade, mit einer auffälligen gelb-orangenen Sonnenschutzfolie in den Fenstern.

Wolfgang erinnert sich an ein besonderes Detail im Schuhladen Salamander: Dort standen Röntgengeräte, mit denen Kinder die Passform ihrer neuen Schuhe überprüfen konnten – ein Relikt aus einer Zeit, in der solche Strahlung noch niemandem suspekt vorkam. Unglaublich aus heutiger Sicht, aber – wie Wolfgang augenzwinkernd anmerkt – „wir leben noch“.
Zwischen Leo und Ringbahn
Hinter Karstadt, Woolworth und dem Arbeitsamt gab es etwas Besonderes, wie Gisela ergänzt: Ecke Lindower Straße befand sich die Kaffeeklappe, „halb Puff, halb Kneipe“, wie sie schreibt – stadtbekannt und berüchtigt. Kurz davor lag das in vielen Kommentaren erwähnte Spielwarengeschäft Obst, dessen Eigentümer in der Ostender Straße wohnten.

Vielleicht ist es genau das, was von der Müllerstraße bleibt: nicht das, was in Schaufenstern liegt – sondern das, was in den Köpfen und Herzen vieler Weddinger:innen weiterlebt.



Und nicht zu vergessen Kräuter Kühne
Im heutigen Saray Grill, Müllerstrasse Ecke Seestrasse war früher die Kneipe/Imbiss “Die Offene Tür”.
In meiner Erinnerung eher ein übler Laden und nicht unbedingt einladend oder gar appetitlich.
Direkt daneben war der absolut edle Herrenausstatter “Kohnen”, wenn ich nicht irre gab es auch eine Filiale in Neukölln Karl Marx Strasse.Zwischen den beiden war ein Hauseingang, im Sommer gab es dort Soft Eis (als einfacher Stand windgeschützt) und im Winter wurden sonst Würste gebraten und es lag immer eine dicke Scheibe Schweinespeck auf dem Grill (extrem fett und riechend).
Rechts neben Kohnen war ein sehr altes Haus mit Kurzwaren und Damenmode.
Zwei Häuser weiter war ein Uhrenfachgeschäft, die eine große Weltuhr ausstellten.Nicht elektronische Anzeige, sondern
wie eine Weltscheibe mit exotischen Städte Namen, ich war immer extrem beeindruckt von Sydney.
Wegen des Zeitunterschied und die waren immer in der Nacht, wenn wir Tageslicht hatten.
Ist sogar heute noch so 🙂
Ich bin 1993 in die Gegend gezogen und erinnere mich noch an viele der genannten Geschäfte. Heute denke ich, „ach hätte ich doch damals Fotos gemacht“, denn vieles weiß ich nicht mehr genau.
Ich erinnere mich noch an den selbsternannten Nobel-Imbiss „Futtern wie bei Muttern“, ich glaube der war in dem Gebäude in dem heute der Imbiss Ya Karim ist. Nach „Futtern wie bei Muttern“ war in dem Laden für relativ kurze Zeit eine Bankfiliale, dann ein Taschengeschäft, dann das wie ein American Diner aufgemachte „Friedgart’s“ und dann Ya Karim, welcher sich von allen genannten am längsten hält.
Und wo heute der Burgermeister am Leopoldplatz ist, war viele Jahre ein Fachgeschäft für Nähmaschinen.
Das Feinkostgeschäft in dem ich auch noch eingekauft habe, habe ich als „Haus der guten Salate“ in Erinnerung.
Hallo, ich glaube “Futtern wie bei Muttern” war die Pharus Gaststätte direkt gegenüber von C&A.
Die Gaststätte auch 2 Ein.bzw Ausgänge.Rechts daneben gab es eine Chemische Reinigung, die hieß Reintex,
wenn ich nicht irre.
Der Nähmaschinenladen wahr Singer und gab es viele Jahrzehnte 😊😊😊
Ich würde gerne wissen,wo das Foto von dem Hinterhof mit den vollgestellten Regalen entstanden ist.Im Bereich See Ecke Müller gab es einmal auf einem Hof eine Firma für Bootszubehör
Sieht so aus als wäre es in der Müllerstraße 138c (neben der alten Lackfabrik). Dort gibt es den Flohmarkt „Die 2″, der sich über zwei Hinterhöfe erstreckt.
Das Bootsgedchäft hieß Berolina und wahr in der Müllerstr 133 auf dem Hinterhof
Gut Shabbes an Alle, auch an die, die nicht gegrüßt werden wollen.
Kleiner Nachtrag zum Thema “Müllerstrasse Früher War Alles Besser”.
Bevor Karstadt (ex?) gebaut wurde war dort eine große Brachfläche von Schulstraße bis Antonstraße.
Dort gab es regelmäßig einen großen Rummel u.a. mit großem Ketten Karussel (ja, auf diesem fuhren alle gleich schnell, frei nach Jürgen Markus).Die Fahrt kostete 50 Pfennig.
Müllerstraße Ecke Antonstraße war ein Flachgebäude in dem ein Radio & Fernsehgeschäft war, habe den Namen leider vergessen.Der U-Bahnhof Leopoldplatz hatte damals nur 2 Eingänge (die beiden nördlich gelegenen) und Endstation der U9.
Hallo MoGo
wer uns mit Shabbes begrüßt , muss genau wissen das der jüdische Ruhetag am Freitag nach Sonnenuntergang bis Samstag Sonnenuntergang dauert… bist Du also aschkenisch-hebräisch oder jüdischen Glaubens oder gibt es da keinen Unterschied!!??
