Irrtümer über Livestreams: Brauseboys im Himmelfahrtsstrom (21.5.)

Als vor vie­len Wochen der Lock­down begann, war an eine Lese­büh­ne kaum zu den­ken. Wie soll­te das gehen, wenn kei­ner irgend­wo hin­ge­hen kann? Es lag zwar nahe, ersatz­wei­se etwas im Inter­net zu machen, min­des­tens muss­te dort ja das Aus­fal­len ver­kün­det wer­den. Aber Lese­büh­nen fal­len meist nicht so ger­ne aus, umso mehr, wenn sie z.B. zwan­zig Jah­re immer wöchent­lich statt­ge­fun­den haben – ob Hei­lig­abend, EM, Sturm oder sonst­was war. Jetzt ein Virus, na gut, kann man sich alles nicht aus­den­ken.  Zum zehn­ten Stream der Brau­se­boys ver­sucht Frank Sor­ge ein paar Irr­tü­mer aufzuklären.

Alles ganz einfach

Die moder­nen Diens­te im Inter­net ver­spre­chen und arbei­ten dar­an, dass die­se Din­ge uns allen zugäng­lich wer­den kön­nen. Es ist ganz ein­fach: Han­dy an und in die Kame­ra spre­chen, Lap­top auf und mit einem Klick live auf You­Tube sein. Super Sache, super ein­fach. Also haben es vie­le Künst­ler auch mit dem Live­strea­men pro­biert,  hoff­nungs­froh Ter­mi­ne ein­ge­rich­tet, und die ich davon kann­te, haben mir danach eine Nach­richt geschrie­ben: War­um hat es nicht funk­tio­niert? Weil es alles ganz ein­fach ist, es ist nur lei­der nicht lapi­dar. Es hilft, wenn man ein sehr teu­res Han­dy hat, wenn man einen Klein­wa­gen ver­kauft hat, um sich einen Lap­top anzu­schaf­fen, wenn man die Band­brei­te erwor­ben hat, um sich Fil­me auf den wand­fül­len­den Fern­se­her zu holen. Aber auch dann kann man dar­an schei­tern, dass es so ein­fach ist.  Bild und Ton wer­den gemischt an einen spe­zi­el­len Ser­ver geschickt, mehr ist da eigent­lich nicht dran. Es ist so ein­fach, dass vie­le es gar nicht vor­her ausprobieren.

Mir fehlt das Publikum

Wer sich auf eine Büh­ne stellt, hofft auf Publi­kum. Ist es da, fängt man an, spricht es an, ver­sucht es ein­zu­fan­gen, mit­zu­neh­men, abzu­ho­len. Man reagiert auf das Publi­kum, man braucht es, ja, aber zuerst arbei­tet man doch dar­an, dass das Publi­kum über­haupt reagiert. Reagiert es nicht auf das, was man auf der Büh­ne macht, reagiert man selbst auch nicht mehr, außer viel­leicht, dass man ent­nervt die Büh­ne ver­lässt. Ich habe es nicht sel­ten gese­hen, und man­ches muss­te ich dann aus­ma­chen, dass das Publi­kum da ist, im Stream, dass es Likes ver­teilt und kom­men­tiert, dass die Zuschau­er ihrer Freu­de Aus­druck ver­lei­hen, dass wenigs­tens auf die­se Art etwas statt­fin­den kann. Der auf der Büh­ne hört aber nicht auf zu kla­gen, das Publi­kum wür­de feh­len, die ‘ech­ten Men­schen’, die ‘ech­ten Reak­tio­nen’. Ich war ja in die­sen Momen­ten Publi­kum, und kann genau sagen, wie sich das von die­ser Sei­te aus anfühlt. Eitel, undank­bar, abtör­nend. Da fiel es mir nicht schwer, wie­der aus­zu­schal­ten. Stört ja offen­bar auch nicht, wenn ich gar nicht ‘echt’ bin.

Die letz­te Woche zum Nachschauen

Das Inter­net ist schuld!

Tech­nik ist nur mit magi­schen Mit­teln bei­zu­kom­men, wir ahnen das, ich möch­te es bekräf­ti­gen. Gibt es ein Pro­blem mit dem PC, ist Bill Gates schuld, lädt eine Web­sei­te nicht, ist es der ‘ver­damm­te Brow­ser’. Wenn der Live­stream ruckelt, ist es ‘das Inter­net’ – ‘dein Inter­net geht nicht’, ‘mein Inter­net ist doof’, ‘da ist ein Pro­blem mit dei­nem Inter­net’, ‘hol dir mal bes­se­res Internet’.

Der magi­sche Trick nun ist – schnipp – am Ende ist es das nie: “Oh, das Kabel war nicht drin.” – “Ah, da war das fal­sche Mikro aus­ge­wählt.” – “Oh je, die Auf­lö­sung war ja viel zu groß ein­ge­stellt.” – “Ach, ich hab gar kein Lan-Kabel ver­bun­den, wie du mir fünf­hun­dert Mal geschrie­ben hast.” – “Hier im Bun­ker unter dem zehn­stö­cki­gen Beton­bau ist der Emp­fang viel­leicht doch nicht so gut.”

Auch die Com­pu­ter selbst kön­nen vie­les, eigent­lich alles. Auch wenn sie zehn Jah­re alt sind und nie auf­ge­räumt wur­den, es sind wah­re Zau­ber­ma­schi­nen. Mei­ner bringt mir mor­gens immer die Zei­tung und Kaf­fee ans Bett.

 

Die Brau­se­boys – Lese­büh­ne im Wed­ding – Himmelfahrtsstrom!

Seit sieb­zehn Jah­ren jede Woche neue Tex­te, Betrach­tun­gen, Musik und bele­ben­de Hei­ter­keit, seit Beginn der Iso­la­ti­on im Live­stream

Wann wir wie­der auf einer ‘ech­ten’ Büh­ne ste­hen, das wis­sen wir nicht. Es steht schon in den Ster­nen, wir kön­nen es nur noch nicht ent­zif­fern. Bis dahin strea­men wir wei­ter und freu­en uns wie Bol­le über unser vir­tu­el­les Publi­kum. Schal­tet ein, und lasst euch was vorlesen.

Ab 20.15 Uhr ein­schalt­bar auf unse­rer Face­book-Sei­te, auch ohne Account. Da Face­book eine prak­ti­sche Restrea­ming-Funk­ti­on hat, wird der Live­stream auch auf der Wed­ding­wei­ser-Śei­te bei Face­book übertragen.

Autor & Vorleser.

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