“Icedippers”: Die Eisbader vom Plötzensee

Foto: Ste­phan Wall

Die Luft riecht nach nas­sen Haa­ren, nach Bier und Gras und Bade­hand­tü­chern. Irgend­wo spielt jemand Gitar­re, plötz­lich platscht es laut im Was­ser und dann wie­der lacht eine Grup­pe von Män­nern. Der Plöt­zen­see ist an die­sen magi­schen Som­mer­aben­den voll mit klei­nen Boo­ten, Bade­tie­ren und Schwim­me­rin­nen. Auf der Wie­se beim Stein­gar­ten sit­zen Grup­pen von jun­gen Leu­ten, auf der ande­ren Sei­te FKK, und das Strand­bad ist ohne­hin immer voll. Spä­ter im Novem­ber sind die Ufer­we­ge dann ver­las­sen und es ist viel leich­ter, dort sei­ne Lauf­run­den zu dre­hen. Und vom Som­mer zu träu­men. Don­ners­tags ein Erin­ne­rungs­fo­to bei Insta­gram tei­len. Und das ist alles? 

Eine krasse Erfahrung

Foto: Mau­rice Schmülling

Anfang Dezem­ber habe ich es zum ers­ten Mal gemacht. Aus­zie­hen, Bade­kap­pe auf und ab in den See. „Ich schwim­me ein­fach ein­mal rüber zum Steg und wie­der zurück. Kein Ding.“ Nach zehn Metern bekom­me ich kei­ne Luft mehr und dann eine Todes­angst, wie ich sie noch nicht in mei­nem Leben hat­te. „Sofort zurück! Sofort zurück! Du Idi­ot!“ Wie­der am Ufer schnap­pe ich noch immer unkon­trol­liert nach Luft. Nach einer knap­pen Minu­te bin ich aus dem Was­ser, zit­ternd, und ganz still. „Irgend­wie,“ wer­de ich spä­ter erzäh­len, „war das eine rich­tig kras­se Erfah­rung. Ich muss das unbe­dingt noch mal probieren.“

Jeden Sams­tag um 10:00 Uhr tref­fen sich die Ice Dip­pers Ber­lin. Es ist der sel­be Stein­gar­ten am Ost­ufer des Plöt­zen­sees, an dem im Som­mer so vie­le Leu­te baden gehen. Fünf­zehn, manch­mal zwan­zig Leu­te kom­men hier zusam­men. Bei Schnee und Eis kön­nen es auch mehr wer­den. Am Anfang machen wir eine ein­fa­che Atem­übung. Jonas, der die Grup­pe 2017 mit Bas­ti­an ins Leben geru­fen hat, sitzt auf dem Boden und gibt eine kur­ze Ein­füh­rung für alle, die zum ers­ten Mal dabei sind. Die Atem­tech­nik stammt von Wim Hof, einem Nie­der­län­der, der alle mög­li­chen Rekor­de in fros­ti­gen Tem­pe­ra­tu­ren hält, aber die Ice Dip­pers sehen sich nicht als Wim-Hof-Grup­pe, son­dern als eine selbst­or­ga­ni­sier­te Grup­pe von Men­schen, die ein­fach im Plötz­sen­see eis­ba­den. Jede/r ist will­kom­men. „Danach gehen wir ins Was­ser. Ich wür­de euch bit­ten, weil es eine sehr medi­ta­ti­ve Erfah­rung ist, mög­lichst ruhig zu sein und nicht zu reden, solang noch jemand im Was­ser ist.“

“Es ist überhaupt nichts dabei”