Grüße
Mahlzeit Reinhard,
Danke für Deine Antwort und Danke für Deine Frage (sorry für mein “Du”, falls es Dich stören sollte).
Shabbes ist jiddisch, Aschkenas war ein Enkel Noahs (Danke Wicki sic!)
Ich erlaube mir wie folgt zu antworten (auch hier teilweise Danke Wicki sic!):
Meine Glaube ist der, an die Menschheit (nicht immer leicht heute, war es früher aber auch nicht).
Meine Nation ist Mensch.
Mein Land ist die Welt.
Lass es Dir gut gehen, denn ich tue es auch.Schönen Rest Shabbes.Gruß MoGo
na dann haben wir wohl möglicherweise die selben Ansichten…
Ich habe mir mittlerweile einige Seiten ausgedruckt zum aufheben,solche Beiträge verdienen es in einem Büchlein zu veröffentlicht zu werden
Anmerkung zu Bäckerei Rateitschak
Ich wohnte an der Rückseite der Backstube,als Kinder konnten wir oft eine Tüte mit Kuchenresten für ein paar Pfennige kaufen
Hallo Wolfgang
diese Bäckerei war auch die einzige im Wedding (oder gar in ganz Berlin) wo es Backwaren für Diabetiker gab… und Sonntags haben die Menschen dort bis auf die Straße angestanden,,,, Torten Windbeutel etc gingen ruckzuck weg wie warme Semmeln…und heute nix der gleichen, jedes der nachfolgenden Geschäfte hört nach kurzer Zeit wieder auf.
Genau wie bei Blumen Polz (siehe Bild oben)… früher war es sowas wie Tradition das (Ehe)Männer ihren Frauen Sonntags einen Blumenstrauß schenkten, meine Güte wie voll der Laden dann gewesen ist. Bis zu 6 Angestellte hatten alle Hände voll zutun Sträuße zu binden – und heute ooch hier fast nix los , manchmal kommt es mir vor als wenn ich der einzige bin der dort zum Frühjahr Blumen für den Balkon kauft… bei einem Plausch verried mir die Chefin , das der Laden nur noch über Veranstaltungen aller Art läuft wo halt Blumendeko benötigt wird.
Wenn ich so nachdenke , dann könnten mir fast die Tränen kommen wie das alles verändert hat… zum Besseren hmm für mich wohl kaum , wenn ich auf diese Stadt schaue
in diesem Sinne
Neben dem heutigen Blumenladen gab es in den 50er einen Laden, der nur mit Süßigkeiten handelte, für mich ein Kinderparadies
In dieser Ladenzeile eröffnete Bolle auch ein erstes Selbsbedienungsgeschäft
Müllerstrasse Ecke Utrechter Straße (heute Işbank vormals Deutsche Bank) gab es auch einen
“riesigen” Bolle SB Markt mit SB Fleischtheke (vorgepackt, war damals auch revolutionär.
Der Bolle wurde Mitte der 80er geschlossen.
Direkt gegenüber in der Müllerstrasse im ehemaligen Gesundheitsgebäude (u.a.AOK Zentrale)
war im Erdgeschoss WitBoy Jeans (Werbung damals: affengeile Preise und Mittelfinger!).
Im 1.OG China Restaurant ManFuKung war damals auch etwas besonderes.
Es gab auch ein weiteres China Restaurant Müllerstrasse gegenüber dem Läusepark,
über dem Berufsbekleidung Geschäft.
Links neben der Kirche war Fahrrad Roeske, das Eldorado für Bonanza Fahrräder mit
3er Gangschaltung und Bananensitz.Der Fuchsschwanz war obligatorisch.
Für jemand der im Afrikanischen Viertel aufwuchs ist der Artikel wie eine Zeitreise. Vielen Dank dafür.
schön juten Morjen
eine wunder schöne zusammen Fassung wie geil es mal auf der Müller war, gerade am Donnerstag mal nach längerer Zeit wieder über die Müller galaufen – so ab Ecke Barfuss bis zu Lemy’s Cafe, eine Bar neben der anderen dazwischen ein Laden für gebrauchte Waschmaschinen… das sieht alles so schmuddelig, so trostlos aus und ja da hab ich wieder an die guten, alten Zeiten gedacht auch an das Haus der 100 Salate . Heute macht es fast keinen Spass mehr am Samstag oder Sonntag über die Müller zuschlendern
Schade… mal sehen ob es noch mal besser wird …
Grüße
Vielen Dank auch für die vielen Hinweise bei den letzten Artikeln zu diesem Thema – ohne die Leser- Erinnerungen wäre dieser Beitrag nicht möglich gewesen.
Hallo zusammen,
eein sehr schöner Artikel. Wir schlenderten immer zwischen unserer Wohnung ( Nähe U-BHF Wedding) und der meiner Uroma (Nähe U-Bhf Rehberge) hin und her. Man konnte stundenlang mit einem Schaufensterbummel verbringen. Für uns Kinder gab es viele tolle Dinge, die man sich zum Geburtstag oder Weihnachten wünschen konnte.So einfach mal kaufen war damals nicht drin. So war die Müllerstraße eine große wunderbare Glitzerwelt.
Schöne, leider nicht wiederholbare Erinnerungen.
Vielen Dank
Manuela *57