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Weddinger Lokalhistorie: Gesundbrunnen eine Fußnote der Geschichte?

Statt Gesundbrunnen heißt es Luisenbrunnen auf einer Karte aus dem Jahr 1842. Gemeinfrei
Statt Gesund­brun­nen heißt es Lui­sen­brun­nen auf einer Kar­te aus dem Jahr 1842. Gemeinfrei

Das nennt man einen Trep­pen­witz der Geschich­te: 1251 befand sich das Dorf Wed­ding­he nahe einer Müh­le an der Pan­ke – ein Fleck, der auf dem heu­ti­gen Gebiet Gesund­brun­nens liegt. Das besagt ein alter Kauf­ver­trag aus dem Mit­tel­al­ter. Die Müh­le und das Dorf lag ver­mut­lich in Höhe des Amts­ge­richts Wed­dings. Es folg­te ein hal­bes Jahr­tau­send wech­sel­vol­ler Wed­din­ger Geschich­te – bis der Name Gesund­brun­nen erst­ma­lig auf­tauch­te. Für eine kur­ze Zeit gab es dann tat­säch­lich ein eigen­stän­di­ge Geschich­te Gesund­brun­nens, bevor sie im Lauf der Zeit wie­der versiegte.

Eine Quelle wird bekannt

Das Luisenhaus erinnert an das Heilbad
Das Lui­sen­haus erin­nert an das Heilbad

Bis ins 18. Jahr­hun­dert taucht das Vor­werk “Wed­ding” ab und an in Kauf­ver­trä­gen auf, aber nie der Name Gesund­brun­nen. Ab etwa 1700 ist eine Walk­müh­le an der Pan­ke in Höhe Bad­stra­ße bezeugt. 1748 kann als Geburts­jahr des Gesund­brun­nens gel­ten, weil in die­sem Jahr eine Quel­le erwähnt wur­de, die der Che­mi­ker Andre­as Sigis­mund Mar­ggraf offi­zi­ell zur Heil­quel­le erklär­te. Der geschäfts­tüch­ti­ge Hof­apo­the­ker Hein­rich Wil­helm Behm erhielt von sei­nem König Fried­rich II. (der “Gro­ße”) ab 1758 das Recht, eine Heil- und Bade­an­stalt ein­zu­rich­ten. Zum Dank nann­te er die Anla­ge kurz­zei­tig Fried­richs-Gesund­brun­nen. Etwas her­ma­chen soll­te spä­ter auch der Name Loui­sen­bad oder Lui­sen­bad. 1809 hat­te die Köni­gin Lui­se das Kur­bad besucht, mit dem neu­en Namen soll­te für Umsatz gesorgt wer­den. Ab 1879 ver­such­ten Gebrü­der Galusch­ki mit dem Namen Mari­en­bad das Geschäft mit Kur- und Heil­bad anzu­kur­beln. Da das Kur­le­ben tat­säch­lich im kras­sem Gegen­satz zum Leben im ver­arm­ten Ber­li­ner Vor­ort Wed­ding stand, kann von einer kurz­zei­ti­gen eige­nen Geschich­te des Gesund­brun­nens gespro­chen werden.

Wie das Gebiet zu Berlin kam

Ausschnitt aus einem Plan von Ferdinand Boehm zur Eingemeindung von 1860.
Aus­schnitt aus einem Plan von Fer­di­nand Boehm zur Ein­ge­mein­dung von 1860.

Die armen Leu­te des Wed­dings stan­den im Mit­tel­punkt der Dis­kus­si­on, ob der Land­strich in die Stadt Ber­lin ein­ge­mein­det wer­den soll­te. Weder der Land­kreis Nie­der­bar­nim noch die Stadt Ber­lin woll­te sie so recht haben. Dis­ku­tiert wur­de um die Ein­ge­mein­dung von 1818 bis zum 1. Janu­ar 1861. Mit die­sem Datum kamen die Dör­fer Wed­ding und Gesund­brun­nen als Bezirk Num­mer 3 zu Ber­lin. Der Name Gesund­brun­nen scheint aber nicht recht ver­brei­tet gewe­sen zu sein, eine Kar­te aus dem Jahr 1861 bezeich­net die bei­den Dör­fer mit Wed­ding und Lui­sen­brun­nen. Den­noch: Der neue Bezirk Num­mer 3 wur­de offi­zi­ell “Wed­ding und Gesund­brun­nen” genannt.

