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Bezirksverordnetenversammlung:
Das Toilettenhaus am Rande der Stadt

Kategorie: Am Rande vermerkt

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Ernst bei­sei­te: Was gibt es Wich­ti­ge­res als ein leer­ste­hen­des Toi­let­ten­haus im Schil­ler­park? Ent­schul­di­gung. Ja, das Wort Toi­let­ten­haus ist nicht wert­schät­zend. Kor­rekt heißt es Bedürf­nis­an­stalt. Ein Fre­vel, dass das Stra­ßen- und Grün­flä­chen­amt die­se Per­le der Bau­kul­tur im Gestrüpp ver­wit­tern lässt. Seit Jahr­zehn­ten. Und es seit sechs Jah­ren hin­ter einem Bau­zaun gefan­gen hält. Doch zum Glück gibt es die Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung (BVV). In die­ser las­sen eini­ge Poli­ti­ker par­tei­über­grei­fend nicht locker. Von jetzt auf gleich. Nur die sonst wort­star­ke Lin­ke schweigt – noch. Hat sie den nächs­ten gro­ßen Wed­din­ger Auf­re­ger verschlafen?

Ver­wit­tert und im lei­sen Ver­fall begrif­fen. Die Bedürf­nis­an­stalt Edin­bur­ger Stra­ße. Foto: And­rei Schnell

Los ging der Spaß mit einer Anfra­ge der CDU am 18. Novem­ber, bei der ers­ten rich­ti­gen Sit­zung der BVV: “In wel­chem Zustand befin­det sich das Gebäu­de?” Eine fie­se Fra­ge, wo doch alle die Ant­wort wis­sen. Der Zustand ist mit Rui­ne nicht lus­tig aber tref­fend beschrie­ben. Aber es knis­tert regel­recht in der Luft, denn der Fra­ger will natür­lich etwas ande­res her­aus­kit­zeln: Kennt sich die neu gewähl­te Stadt­rä­tin für Stra­ßen und Grün­flä­chen Almut Neu­mann aus? War sie schon vor Ort? Hat sie einen Über­blick über ihren Auf­ga­ben­be­reich? Bis zum letz­ten öffent­li­chen Klo? Wäh­rend der Fra­ger selbst natür­lich Bescheid weiß: “Ange­sichts der neu errich­te­ten öffent­li­chen Toi­let­te auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te der Bar­fuß­stra­ße erscheint eine erneu­te Nut­zung des Gebäu­des als Toi­let­ten­haus unnö­tig”. Ach, seuf­zen da alle Schü­ler, wann stellt mein Leh­rer end­lich sol­che Fra­gen, bei denen er die Ant­wort gra­tis mit­lie­fert. Aber Ach­tung! Hier will jemand die neue Stadt­rä­tin aufs Glatt­eis locken. Denn es gibt kei­ne Bar­fuß­stra­ße, nur die offi­zi­ell als Bar­fus­stra­ße beti­tel­te. Ech­te Wed­din­ger wis­sen: Einen Bar­fuß­pfad sucht man im Schil­ler­park ver­ge­bens. Das ist natür­lich mehr als ein von korrekturen.de über­se­he­ner Tipp­feh­ler, das ist ein hin­ter­häl­ti­ger Test der Orts­kennt­nis nach dem Mot­to, ob das der Stadt­rä­tin auffällt?

PP

Aber auch die SPD nutzt die komi­sche Stun­de der wie­der­ent­deck­ten Toi­let­te am Schil­ler­park. In der zwei­ten regu­lä­ren BVV-Ver­samm­lung am 16. Dezem­ber stellt auch sie kil­le­ri­ge Fra­gen: “Hat das Bezirks­amt geprüft, ob evtl. eine Nut­zung als Lager­raum für nied­rig­schwel­li­ge Sport­an­ge­bo­te im Park infra­ge kommt, z.B. Lager für Bäl­le, Kegel, Feder­ball o.ä.?” Drei Abkür­zun­gen in einem Satz! Das soll ein Insi­der-Witz wer­den. Und oben­drein noch das Code­wort nied­rig­schwel­lig. Wer bei nied­rig­schwel­li­gen Sport­an­ge­bo­ten an alles außer Vol­ley­ball denkt, steht im Abseits. Nein, nied­rig­schwel­lig soll hei­ßen, wer bei “Sport­an­ge­bo­ten im Park” mit­ma­chen möch­te, klin­gelt an der PP-Tür (sie­he Foto) und holt sich einen Ball. Ohne dafür vor­her einen Ter­min beim Bür­ger­amt aus­ge­macht zu haben. 