Foto: Ste­phan Wall

Anders als bei mei­nem Allein­gang im Dezem­ber atme ich jetzt tief und gleich­mä­ßig und neh­me die Käl­te ein­fach wahr. Manch­mal krib­belt die Haut. Ich spü­re mei­nen Herz­schlag. Weh tut es nicht. Ich weiß, dass mein Kör­per mit die­ser Situa­ti­on klar kommt. Nach einer Minu­te kommt die Stil­le. Stell dir vor, du sitzt in der total über­füll­ten Ring­bahn, min­des­tens fünf Leu­te schrei­en in ihre Han­dys, und mit ein­mal mal stei­gen ein­fach alle aus. Türen zu. Und du sitzt allein in der Bahn. Das ist es, was bei mir im kal­ten Was­ser pas­siert. Auch nach dem Eis­ba­den bleibt die Stil­le noch für ein paar Tage. Inzwi­schen gehe ich jeden Tag in den See, sams­tags mit der Grup­pe und sonst allein. Von Atem­not und Todes­angst ist nichts mehr zu spü­ren. „Kann ich das auch?“ Die meis­ten mei­ner Freun­de haben mich erstaunt ange­guckt. Mit­ge­kom­men, um es selbst zu pro­bie­ren, ist nur einer.

Foto: Ste­phan Wall

Natür­lich kannst du das! Es ist über­haupt nichts dabei. Beim ers­ten Mal ist es sehr, sehr kalt und dein Kör­per bekommt einen ordent­li­chen Schreck: „Hil­fe – was pas­siert hier?“ Aber selbst da wirst du mit Glücks­hor­mo­nen über­flu­tet. Und dann wird es immer leich­ter. Die Hän­de und Füße wer­den unemp­find­li­cher. Du wirst wach und klar und ent­spannt und stolz, dass du dich über­wun­den hast, Sams­tag mor­gen nicht im war­men Bett zu schlum­mern, son­dern in den kal­ten See zu stei­gen. Du musst nie­mand Beson­de­res sein, um das zu tun – aber es ist etwas Beson­de­res, wenn du es tust. Jedes Mal. Ich jeden­falls habe den bes­ten Win­ter mei­nes Lebens. So glück­lich und ent­spannt habe ich mich noch nie gefühlt, wäh­rend die gan­ze Stadt wochen­lang grau und trost­los ist. Nur auf den Früh­ling freue ich mich dies­mal nicht so richtig.

Spenden für die Kältehilfe

Foto: Mau­rice Schmülling

Zum Schluss wird es dann rich­tig gesel­lig. Jonas hat eine rie­si­ge Ther­mos­kan­ne mit hei­ßem Ing­wer­tee dabei. Genau das Rich­ti­ge jetzt! Leu­te stel­len Fra­gen, tau­schen sich aus, geben Tipps, quat­schen mit­ein­an­der, ver­ab­re­den sich. Um Mut­pro­ben und Best­zei­ten geht es hier übri­gens nie­man­dem. Wenn ich Jakob, der als einer der letz­ten aus dem Was­ser gekom­men ist, fra­ge, wie lan­ge er heu­te drin war, zuckt er bloß mit den Schul­tern und lächelt mich an: „Hab nicht gestoppt.“ In einem Ein­mach­glas wer­den Spen­den für den Käl­te­bus der Ber­li­ner Stadt­mis­si­on gesam­melt. 800 € sind so im Win­ter 2017/18 zusam­men­ge­kom­men. Die Sai­son geht noch bis Ende März. Im Juni riecht es dann wie­der nach nas­sen Haa­ren, nach Bier und Gras und Bade­hand­tü­chern. Dann dre­he ich mei­ne Lauf­run­den oder schwim­me rüber zum Steg und träu­me dabei vom Win­ter. In Wahr­heit ist es hier immer schön und mehr als ein Hand­tuch braucht man nicht. Man muss es ein­fach machen – noch bis Ende März.

Text: Mau­rice Schmülling

Hin­weis der Redak­ti­on: Wir wei­sen dar­auf hin, dass das Baden im Plöt­zen­see  aus Grün­den des Land­schafts­schut­zes außer­halb des Frei­ba­des eigent­lich ver­bo­ten ist. Im Win­ter ist der erlaub­te Zugang zum Plöt­zen­see aller­dings wegen des geschlos­se­nen Strand­ba­des problematisch.

Web­sei­ten:
https://icedippers.com/
https://www.facebook.com/icedippersberlin/


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