Home Sweet Home: Systemrelevant

Serie Da kam heute Konrad vom Dienst nach Hause – drei Tage pro Woche ist er nun im Homeoffice und an zwei Tagen muss er noch ins Büro – und hält mir einen Zettel unter die Nase, auf dem steht, sein Bürojob sei jetzt „systemrelevant“. Für mich persönlich schon jetzt das Unwort des Jahres 2020. Systemrelevanz. Da frage ich mich, was wir Normalos sind? Ganz unten in der Nahrungskette? Beutetiere?

Wieviele Menschen haben denn teilweise jahrzehntelang, wie ich auch, ehrenamtlich dem System gedient, indem sie sich in den Elternbeirat haben wählen lassen, als Lesepaten in Schulen geholfen, Kindergruppen mit Hausaufgaben betreut, die betagten Eltern, Großeltern und Schwiegereltern gepflegt, neben der Arbeit mit Verdienst noch den Haushalt geschmissen, die Kinder erzogen, ältere Nachbarn mitversorgt, noch in Suppenküchen oder bei der Caritas oder in der Kirche gearbeitet? Es gab und gibt so viele ehrenamtlich arbeitende Bürger und Bürgerinnen, manchmal noch nicht einmal offiziell, sondern unsichtbar in der Nachbarschaft, im Bekanntenkreis, im Krankenhaus nebenan zum Geschichtenvorlesen auf der Kinderstation…

Systemrelevanz ist etwas anderes. Aha.

Nach anfänglichen leichten bis mittelschweren Wutattacken diese bekloppte neuartige Differenzierung betreffend und nach ersten apokalyptischen Phantasien, in denen ich eine Gruppe Rebellen mit Klopapier durch das verwaiste Berlin zum Robert–Koch–Institut führe und letztendlich das Virus besiege und wir endlich wieder normal leben könnten, hatte ich heute morgen tatsächlich so was wie gute Laune.

Erste Sonnenstrahlen wärmten mein Gesicht, einige Vögel zwitscherten und ich wollte Kaffee. Es wird Frühling, auch ohne Menschen. Dieser Planet braucht nicht uns, wir brauchen ihn. Okay, man braucht einige Tage, bis man sich an „zu Hause bleiben“ gewöhnt hat, bis man sieht, dass das Klopapier sich nicht schneller abrollt als früher und man trotz Virus keinen Durchfall hat.

Nach einer heißen Dusche, dem Wecken der Kinder und dem Frühstück war es also soweit: Schularbeiten – nächster Versuch. Ich mache es kurz: Maria wollte mit Ben spielen und piesackte ihn die ganze Zeit, Ben meckerte herum, wollte Maria am liebsten in ihrem Zimmer festbinden und Konrad wollte Kaffee.

Gemeinsames „Homeparenting“ wäre ja mal eine Idee gewesen, aber natürlich ist Herr von und zu Systemrelevanz nicht willens, im Sinne des Homeschoolings ein Machtwort zu sprechen, sondern besinnt sich gerade dieser Tage darauf, dass moderne Väter mehr den besten Freund und eher weniger den Erzieher der Kinder heraus hängen lassen. Es reicht ja, wenn es sich ein Elternteil verscherzt.

„Ach Anke, lass doch die Kinder… wenn sie doch gerade so schön spielen…, ach Ben und Maria, jetzt tut doch Mama mal den Gefallen. “

Danke, Konrad. Das war exakt die Unterstützung, auf die ich gehofft hatte. Knurrr. Nachdem ich tief Luft geholt und deutliche Worte über den weiteren handy- und WLAN-freien Verlauf des Tages gefunden hatte, wenn also jetzt hier nicht sofort konzentriert gearbeitet werden würde, und nachdem Konrad diplomatischerweise wortlos, aber flink in sein Arbeitszimmer geflohen ist, Maria tränenfrei, aber lautstark vor sich hin schluchzte und Ben mir versicherte, dass er auch zu seiner Freundin ziehen könnte, wenn ich so weiter machen würde wie bisher, saßen wir also gemeinsam am großen Tisch und arbeiteten.

Ben versuchte abgefahrene physikalische Zusammenhänge über Kernfusion a) zu verstehen und b) zu berechnen. Nun kam ja die Frage auf, ob überhaupt noch Abiturklausuren geschrieben werden würden, oder ob man den Schülern nicht eventuell ein Anerkennungsabitur zugestehen könnte , was gleichzeitig bei uns zu einer Diskussion über die Sinnhaftigkeit der Aufgaben führte.

Vorausschauenderweise einigte sich die Regierung darauf, die Prüfungen stattfinden zu lassen, was zu neuen Problemen führte, denn nun musste sich Ben vorbereiten und das ohne Freunde, ohne Lehrer, ohne wirkliche Lust drauf, dafür mit viel „Mutti“ am Küchentisch.

Ich wollte eben nochmals tiiiiief durchatmen, als Konrad seinen Kopf zur Tür herein steckte und mich an meine ehelichen Pflichten erinnerte. Für einen Moment wurde es still am Tisch. Ben hatte die Redewendung verstanden und sah mich entsetzt an, Maria verstand nicht ganz, weshalb ich so irritiert war und Konrad grinste. Ich sah ihn sprachlos verblüfft an. Hatte er eben echt vor den Kindern … „Eheliche Pflichten“ … nach 23 Jahren… Ich meine… Nein, aber nicht doch! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Auf den guten Konrad ist doch immer Verlass. Sein maskulin–betörender Beschützerinstinkt kümmert sich in Zeiten des „Nicht-Anfassens“ und „Zwei Meter Abstand-Haltens“ keineswegs mehr um die niederen Triebe einer Mittvierzigerin. Hier ging es mehr um existenzielle Gelüste. Er meinte, er habe Hunger und erinnerte mich an meine grandiosen Fähigkeiten als Köchin. Klar. Wer systemrelevant ist, darf sich wohl auch bekochen lassen. Noch `n Stück Kuchen dazu?

Während Ben Maria die Diskrepanz erklärte zwischen dem, was ich dachte, das Konrad meinte und dem, was Konrad wirklich wollte, Maria minutenlang vor sich hin kicherte und Konrad in Phantasien über Kartoffelpuffer schwelgte, schlurfte ich in die Küche und schmiss den Wasserkocher an. Wenn ich was nicht leiden kann, sind es Kartoffelpuffer. In deutschen Haushalten gibt es in Notzeiten Nudeln! Punkt!

Als ich vor ungefähr einem Jahr sagte, ich würde mir mehr Zeit mit Konrad wünschen, ob er sich nicht ein Sabbatjahr vorstellen könnte – da hatte ich mir mehr Wohnwagen vorgestellt, morgens nicht wissen, wo man abends anhält, löslicher Kaffee aus einer Blechtasse, Gitarrenmusik am Lagerfeuer, Trommeln, Dreadlocks und die grenzenlose Weite Europas.

Ich hatte mir eher weniger geschlossene Grenzen, „beim Händewaschen ein Vaterunser“ , „in die Armbeuge niesen“ und „zu Hause bleiben“ vorgestellt. Hier ist einiges aus dem Ruder gelaufen! Ich beschloss, mich an den Verantwortlichen zu wenden.

GOTT! Wir müssen reden!

Fortsetzung folgt

Text: Anke von Eckstaedt


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