Tour A durch Deutschlands ersten U‑Bahn-Tunnel

AEG-Versuchstunnel U-Bahn
Hol­ger Hap­pel von den Unter­wel­ten führt durch den AEG-Ver­suchs­tun­nel. Foto: And­rei Schnell

Infor­ma­ti­on 1895 bis 1897 bau­te die AEG einen Tun­nel unter die Vol­ta­stra­ße und ließ durch die­sen Wagen mit Elek­tro­mo­to­ren fah­ren. “Der Tun­nel kann somit als ers­ter U‑Bahntunnel Deutsch­lands ange­se­hen wer­den”, schreibt der Ver­ein Ber­li­ner Unter­wel­ten e.V. auf sei­ner Web­sei­te. Ab dem 8. April bie­tet der Ver­ein erst­mals regel­mä­ßi­ge Füh­run­gen durch die­sen AEG-Ver­suchs­tun­nel an. Jeden Sonn­abend um 11 und um 13 Uhr geht es mit Tour A hin­ab in den Tun­nel. 200 000 Euro hat der Ver­ein in das Denk­mal unter der Wed­din­ger Erde inves­tiert, um ihn mög­lichst orgi­nal­ge­treu zei­gen zu können.

Die ers­te ech­te U‑Bahn in Ber­lin wur­de aller­dings nicht von der AEG (All­ge­mei­ne Electri­ci­täts Gesell­schaft), son­dern vom Kon­kur­ren­ten Sie­mens gebaut. Am 15. Febru­ar wur­de mit einer “Minis­ter­fahrt” vom Pots­da­mer Platz zum Bahn­hof Zoo und von dort zum Stralau­er Tor (heu­te etwa War­schau­er Stra­ße) die U‑Bahn in Ber­lin eröff­net. Bevor aber Minis­ter und Fahr­gäs­te die tech­ni­sche Inno­va­ti­on einer Unter­pflas­ter­bahn benut­zen konn­ten, muss­te Über­zeu­gungs­ar­beit geleis­tet wer­den. Des­halb bau­te die AEG einen Ver­suchs­tun­nel. Der Tun­nel ver­band die Fabri­ken an der Vol­ta­stra­ße mit einem klei­ne­ren Kom­plex der AEG an der Acker­stra­ße. Bis 1914 fuhr in dem Tun­nel “eine elek­tri­sche Bahn für die inter­ne Per­so­nen- und Las­ten­be­för­de­rung”, wie es auf Wiki­pe­dia heißt. Aber es war eben eine Ver­such­stre­cke, kei­ne öffent­li­che U‑Bahn.

Berliner Unterwelten haben Tunnel trocken gelegt

Verkehrsschild U-Bahn
Vor­sicht Dampf­lok im Ver­suchs­tun­nel? Foto: And­rei Schnell

Der Ver­ein Ber­li­ner Unter­wel­ten e.V. hat den engen und kur­vi­gen Tun­nel, durch den einst Wag­gons mit bis zu 30 Kilo­me­ter pro Stun­de gesaust sind, wie­der zugäng­lich gemacht. Zuletzt stand das Bau­werk unter Was­ser. Der Ver­ein hat die Anla­ge tro­cken­ge­legt. Auf 320 Metern wur­den die Schie­nen wie­der frei­ge­legt, die unter Beton und Est­rich ver­steckt lagen. Die Eigen­tü­me­rin des Tun­nels, die GSG Ber­lin (Gewer­be­sied­lungs-Gesell­schaft), unter­stütz­te den Ver­ein bei der Instandsetzung.

Tour A heißt die 90-minü­ti­ge Füh­rung, die immer Sonn­abend um 11 und um 13 Uhr ange­bo­ten wird. Das A steht dabei als Kür­zel für AEG. Die Füh­rung heißt zurecht nicht Tour V wie Ver­suchs­tun­nel. Denn Teil der Füh­rung ist eine aus­führ­li­che Prä­sen­ta­ti­on zur Geschich­te der AEG-Fabrik an der Voltastraße.

U‑Bahn-Tunnel konnte 2004 erstmals besichtigt werden

Manch einer erin­nert sich viel­leicht an Füh­run­gen durch den Ver­suchs­tun­nel, die bereits von 2004 bis 2009 bei der Lan­gen Nacht der Wis­sen­schaf­ten ange­bo­ten wur­den. Zu die­ser Zeit konn­te der Tun­nel noch kom­plett abge­lau­fen wer­den. Die weni­gen letz­ten Meter des Bau­werks wur­den erst 2009 von der Eigen­tü­me­rin des Fabrik­blocks zwi­schen Acker­stra­ße und Hus­si­ten­stra­ße mit einer Mau­er ver­schlos­sen. Gleich­zei­tig wur­den die Pum­pen abge­schal­tet und der Tun­nel begann mit Was­ser voll­zu­lau­fen. Die Nut­zun­gen des Ver­suchs­tun­nels waren in sei­ner 120-jäh­ri­gen Geschich­te sehr unter­schied­lich, wie wäh­rend der Füh­rung an vie­len Spu­ren im Mau­er­werk gezeigt wird.

Der Hin­weis, dass im Kel­ler zu jeder Jah­res­zeit nur zehn bis zwölf Grad herr­schen, soll­te ernst genom­men wer­den, dem Besu­cher wird recht schnell kühl unter Tage. Für die Tour ist ein Min­dest­al­ter von 18 Jah­ren fest­ge­legt. Auch ist der Tun­nel abschüs­sig, Flip Flops haben in die­sem Indus­trie­denk­mal nichts zu suchen.

U-Bahn
Tour A in den AEG Ver­suchs­tun­nel beginnt in der Vol­ta­stra­ße 5 und 6. Foto: And­rei Schnell

Tickets für die Füh­rung gibt es aus­schließ­lich online. Eine Kar­te kos­tet 11 Euro. Auf ihrer Web­sei­te beschrei­ben die Ber­li­ner Unter­wel­ten ihre Tour A.

Die ers­te “rich­ti­ge” U‑Bahn im Wed­ding war übri­gens die heu­ti­ge U6. Am 8. März 1923 wur­de für die aus Mit­te kom­men­de Stre­cke bis zum U‑Bahnhof See­stra­ße eröff­net. Die U8 wur­de erst 1930 vom Alex­an­der­platz bis Bahn­hof Gesund­brun­nen ver­län­gert. Die U 9 kam sogar erst 1961 in den Wedding.

Text und Fotos: And­rei Schnell

Andrei Schnell

Mit ostdeutschem Hintergrund bin ich im Weddingspektrum einer von vielen anderen Sonderlingen. Ich vergleiche Politik gern mit Sport, dann ist sie spannend und nicht bierernst. Wenn ich ein Buch lese, frage ich mich immer, wo ich es besprechen kann. Ich reporte ja für Weddingweiser, Weddinger Allgemeine Zeitung und Kiezmagazine. Ich mag Geschichten und Geschichte.

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