Wer durch die beiden Torbögen an der Müllerstraße tritt, lässt für einen Moment den Lärm der Hauptstraße hinter sich. Zwischen Backsteinfassaden und alten Bäumen öffnet sich ein Gelände, das seit Generationen ein Ort der Hilfe, Pflege und Begegnung ist: das Paul-Gerhardt-Stift.
Vom Kreuzberg in den Wedding
Gegründet wurde das Paul-Gerhardt-Stift am 7. Juni 1876 als evangelisches Diakonissenmutterhaus. Initiatoren waren Geistliche aus der Berliner St.-Jacobi-Gemeinde, die eine Einrichtung schaffen wollten, in der Diakonissen Kranke, Kinder und alte Menschen versorgen konnten. Der Name erinnert an den berühmten evangelischen Liederdichter Paul Gerhardt, der auch im 17. Jahrhundert als Pfarrer in Berlin wirkte.



Zunächst befand sich die Stiftung aber im heutigen Kreuzberg. Wenige Jahre später wurde ein größeres Gelände am nördlichen Stadtrand gesucht. 1887 erwarb das Stift das Grundstück an der Müllerstraße 56–58 im Wedding. Dort begann der Bau eines großen Ensembles aus Mutterhaus, Kapelle, Krankenhaus und weiteren Gebäuden. Die Bauarbeiten für das zentrale Mutterhaus wurden zwischen 1885 und 1888 ausgeführt, 1898 und 1920 folgten Erweiterungen. Der Komplex wuchs zu einer kleinen „Stadt in der Stadt“. Neben dem Krankenhaus entstand eine Isolierstation für Infektionskrankheiten und eine Krankenpflegeschule für die Ausbildung der Diakonissen.


Krieg, Wiederaufbau und Wandel
Wie viele Einrichtungen in Berlin blieb auch das Stift von Umbrüchen nicht verschont. Während des Ersten Weltkriegs wurden Teile der Anlage als Lazarett genutzt. Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Gelände Schäden durch Bombenangriffe, konnte aber später wieder aufgebaut werden. Mit dem Wandel des Gesundheitswesens änderte sich auch die Rolle des Stifts. Die klassische Diakonissenpflege verlor im Laufe der Zeit an Bedeutung. Stattdessen entwickelte sich das Gelände zunehmend zu einem vielseitigen sozialen Zentrum. Heute steht das historische Ensemble unter Denkmalschutz. 1989 schloss schließlich das Krankenhaus.
Das Leitmotiv der Gründungsurkunde gilt bis heute: „Das Paul-Gerhardt-Stift begehrt allen zu dienen, soweit Kraft und Vermögen reichen, und keinen auszuschließen.“


Ein sozialer Mikrokosmos im Englischen Viertel
Das rund 20.000 Quadratmeter große Gelände liegt im sogenannten Englischen Viertel zwischen Schillerpark und Rehberge. Heute vereint das zum Diakonieverbund gehörende Stift eine Vielzahl sozialer und medizinischer Einrichtungen wie Arztpraxen unter einem Dach. Noch 1976 lebten 126 Schwestern im Stift. (Bis 2014 sinkt ihre Zahl auf fünf). Auch das Zukunftshaus Wedding, seit 2013 ein Stadtteil- und Familienzentrum, hat hier seinen Sitz. Es dient als Treffpunkt für Nachbarschaft, Beratung und Veranstaltungen im Kiez.


Damit erfüllt das Gelände bis heute eine ähnliche Funktion wie vor über hundert Jahren: ein Ort, an dem medizinische Versorgung, soziale Unterstützung und Gemeinschaft zusammenkommen.
Neubauten und Zukunftspläne

Im Jubiläumsjahr blickt das Paul-Gerhardt-Stift nicht nur zurück, sondern auch nach vorn. Auf dem Gelände entsteht derzeit ein neues Wohnprojekt an der Barfusstraße. Geplant sind mehr als hundert Wohnungen, viele davon mit sozialverträglichen Mieten. Auch ökologische Ziele spielen eine Rolle: Das Stift verfolgt langfristig das Ziel, bis 2035 klimaneutral zu werden.
150 Jahre Engagement
Wer heute durch die ruhige, ausgedehnte Anlage geht, begegnet nicht nur historischer Architektur, sondern auch einem lebendigen Stück Weddinger Sozialgeschichte. Und einem Ort, an dem seit anderthalb Jahrhunderten versucht wird, den Satz aus der Gründungszeit praktisch umzusetzen: Hilfe da zu leisten, wo sie gebraucht wird.
Termine im Jubiläumsjahr
Herausgabe des historischen Bands von Herrn Helmut Bräutigam „Ein Segen für die Stadt“; Termin: 19. Mai um 18:00 Uhr: Paul Gerhardt Saal. Es ist keine Anmeldung erforderlich.
Jubiläum | Jahresfest, „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“
Termin: 7. Juni von 12:00 bis 18:00 Uhr; Stiftspark, 150. Jahresfest. Es beginnt mit einem Festgottesdienst und geht anschließend in ein Stadtteilfest über. Es ist keine Anmeldung erforderlich.
Konzertlesung mit Clemens Bittlinger und Anselm Grün im Stiftspark
Am 6. Juli um 18:00 Uhr „Herr, kehre ein in dieses Haus“, Stiftspark



Es wäre schön, wenn das Zukunftshaus mehrere mittelgroße Räume und nicht nur einen anbieten könnte, um Workshops, Besprechungen und Arbeitssitzungen für Bürgerprojekte anzubieten. Auch das von Schueler*innen betriebene kleine Café im schattigen Hof scheint nur zu Schulzeiten geöffnet zu sein, also weder nachmittags noch in den Ferien….
Dies ist nicht nur ein ganz besonderer, beeindruckender Ort im Wedding. Dort befindet sich auch eine der wichtigsten LAF-Gemeinschaftsunterkünfte für Geflüchtete. Eine Gemeinschaftsunterkunft mit besonderem Fokus auf (schwerst) pflegebedürftige Geflüchtete, die beim LAF im Leistungsbezug stehen. Das Team um sie Leitung der Gemeinschaftsunterkunft leistet hervorragende und für das LAF unverzichtbare Arbeit.