Und die neue Stadt­rä­tin Almut Neu­mann? Hat sie bei die­sem The­ma gut lachen? Man muss wis­sen, in ihrem frü­he­ren Leben war sie Akti­vis­tin und woll­te hob­by­mä­ßig mit dem Kopf durch die Wand. Nun muss sie als Poli­ti­ke­rin wie ein Har­le­kin auf dem berühm­ten schma­len Grad des Kom­pro­mis­ses wan­deln. In der Enge zwi­schen Wand und Tape­te, um im Bild zu blei­ben. Schafft sie das? Na klar. Einer­seits bedient sie sich des zer­beul­ten Werk­zeug­kas­tens, den ihre Vor­gän­ge­rin Sabi­ne Weiß­ler hin­ter­las­sen hat und sagt: “Die Akqui­se eines Nut­zers und die Wie­der­her­stel­lung der Nutz­bar­keit wird der­zeit im Ver­gleich zum Erhalt ohne Nut­zung als unwirt­schaft­lich bewer­tet und daher nicht ver­folgt.” Boff. Man darf sich an Park­ca­fé Reh­ber­ge erin­nert füh­len. Zu teu­er, wie­der­hol­te Sabi­ne Weiß­ler da über Jah­re hin­weg. Doch Almut Neu­mann beherrscht bereits das poli­ti­sche Sowohl-Als-Auch, um dem Ent­we­der-Oder zu ent­kom­men. Des­halb schiebt sie gleich hin­ter­her: “Ein Bedarf wur­de bis­her nicht an das Stra­ßen- und Grün­flä­chen­amt her­an­ge­tra­gen.” Damit meint sie: Kommt mal auf ein lecker Schnäp­per­ken vorbei.

Das darf man im Grun­de als eine Ein­la­dung an die Lin­ken für eine Poin­te ver­ste­hen. Die tun so, als haben sie bis­lang noch nicht erkannt, wie viel Komik mit der Bedürf­nis­an­stalt her­aus­zu­ho­len ist. Aber ver­mut­lich gleich mor­gen grün­det die Par­tei die Stadt­park­ver­tre­tung Mensch Schiller. 

Nicht ver­schwie­gen wer­den soll, dass bereits Sabi­ne Weiß­ler eine Fra­ge zum stil­len Ört­chen auf den Tisch flat­ter­te. Geschla­ge­ne zwei Stun­den haben – laut Kos­ten­no­te – meh­re­re Mit­ar­bei­ter für die­se humor­lo­se Ant­wort gebraucht: “Das ehe­ma­li­ge Toi­let­ten­häus­chen befin­det sich lei­der in einem schlech­ten Erhal­tungs­zu­stand.” Damit es nach ein biss­chen mehr aus­sieht, hat die frü­he­re Stadt­rä­tin wie ein Abitu­ri­ent in der Deutsch­prü­fung noch ein biss­chen was geCo­p­py­And­Pas­ted. Also eigent­lich das Meis­te. Aus der Denk­mal­da­ten­bank. Wer das für einen schlech­ten Toi­let­ten­witz hält, der amü­siert sich hier mit Anfra­ge 1094.

Aber es stimmt natür­lich, es ist unter­halt­sam, wie lie­be­voll das Lan­des­denk­mal­amt das Klohaus am Ran­de der Stadt anhim­melt: “Stra­ßen­sei­tig wer­den die Häu­ser jeweils durch eine Kon­che mit Man­sard­dach akzen­tu­iert.” Was vor 100 Jah­ren mit so viel Hin­ga­be gebaut wur­de, das wird nun mit glei­cher Hin­ga­be ins Zen­trum der poli­ti­schen Unter­hal­tung geholt. Jetzt gibt es den BVV-Beschluss, ein Kon­zept zur Nut­zung des Gebäu­des zu erstel­len. Damit der Spaß nie aufhört.

Denk­mal­ge­schütz­tes Toi­let­ten­haus sorgt für Dis­kus­sio­nen. Foto: And­rei Schnell

Andrei Schnell

Meine Feinde besitzen ein Stück der Wahrheit, das mir fehlt.

4 Comments

  1. Hal­lo

    mög­lich das die frü­he­re Stadt­rä­tin zu viel geCo­p­py­And­Pas­ted hat … woll­te mich mal amü­sie­ren… doch leider 

    404 – Datei oder Ver­zeich­nis wur­de nicht gefunden.
    Die gesuch­te Res­sour­ce wur­de mög­li­cher­wei­se ent­fernt oder umbe­nannt, oder sie steht vor­über­ge­hend nicht zur Verfügung.

    Scha­de

    • Das hat­te ich schon ein­mal, lei­der ver­ges­sen. Wenn man Anfra­gen und so wei­ter auf­ruft, dann gene­riert die Web­sei­te des Bezirks­amts einen tem­po­rä­ren Link. Ich habe jetzt eine Ver­bin­dung zur Start der klei­nen Anfra­gen gesetzt und der geneig­te Leser muss die Zahl 1094 selbst ein­tip­pen und gelangt zu dem Dokument.

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