Die­se 1861 geschaf­fe­ne Ver­wal­tungs­struk­tu­ren hiel­ten rund 60 Jah­re bis zur Bil­dung der Stadt- oder Ein­heits­ge­mein­de Groß-Ber­lin. 1920 wur­de vom Schreib­tisch Groß-Ber­lin geschaf­fen und damit gleich Bezirks­gren­zen neu geord­net. So kamen Tei­le der Rosentha­ler Vor­stadt und Tei­le der Ora­ni­en­bur­ger Vor­stadt in den neu fest­ge­leg­ten Bezirk Wed­ding. Das heißt, wer heu­te im Brun­nen­vier­tel lebt, ist also (wenn man es ganz genau nimmt) eigent­lich kein Gesundbrunner.

Sogar ein Stück Pankow kommt zum Wedding

1938 wur­den die Gren­zen des Bezirks Wed­ding erneut ver­scho­ben. Ein Teil der Jung­fern­hei­de und Stra­ßen­zü­ge rund um die Wollank­stra­ße wur­den dem Bezirk Wed­ding zuge­schla­gen. Mit ande­ren Wor­ten: der nörd­li­che Zip­fel des Gesund­brun­nens ist eigent­lich Pan­kow. Natür­lich nur, wenn man es genau nimmt.

Ausschnitt einer Karte des Statistisches Amt der Reichshauptstadt zur Neueinteilung der Bezirke 1938. Gemeinfrei.
Aus­schnitt einer Kar­te des Sta­tis­ti­sches Amt der Reichs­haupt­stadt zur Neu­ein­tei­lung der Bezir­ke 1938. Gemeinfrei.

In der Zeit der Tei­lung gab es kei­ne Ände­run­gen an den Bezirks­gren­zen. Dafür scheint sich der Name Wed­ding ber­lin­weit durch­ge­setzt zu haben, wäh­rend Gesund­brun­nen immer mehr ins Hin­ter­tref­fen geriet. Heu­te, rund ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach West­ber­li­ner Zei­ten, ist der Name Wed­ding jedem Ber­li­ner ein Begriff. Der Name Gesund­brun­nen hat es da heu­te deut­lich schwe­rer, bei allen Ber­li­nern eine Vor­stel­lung zu erzeugen.

Gesundbrunnen tauchte wieder auf

2001 wur­de die Ver­wal­tung wie­der ein­mal aktiv. Bei der so genann­ten Ver­wal­tungs­re­form von 2001 wur­den aus 23 Bezir­ken nur noch 12. Ein sol­cher Schritt bedeu­tet, dass eine gewis­se Ent­fer­nung zwi­schen Bür­ger und Bezirk ent­steht. Um die­se Ent­fer­nung weni­ger fühl­bar zu machen, wur­den die Orts­tei­le wie­der­ent­deckt. Und mit ihnen auch der Name Gesund­brun­nen aus der Ver­sen­kung geho­ben. Seit 2001 ist Gesund­brun­nen ein offi­zi­el­ler Orts­teil im Bezirk Mit­te. Den Behör­den sei Dank.

LINKS

Infor­ma­tiv sind die Info-Tafeln im Durch­gang Bad­stra­ße 38, die die Tei­lung Wed­dings und Gesund­brun­nens durch die Erben Behms darstellt.
Und ein alter Bei­trag auf dem Wed­ding­wei­ser: War­um sich Wed­ding und Gesund­brun­nen noch immer als Ein­heit sehen

Text: And­rei Schnell; Kar­ten: Wiki­pe­dia, gemeinfrei

Andrei Schnell

Man hat mir versichert, es gäbe keine Vorschrift zu gendern und ich sei in dieser Frage frei, nicht wahr? Außerdem: Mein Hintergrund ist ostdeutsch, das beruht auf Erlebnissen. Und: Politik sehe ich mir an wie Sportwettbewerbe. Plus: Lese ich ein Buch, dann möchte ich es gleich besprechen. Ich mag Geschichten und Geschichte. Mister Gum möchte ich abschließend erwähnen.

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